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Lebensversicherungen
Viridium dringt mit der Übernahme der Generali-Verträge in eine neue Dimension vor

Viridium ist auf die Abwicklung von Lebensversicherungen spezialisiert. Die Branche verfolgt das Projekt von Chef Heinz-Peter Roß mit großem Interesse.

27.01.2020 | von Christian Schnell

Abwicklungsspezialist Viridium © Viridium

München Als der Deal im Sommer 2018 verkündet wurde, war der öffentliche Aufschrei groß: Der Versicherungsriese Generali Leben gab bekannt, gut vier Millionen Altverträge an den Abwicklungsspezialisten Viridium zu verkaufen. Eine Dimension, die es bislang in Deutschland nicht gegeben hatte. Verbraucherschützer warnten vor unabsehbaren Folgen für die Kunden. Doch die Finanzaufsicht Bafin hatte keine Bedenken und winkte den Deal ein Dreivierteljahr später durch. Jetzt geht die Plattform an den Start.

„Wir wissen: Alle gucken auf uns“, sagt Viridium-Chef Heinz-Peter Roß im Gespräch mit dem Handelsblatt. Die organisatorische Integration der Generali Leben ist inzwischen weitgehend abgeschlossen, im Februar werden nun die Finanzsysteme angebunden. Dies wiederum ist die Voraussetzung für die technische Integration der Verträge.

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In der Branche wird das Projekt mit großem Interesse verfolgt. Zum ersten Mal kommt ein großer deutscher Lebensversicherer in fremde Hände, dem italienischen Mutterkonzern waren die Belastungen durch die langfristigen Zinsgarantien für die Kunden zu hoch. Weil nach wie vor kein Ende der Zinsflaute absehbar ist, liebäugeln inzwischen auch andere Versicherer damit, sich von hochverzinsten Altverträgen zu trennen.

Klassische Lebensversicherungen binden wegen der Auflagen der Aufseher zudem viel Kapital, sie laufen aber oft noch Jahrzehnte. Für Viridium, im Besitz des britischen Finanzinvestors Cinven und der Hannover Rück, ist das eine große Chance.

Das Unternehmen – mittlerweile gehört auch Generali selbst zu den Anteilseignern – denkt längst darüber nach, weitere Bestände auf die Plattform zu ziehen. Die Kalkulation dahinter: Spezialisten bekommen die Abwicklung der Versicherungspolicen günstiger und effizienter hin als die Versicherer.

Heinz Peter Roß © Viridium

Bei Viridium geht es nun in die heiße Phase. Die Übertragung der Verträge soll in drei Phasen laufen, wie Roß erklärt: Zunächst werden die klassischen Risikoverträge von Generali herübergezogen. Anschließend folgen die Verträge mit Kapital-, Hybrid- und Fondsprodukten und in einer letzten Phase dann die Verträge mit Pflegeversicherungen sowie andere komplexe Teilbestände.

Im Sommer 2022 soll dann alles auf Viridium-Systemen laufen. Daran arbeiten im Moment rund 300 interne wie externe Mitarbeiter. Ungefähr die Hälfte entfällt auf den Standort Hamburg, wo die einstige Generali-Tochter Volksfürsorge ihren Sitz hatte. Der Rest verteilt sich auf München und den Stammsitz von Viridium in Neu-Isenburg bei Frankfurt.

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Viridium dringt mit der Übernahme der Generali-Verträge in eine ganz neue Dimension vor. In den mehr als fünf Jahren, die seit der Gründung vergangen sind, hatte das Unternehmen bisher die Lebensversicherer Heidelberger und Skandia sowie den Bestand der Protektor Lebensversicherung übernommen. Die firmierte davor unter dem Namen Mannheimer, inzwischen als Entis. Deren Bestand ist erst seit Dezember vollständig auf die Systeme von Viridium übertragen.

Ein Namenswechsel nach dem Verkauf war Bestandteil des Deals. Seit Oktober 2019 laufen die ehemaligen Generali-Leben-Verträge unter Proxalto. Insgesamt betreut die Viridium-Gruppe damit knapp 4,5 Millionen Lebensversicherungsverträge in Deutschland. Deutschlandweit sind derzeit mehr als 87 Millionen Verträge im Umlauf, wie der Branchenverband GDV errechnet hat.

Die Herausforderungen in der Umsetzung sind gewaltig. Das liegt vor allem an der Vielzahl der unterschiedlichen Tarife, die die einzelnen Gesellschaften über die Jahre in ihrem Bestand aufgebaut haben. Weil die Vertriebe immer wieder nach neuen Produkten verlangten, mit denen sie um Kunden werben konnten, wurde die Ausgestaltung der Policen häufig verändert.

Beim Generali-Paket kommt die schiere Größe dazu. „Vier mal so groß bedeutet aber nicht vier mal so komplex“, sagt Viridium-Chef Roß. Allerdings binde der aktuelle Deal sehr viel mehr Kapazitäten. Im Vorstand verantwortlich für die Übertragung der Verträge ist CIO Martin Setzer, der 2018 von der LBBW geholt wurde.

Generali in Mailand © imago images / Independent Photo Agency Int.

Dabei setzt Viridium auf eine hauseigene moderne IT. „Wir werden allein in diesem Jahr ungefähr 100 Millionen Euro in die Proxalto-Integration und in Zukunftsinvestitionen stecken“, erklärt Roß. Solche Größenordnungen schrecken Versicherer, deren Systeme häufig veraltet sind. Durch das niedrige Zinsniveau, das im vergangenen Jahr um rund 100 Basispunkte gefallen ist, ist auch so schon genug Druck auf den Finanzen.

