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Touristik
So sieht die neue Urlaubs-Normalität auf Kreta aus

Griechenland wirbt um Touristen aus Deutschland. Ein Besuch auf der Ferieninsel Kreta zeigt: Normal ist der Urlaub noch nicht. Eine Reportage.

18.07.2020 | von Christoph Schlautmann

Touristen kommen am Flughafen Heraklion an © AP

Heraklion Wer den Urlaub dieses Jahr in Griechenland verbringt, benötigt Zweierlei: Englischkenntnisse und gute Nerven. „Passenger Location Form“ nennen die Hellenen stolz ihren neuen Online-Einreiseantrag, der im Fall eines Corona-Verdachts Touristen umgehend ausfindig machen soll.

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Doch den Programmierern ging schon auf dem zweiten deutschen Formblatt die Lust aus. Dort wiederholen sich – wohl versehentlich – die Fragen von Seite eins. Wer den Bogen korrekt ausfüllen will, muss ins Englische wechseln.

Erst recht aber sorgt die angekündigte Zusendung eines QR-Codes, ohne den eine Einreise nach Griechenland nicht möglich ist, für Bluthochdruck. Fluggästen, die sich an diesem Morgen um 5.45 Uhr am Düsseldorfer Flughafen an Gate B77 einfinden, steht die Aufregung der Nacht noch ins Gesicht geschrieben. „Wir haben die Mail mit der Einreisegenehmigung erst um 23.15 Uhr erhalten“, erzählt ein Fluggast, während er zum Beweis sein Smartphone anschaltet.

Dabei hätte Griechenland, in diesem Sommer nach Spanien das zweitbeliebteste Auslandsziel der Deutschen, gute Chancen, die Coronakrise mit einem tief blauen Auge zu überstehen. Denn nahezu alle Konkurrenten leisten sich in diesen Tagen grobe Fehler im Tourismus.

Weil Spanien Bars und Kneipen auf den Balearen öffnete, droht Mallorca nach wilden Partys am Ballermann zu Europas neuem Corona-Hotspot zu werden. Die seit Montag in der Öffentlichkeit verhängte Maskenpflicht wiederum verschreckt die Urlaubsgäste. Etliche Urlauber hätten bereits storniert, klagt Maria Frontera vom Hotelverband FEHM.

In Griechenlands Nachbarstaat Türkei kommt der Tourismus erst gar nicht in Fahrt. EU-weit gilt für das gefragte Urlaubsziel am Bosporus, falls Europas Außenminister nicht einlenken, bis mindestens Ende August eine Reisewarnung. Da die Infektionszahlen kaum höher sind als in Deutschland, bleibt ein Verdacht: Der Urlaubsbann dürfte in Wahrheit eher eine Retourkutsche sein für die selbstherrliche Politik in Ankara.

Landung am Flughafen © Christoph Schlautmann

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Das jedoch ist längst nicht der einzige Grund, weshalb Griechenland nach Angaben der Marktforschungsfirma Trevotrend am Mittelmeer massiv Marktanteile gewinnt. Gerade einmal 3562 Infektionsfälle zählte das Elf-Millionen-Volk bis heute. Die Insel Kreta, mit bislang 25 Millionen jährlichen Übernachtungen Griechenlands wichtigstes Ferienziel, gerade einmal 19.

Nur ein Insulaner starb – ein 42-jähriger Professor aus Deutschland, der das Virus aus seiner Heimat mitbrachte. In Europa zählt das Land damit zu den Musterschülern.

Sirtaki am Flughafen

„Wir durften wochenlang unser Haus nur verlassen, wenn wir zum Einkauf und zur Arbeit wollten oder Angehörige zu pflegen hatten“, erzählt Ritsa Moulianaki, die für die Tourismusagentur Danaos in Heraklion arbeitet. Die Polizei habe Genehmigungen kontrolliert und Bußgelder erteilt.

Mit 800 Euro Soforthilfe musste die arbeitslose Reiseleiterin seit März über die Runden kommen. Auf die darüber hinaus versprochene Sozialhilfe von 400 Euro für den Monat Juni wartet die 54-Jährige bis heute. „In diesem Jahr wird es eben nichts mit einem neuen Paar Schuhe“, bedauert sie achselzuckend.

