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Versicherungen
Ein Markt im Wandel: Wie sich das Geschäft mit Lebensversicherungen verändert

Schwache Anbieter können nicht auf die Hilfe finanzstarker Wettbewerber hoffen. So bleibt häufig nur der Weg zu einer Abwicklungsgesellschaft.

02.04.2021 | von Christian Schnell

Bargeld-Münzen © dpa

München „Wir haben eine Zeitenwende“, bringt Reiner Will die Lage der deutschen Lebensversicherer auf den Punkt. Die Produkte ändern sich, die Zahl der unterschiedlichen Gattungen steigt, der Kunde kommt dabei nur schwer hinterher.

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Der Geschäftsführer der Ratingagentur Assekurata bewertet die Branche seit vielen Jahren. Eines der Kernprobleme für die Anbieter sei, dass ein Ende der seit mehr als einem Jahrzehnt anhaltenden Niedrigzinsphase nicht in Sicht sei. Damit müssten sie Altverträge bedienen, die vor zwei Jahrzehnten noch einen Garantiezins von bis zu vier Prozent versprachen.

Doch auch viele der jüngeren Verträge sind mittlerweile ein Zuschussgeschäft. „Die größere Herausforderung sind die Verträge mit einer versprochenen Verzinsung von 1,75 Prozent, 2,25 Prozent oder 2,75 Prozent, die noch 15 Jahre oder länger laufen“, so Reiner Will. Um die zu bedienen, sei eine veränderte Anlagestrategie nötig.

Unterstützung großer und nach wie vor finanzstarker Häuser dürfen die finanziell weniger gut aufgestellten Anbieter dabei nicht erwarten. „Die Übernahme fremder Bestände ist nicht unser Ziel“, machte jüngst Norbert Rollinger, Vorstandschef des genossenschaftlichen Versicherers R+V, gegenüber dem Handelsblatt deutlich. Der Markt werde sich verändern, mittelfristig erwartet er eine Konsolidierung des Lebensversicherungsgeschäfts in Deutschland. Dass auch der Branchenprimus Allianz nicht als Helfer in der Not bereitsteht, hatte Vorstandschef Oliver Bäte zuvor schon deutlich gemacht.

Er warnte im Handelsblatt-Interview zum Jahreswechsel angesichts der anhaltenden Niedrigzinspolitik offen davor, „dass ein paar Wettbewerber, die nicht gut gewirtschaftet haben, ausscheiden“. Ein solches Szenario solle aber auch nicht dramatisiert werden. „Das gibt es in jeder Industrie“, sagte er. Zur Marktwirtschaft gehöre auch das Ausscheiden von Unternehmen – und das müsse es auch bei Finanzdienstleistern geben.

Run-off als mögliche Alternative

Für angeschlagene Lebensversicherer bliebe als Alternative somit vor allem der sogenannte Run-off der Altbestände. Etliche Häuser haben diesen Schritt bereits in der Vergangenheit in unterschiedlichen Varianten gewählt.

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Sieben deutsche Lebensversicherer befinden sich laut Assekurata derzeit in einem externen Run-off, haben Bestände somit an spezialisierte Abwicklungsgesellschaften wie Athora, Viridium oder die FL-Gruppe übergeben. Andere Anbieter wie die Ergo wickeln Altbestände intern ab und betreiben parallel dazu weiterhin erfolgreich Neugeschäft. Dieser Trend dürfte auch in Zukunft anhalten.

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Fakt ist aber auch, dass Anbieter, deren Bestände sich im Run-off befinden, häufig eine schwache Finanzausstattung zeigen. Das gehört oft sogar zur Strategie. Für die Versicherer schrumpfen die Verpflichtungen aus dem Bestand der alten Verträge quasi täglich mit jeder fälligen Police. Deswegen vermeiden es die Gesellschaften, mehr Kapital vorzuhalten als nötig. Viele standen schon vor der Einstellung des Neugeschäfts nicht gut da, eine Besserung war im Zustand der Abwicklung nicht zu erwarten.

Das gilt auch für das Schlusslicht Frankfurt Münchener, die zum Portfolio des Abwicklers FL-Gruppe gehört. FL-Vorstand Bernd Neumann will bei der Solvabilität gar nicht zur Spitzengruppe gehören, betonte er gegenüber dem Handelsblatt. „Deshalb können wir die Kapitalanlage so steuern, dass sie ein attraktives Rendite-Risiko-Profil aufweist“. Der Bund der Versicherten kritisierte im vergangenen Jahr die Kapitalausstattung jedoch als potenziell „gefährlich“, weil die Firma stark zinsabhängig sei.

Auch die Düsseldorfer Ergo schloss bei ihren alten Lebensversicherungen schon vor Jahren die Bücher für Neuabschlüsse. Dort führt der Blick auf die Solvenzzahlen jedoch zu einem besonderen Kontrast. So schaffte die Ergo Lebensversicherung, in der die Altverträge der Tochter Viktoria abgewickelt werden, zuletzt eine Solvenzquote von lediglich 88 Prozent. Die Ergo Vorsorge, die weiter das Neugeschäft des Versicherers betreibt, bringt es dagegen auf stattliche 520 Prozent und gehört damit zur deutschen Spitzengruppe.

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Geändert hat sich jetzt schon die öffentliche Wahrnehmung eines Run-offs, die in der Vergangenheit oftmals kritisch ausfiel. „Das Thema Run-off ist inzwischen enttabuisiert und gilt als anerkannte Form, um das Geschäft weiterzuführen“, sagt Assekurata-Geschäftsführer Will.

Ähnlich sieht man es bei den Aufsehern der Bafin, die die Übergänge von Beständen genehmigen müssen. Bafin-Exekutivdirektor Frank Grund bezeichnet einen Run-off grundsätzlich als unternehmerische Entscheidung. Mit weiteren Bestandsübertragungen ist allerdings vorerst nicht zu rechnen. „Derzeit liegen uns keine Anträge vor und sind auch nicht angekündigt“, so Grund.

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