Abwicklungsplattformen wie die in Deutschland maßgeblichen Gesellschaften Viridium, Frankfurter Leben oder Athora haben hier den Vorteil einer sehr viel leistungsstärkeren und effizienteren Informationstechnologie, die zudem weniger anfällig ist. Bei den Lebensversicherern dagegen arbeiten häufig noch immer eine Vielzahl von Altsystemen nebeneinander, die intern einen erheblichen Aufwand verursachen.

Das Kernproblem der Branche ist jedoch der anhaltende Druck auf der Zinsseite. Laut einer Untersuchung vom Bund der Versicherten (BdV) und Zielke Research gelingt es einem Viertel der am deutschen Markt tätigen Lebensversicherer nur noch durch Übergangsmaßnahmen, genügend Solvenz aufzubringen. Strukturell fahren diese Häuser Verluste ein. „Die Lebensversicherungsbranche ist angezählt“, zieht BdV-Vorstandssprecher Axel Kleinlein Bilanz.

Angst vor „Zombie-Fonds“

Offiziell gibt es im Moment zwar keine neuen Namen, die ebenfalls über einen ähnlichen Schritt nachdenken, wie ihn Generali gemacht hat. Aber Viridium-Chef Roß ist sich sicher: „Wir werden weitere Transaktionen sehen.“ Sein Haus sei trotz der laufenden Integration der Generali Leben offen für weitere Deals mit anderen Versicherern. „Wenn wir zu Gesprächen eingeladen werden, dann finden wir schnell einen Termin.“

Im Moment zögern aber viele Versicherer noch, weil sie einen Reputationsschaden befürchten. Aus diesem Grund hatte auch die Munich-Re-Tochter Ergo vor mehr als zwei Jahren den Verkauf eines Altbestandes von sogar sechs Millionen Lebensversicherungsverträgen abgesagt. Zu groß war damals noch der Druck der Öffentlichkeit, aber auch der Politik.

Als abschreckendes Beispiel diente etwa Großbritannien vor rund einem Jahrzehnt: Als einige Lebensversicherer dort ihre Altbestände an Abwicklungsgesellschaften abgaben, geschah dies häufig zum Nachteil der Kunden. Die Leistungen der neuen Besitzer bei der Geldanlage waren schlecht, die Gebühren hoch. Und wollte ein Kunde seine Police verkaufen, fielen häufig teure Vorfälligkeitsgebühren an. Die britischen Medien sprachen deshalb von „Zombie-Fonds“.

Die hiesige Finanzaufsicht Bafin kennt die Bedenken. Deshalb prüft die Bonner Behörde bei jedem Verkauf von Beständen nicht nur die finanzielle Ausstattung des Käufers, sondern auch die technische und betriebliche Umsetzbarkeit. Dass das grüne Licht für den Generali-Deal, dem bisher größten Übergang von Lebensversicherungen in Deutschland, nach nur neun Monaten kam, überraschte deshalb viele in der Branche. Bei kleineren Deals hatte es zuvor auch schon einmal über ein Jahr gedauert, ehe die Genehmigung erfolgte.

Unmut über Überschussbeteiligung

Für Verbraucherschützer wie den Bund der Versicherten sind solche Verkäufe an spezialisierte Abwickler dennoch ein rotes Tuch. „Für Run-Off-Plattformen sind die Kundinnen und Kunden nur noch Ware, die so knickrig wie gerade noch möglich behandelt werden, damit die Investoren den Reibach machen“, kritisiert BdV-Vorstand Kleinlein.

Grund für seinen Unmut ist die Überschussbeteiligung von 1,25 Prozent, die die Generali Leben-Nachfolgegesellschaft Proxalto zuletzt für dieses Jahr gemeldet hat. Damit liegt sie ganz unten in der Tabelle der Ratingagentur Assekurata. Gemessen am Verbraucherpreisindex von 1,5 Prozent, der im Dezember von Destatis gemessen wurde, ergebe sich für den Kunden damit sogar ein realer Vermögensverlust, rechnete der BdV vor.

Bei Proxalto hält man dagegen, dass die Überschussbeteiligung schon in den beiden Jahren davor bei 1,25 Prozent lag, als der Bestand noch in Händen von Generali Leben war. Man habe ihn also konstant gehalten. Außerdem erhielten knapp 80 Prozent der Kunden, die im Besitz von hochverzinsten Altverträgen sind, eine Gesamtverzinsung von mehr als 2,25 Prozent. Bei rund 90 Prozent liege sie bei mehr als 1,75 Prozent.

Eine maßgebliche Kennziffer, ob ein Kunde mit seiner Lebensversicherung zufrieden ist oder nicht, bleibt die Stornoquote. Bei Proxalto lag sie zuletzt bei 2,9 Prozent. Das ist leicht über dem Branchendurchschnitt, den der Lobbyverband GDV für 2018 bei 2,64 Prozent angegeben hatte. Er ist jedoch niedriger als zu den Zeiten, als die Proxalto-Verträge noch bei Generali Leben verwaltet wurden. Da waren es 3,1 Prozent. In den Jahren nach dem Übergang sinkt in der Regel die Stornoquote. Bei Entis, der ehemaligen Mannheimer bzw. Protektor liegt sie aktuell bei 0,9 Prozent, bei der Heidelberger sind es 1,8 Prozent und bei Skandia 3,5 Prozent.

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