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Doch der niedrige Infektionsstand schürt Hoffnungen. Seit die Grenzen für die meisten Urlauber aus der EU am 1. Juli wieder öffneten, suchen die Griechen die Früchte ihres zuvor entbehrungsreichen Lockdowns zu ernten. So auch an diesem Freitag, dem zweiten seit dem Neustart.

Kaum hat der Condor-Airbus mit der Flugnummer DE9014 kurz vor Mittag hart auf der Piste von Heraklion aufgesetzt, umtanzt eine vierköpfige Folkloretruppe die Ankömmlinge aus Germania im Sirtaki-Takt. Zwei Musiker klampfen auf archaischen Lauten an gegen das Dröhnen der Flugzeugturbinen, Mädchen in Landestracht reichen süßes Gebäck.

Die freudige Urlaubsstimmung währt bei manchen nur kurz. Jeden fünften Fluggast, angeblich nach dem Zufallsprinzip, winkten die griechischen Beamten heraus zum Coronatest.

Einem Rentner aus der Reisegruppe, der mit einem frischen Negativbefund aus der Heimat wedelt, machen sie die Folgen einer Testverweigerung unmissverständlich klar: Ein Polizist legt beide Handknöchel eng zusammen – die gebärdensprachliche Übersetzung für Handschellen.

Nach dem Abstrich wird der Ärger noch größer. Er möge sich nun, teilt die Einreisebehörde dem 75-Jährigen mit, einen Tag lang in Hotelquarantäne begeben – eine Anordnung, die umstehende Zeugen mit einem Kopfschütteln quittieren.

Urlauber als Attraktion

Nicht nur wegen solcher Zwangsmaßnahmen bleibt die Stimmung auf dem 260 Kilometer langen Eiland gedrückt, auf dem ein Sechstel der 600.000 Einwohner vom Tourismus lebt. An etlichen Vermietungsstationen im Touristenort Chersonissos stehen die Leihwagen Stoßstange an Stoßstange, in der Taverna Korfi, einem wegen der vorzüglichen Dolmades und des Panoramablicks auf die Hafenstadt Rethymnon beliebten Ausflugslokals, ist an diesem Samstag zunächst kein einziger Tisch belegt.

„Empfehlen Sie uns bitte auf Tripadvisor“, ruft einem die Kellnerin beim Verlassen nach. Jeder verzweifelte Versuch kann helfen, das Restaurant vor dem Aus zu bewahren.

Selbst die ansonsten überfüllten Sightseeing-Attraktionen Kretas sind verwaist. Auf dem riesigen Parkplatz vor dem 4000 Jahre alten Minoer-Palast in Knossos stehen gerade einmal zwei Reisebusse, die auf ihre ins Ruinenfeld entlaufenen Fahrgäste warten.

Strand auf Kreta

Mehr noch als das berühmte Labyrinth gelten dort die Urlauber selbst als Attraktion. Wer durch die Eingangspforte schreitet, wird an diesem Morgen zunächst einmal von Mitarbeitern eines TV-Senders interviewt. „Haben Sie keine Furcht vor dem Virus?“, fragen die Reporter.

Dabei erwartet deutsche Feriengäste, die den dreistündigen Flug mit Schutzmaske auf sich nehmen, in der Ferne ein bislang kaum gekanntes Urlaubserlebnis. Den handballfeldgroßen Infinitypool, der für Schwimmer den Blick freigibt auf die Brandung des Mittelmeers, haben Gäste des Allsun-Hotels in Anissaras meist für sich allein. Schlangen am Büffet waren vergangenes Jahr – im Sommer 2020 wird in der weitläufigen Anlage vorzugsweise serviert. Das aber an Tischen mit höchstens sechs Personen.

