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Untersuchungsausschuss
„Intern ausgerastet“: EY-Forensiker sah massive Probleme bei Wirecard

Der EY-Forensiker Christian Muth wirft Wirecard vor, eine Sonderuntersuchung behindert zu haben. Doch auch über den eigenen Arbeitgeber äußert er seinen Unmut.

06.05.2021 | von René Bender, Lars-Marten Nagel, Michael Verfürden und Volker Votsmeier

EY © ddp images/Sven Simon

Berlin, Düsseldorf Christian Muth saß stocksteif auf dem Zeugenstuhl. Er wolle ja aussagen, bekräftigte der Forensiker der Wirtschaftsprüfergesellschaft EY ein ums andere Mal vor dem Wirecard-Untersuchungsausschuss – um dann die Antwort mit Berufung auf Geschäftsgeheimnisse zu verweigern.

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„Mir ist klar, dass Sie mir Fragen stellen, bei deren Beantwortung ich auf Wissen rekurrieren muss, das derzeit in einer Geheimschutzstelle liegt“, rechtfertigte er sich. Der Ausschuss bringe ihn deshalb in ein Dilemma. Nur unter Ausschluss der Öffentlichkeit würde er sein vollständiges Statement vortragen. Für viele Beobachter überraschend gab Muth, der an diesem Donnerstag in den Untersuchungsausschuss geladen war, dann aber doch noch hochinteressante Einblicke in das Innenleben von EY und Wirecard.

EY steht mit im Zentrum der Affäre. Die Big-Four-Gesellschaft hatte die Bilanzen von Wirecard mehr als zehn Jahre lang geprüft und den Milliardenbetrug erst viel zu spät bemerkt. Das Mandat von EY beschränkte sich dabei nicht allein auf den Check der Zahlenwerke.

Die Firma befasste sich auch mit fragwürdigen Deals wie dem Kauf einer indischen Unternehmensgruppe für 326 Millionen Euro im Jahr 2015. An der Aufarbeitung mit dem Projektnamen „Ring“ war Zeuge Muth beteiligt gewesen.

Im Herbst 2016 war er verantwortlicher Partner in der EY-Abteilung für Betrugsermittlung und Compliance. Dort leitete er dann die „Ring“-Sonderuntersuchung. Ein Wirecard-interner Whistleblower hatte sich im Mai 2016 bei EY gemeldet und schwerwiegende Vorwürfe über Unregelmäßigkeiten geäußert.

Für Anleger, die mit Wirecard-Aktien viel Geld verloren haben, war der Auftritt des 45-jährigen Muth höchst interessant. Die Geschädigten hoffen, über Schadensersatzklagen Geld von EY zurückzubekommen.

Zunächst nahm Muth bei seiner Befragung eine maximale Blockadehaltung ein. Bei den Abgeordneten stieß das übel auf. Es handele sich um einen schwer erträglichen Zirkelschluss, sagte Jens Zimmermann von der SPD. „Die Geheimhaltung von Dokumenten wurde einzig und allein durch Ihr Unternehmen herbeigeführt.“

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FDP-Obmann Florian Toncar beklagte einen „großen Rückschritt“ bei der Aufklärung der Rolle von EY im Wirecard-Skandal. Und CDU-Vertreter Matthias Hauer warnte: „Das wird sich der Ausschuss nicht gefallen lassen.“

Arbeit als „Lügenfänger“

Zwei Stunden ging es im Pingpong zwischen Muth, dessen Anwalt Jan Kappel und dem Ausschuss hin und her. Kurz nach Mittag war die Aussage dann plötzlich doch möglich.

Muth schilderte zunächst knapp seinen Karriereweg: Abitur, Berufsoffizier, Studium der Psychologie und Pädagogik, Nachrichtenbeschaffung bei der Bundeswehr, Afghanistaneinsatz und schließlich Forensiker bei EY. Er arbeite als „Lügenfänger“ antwortete er, wenn die Kinder nach seinem Beruf fragten.

Geradlinig, kontrolliert, bürokratisch und auf Präzision bedacht, so trat Muth auf. Nur selten platzte Ärger aus ihm heraus, etwa wenn er Fehler in der öffentlichen Wahrnehmung des Projekts „Ring“ korrigieren wollte: „Weder war Herr Marsalek zu diesem Zeitpunkt verdächtig, noch beauftragte er die Sonderuntersuchung, noch hat er als Person die Sonderuntersuchung beendet.“

Es ging dabei um mutmaßlichen Betrug und Bestechung eines Prüfers in Indien im Zusammenhang mit einem überteuerten Kauf indischer Firmen, dem sogenannten Hermes-Deal. Eine Vermutung lautet, dass der heute flüchtige Wirecard-Asienvorstand Jan Marsalek selbst profitiert hat, direkt oder indirekt über seinen Vertrauten Henry O’Sullivan.

Am Ende wurde die forensische Untersuchung ohne Ergebnisse abgebrochen. Das sei jedoch die Entscheidung des gesamten Vorstandsgremiums gewesen, betonte Muth, nicht nur die von Marsalek.

Die EY-Konkurrentin KPMG bemängelte in einer späteren Sonderprüfung 2020 die EY-Arbeit an diversen Stellen. So sei ein vom Whistleblower beschuldigter Wirecard-Topmanager nicht angehört worden, auch habe EY keine unabhängige Drittpartei hinzugezogen, um den Bestechungsvorwurf gegen den indischen EY-Prüfer zu klären.

Finanzvorstand Ley intervenierte

Marsalek sei ein „super eloquenter Hansdampf in allen Gassen“ gewesen, erinnerte sich Muth. Gut angezogen, Wiener Schmäh, „in Teilen brillant“. Doch neben dem früheren Asienvorstand sei auch der frühere Finanzvorstand Burkhard Ley in das „Projekt Ring“ involviert gewesen. Muth sagt, er sei intern „ausgerastet“, als Ley neun Änderungswünsche zum Bericht „Projekt Ring“ geäußert habe.

Die Mail stammt vom 28. September 2017. Sie liegt dem Handelsblatt vor. EY solle schreiben, dass „kein einziger der gemachten Vorwürfe durch Ihre Analyse bestätigt wurde“, diktierte Ley den Forensikern. „Das war eine Frechheit.“ Er sei emotional gewesen und habe über diese Wünsche auch Andreas Loetscher, den Wirecard-Abschlussprüfer, in einer aufgebrachten E-Mail informiert.

Ley habe eindeutig versucht, auf den Bericht Einfluss zu nehmen, sagte Muth: „Wir sollten schreiben, dass wir keine der Anschuldigungen verifizieren konnten. Ich betrachte es als kleinen Sieg, dass wir schließlich ‚weder bestätigt noch widerlegt‘ schrieben.“

Das „Projekt Ring“ sei nie beendet worden, sondern offengeblieben, erklärte Muth. Fakt sei aber auch: „Die tatsächlichen Anschuldigungen konnten wir nicht abschließend verifizieren.“ Überhaupt habe der Wirecard-Vorstand das „Projekt Ring“ verschleppt oder behindert.

Wirecard habe Daten nicht vollumfänglich geliefert. „Uns wurden durch den Vorstand Untersuchungshandlungen zugestanden, die dann wieder kassiert wurden.“ Außerdem erinnerte sich Muth an eine besondere Episode mit dem früheren Vorstandsvorsitzenden Markus Braun: „Der versuchte, mir bei der Auftragserteilung eine akademische Diskussion über das Verifizieren und das Falsifizieren aufzudrücken.“

Druck von vielen Seiten

Auch an anderer hochrangiger Stelle bei Wirecard stieß EY laut Muth auf Widerstände. Die Forensiker wollten Chefbuchhalter Stephan von Erffa interviewen, außerdem dessen Mails auswerten.

Doch der wehrte sich. „Eine Auswertung kann keine Entlastung bringen. Das Resultat kann nur das Fehlen von belastenden Informationen sein“, schrieb der Buchhalter im Sommer 2017 in einer Mail an den Wirecard-Vorstand.

In seinen Mails könnten sich außerdem persönliche interne Meinungsäußerungen, aber auch private und dienstliche vertrauliche andere Informationen befinden, die eines besonderen Schutzes bedürften.

Und überhaupt gebe es „andere, geeignetere Methoden zur Ausräumung der vorgetragenen Sachverhalte“, so von Erffa, den die Staatsanwaltschaft heute als Beschuldigten führt. Bei Wirecard sah man danach keine Veranlassung, dem Wunsch von EY nachzukommen, und verweigerte die Auswertung. Für Muth war dies eine weitere „red flag“.

Vor ihm habe damals eine Welt von „red flags“ gelegen, sagte sich Muth. Er haben die Warnhinweise bei EY an die „notwendigen und vorgesehenen Stellen im Hause“ kommuniziert. Der Forensiker in ihm sei unglücklich gewesen, wie die Kollegen unter den Wirtschaftsprüfern im eigenen Haus mit seinen Erkenntnissen umgingen.

Forensiker weist Verantwortung von sich

„Ich war angefasst, weil es gegen meine Berufsehre ging. Ich hatte doch da was, da war irgendwas. Ich hatte doch Indikatoren. Unser Dokument leuchtete“, sagte Muth. Insgesamt hätte sein Team sechs Auffälligkeiten bei Transkationen bis hin zu möglichen Fälschungen identifiziert.

Ausschussmitglied Fritz Güntzler (CDU) hakte nach, ob Wirecard-Abschlussprüfer Loetscher über die Probleme des Projekts „Ring“ im Bilde gewesen sei. „Ja“, erklärte Muth. Eine Einschätzung der Arbeit seiner Prüferkollegen und ob diese Testate hätten erteilen dürfen, verweigerte er hingegen.

Der Forensiker zog sich darauf zurück, dass er nicht bewerten könne, wie die Prüfer mit den Erkenntnissen weiterverfuhren. Für die Testierungen sei er nicht zuständig gewesen. „Es war die Mandatsbeziehung von Herrn Loetscher. Er hat dem Vorstand gedroht, das Testat einzuschränken. Ich hatte keinen Grund, an ihm zu zweifeln.“

Gegen zwei Prüfer von EY ermittelt die Staatsanwaltschaft. Von ihnen wird der Untersuchungsausschuss keine Auskunft bekommen, weil sie eine Aussage verweigern können.

Muth nahm seinen Arbeitgeber grundsätzlich gegen Angriffe in Schutz. Die Fehlerkultur bei EY sei ausgeprägt. Seit Monaten versuche man, mithilfe externer Kräfte, die Wirecard-Affäre aufzuarbeiten.

Dem Drängen der Abgeordneten nach Selbstkritik wich er aus. Er selbst tue sich schwer, Fehler bei EY festzustellen, sagte Muth. „Dazu müsste ich die Investigationen bei uns im Haus leiten.“ Ihm sei jedenfalls mehrfach signalisiert worden, dass die Forensik bei EY keine Fehler gemacht habe.

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