Die Regeln hat sich nicht Hotelchef Daniel Barts ausgedacht, der eine Woche zuvor über die Öffnung entschied, sondern Griechenlands Regierung. Und die bremst den Geschäftsbetrieb fast genauso aus wie das Coronavirus. „Die Bürokratie hier ist überbordend“, klagt der gebürtige Niederländer, „die Anordnungen ändern sich täglich.“

Ob sich der Aufwand lohnt, werden die nächsten Wochen zeigen müssen. Bislang dürfte es kaum reichen. „Von unseren 230 Zimmern sind 50 belegt“, berichtet Barts, „aber die Saison hat ja auch erst begonnen.“

Halbvolle Hotels sind schon ein Erfolg

Der Düsseldorfer Reisekonzern Alltours, dem das Resort gehört, hatte sich vom Sommer 2020 zunächst deutlich mehr versprochen. Noch im Februar prognostizierte Alleingesellschafter Willi Verhuven, nachdem sich der Wettbewerber Thomas Cook aus dem Markt verabschiedet hatte, ein Umsatzplus von 20 Prozent. „Jetzt sind wir schon zufrieden“, sagt Alltours-Sprecher Thomas Daubenbüchel, „wenn wir 50 Prozent des Vorjahresvolumens schaffen.“

Andere Urlaubsanbieter zeigen sich noch zögerlicher. „Eine Vielzahl von Häusern hat auf Kreta noch gar nicht geöffnet“, berichtet Katja Ramontsakis, eine blonde Osnabrückerin, die seit 1994 als Reiseleiterin auf der Insel arbeitet. „Gerade die großen Anlagen haben es schwer, bei einer niedrigen Auslastung die hohen Nebenkosten zu decken.“

Auch der Robinson Club auf Kreta, bei dem Tui-Vorstandschef Fritz Joussen üblicherweise mit seiner Familie den Urlaub verbringt, tut sich schwerer als geplant. „Neueröffnung Robinson Club Ierapetra im Mai 2020“, wirbt die Tui-Ferienanlage, die den Inselstandort wechselte, auf ihrer Homepage. Tatsächlich aber lief tief unten auf der Internetseite am zweiten Montag im Juli immer noch ein Countdown: „Wiedereröffnung in 1 Tag, 12 Stunden, 37 Minuten“.

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Für Urlauber haben die meist kurzfristigen Entscheidungen der Hoteliers mitunter ärgerliche Folgen. Auf Teneriffa wurde eine fünfköpfige Familie vor ihrem Zielhotel abgesetzt, das sie bei einem süddeutschen Reiseveranstalter gebucht hatte. Erst als der Shuttlebus zum nächsten Halt abfuhr, bemerkte sie: Das Haus war geschlossen.

Einige Last-Minute-Bucher für Kreta erlebten Ähnliches. Nicht nur ihr Abflug wurde zwei Tage vor Reisebeginn von Frankfurt nach Leipzig verlegt. Als sie per Mietwagen die gebuchte Unterkunft aufsuchten, waren auch dort die Türen verschlossen. Daraufhin verfrachtete sie der Reiseveranstalter in eine völlig andere Gegend der Insel – unter dem Protest der Reisenden.

Ein junges Paar aus Leipzig sitzt an diesem Abend bei Kerzenschein im Restaurantgarten des Serita Beach Hotels an der Nordseite Kretas. Den Glauben an den Urlaub habe man vor einer Woche fast verloren, erzählt es anderen Gästen.

Vom Veranstalter FTI sei die gebuchte Reise storniert worden, weil angeblich im Flugzeug von Sunexpress keine Sitzplätze mehr verfügbar waren. Kurzfristig buchten die beiden dasselbe Hotel noch einmal bei der Konkurrenz – und flogen mit: Sunexpress.

Kreta hat 100.000 Tourismus-Beschäftigte geschult

Und auch dies kann im Sommer 2020 Flugurlaubern passieren, wie Marija Linnhoff vom Reisebüroverband VUSR berichtet: „Weil sein gebuchtes Hotel bereits voll war“, schimpft sie über das Chaos bei einem deutschen Veranstalter, „musste ein Urlaubsgast neulich im Büro des Managers übernachten.“ Ihre Mitgliederunternehmen riefen inzwischen regelmäßig vor Reiseantritt in den Unterkünften an, sagt sie – „nur zur Sicherheit“.

Doch zumindest bei der Corona-Vorsorge will man auf Kreta, wo 2019 knapp vier Millionen Touristen 1,4 Milliarden Euro und damit 15 Prozent des Bruttoinlandsprodukts auf die Insel brachten, Sicherheit bieten. „Wir haben inzwischen 100.000 Beschäftigte der Insel trainiert im Umgang mit Covid-19“, sagt Tourismusdirektor Kyriatos Kotsoglu, ein ernsthaft wirkender Beamter, der seine Stirn häufig in Falten legt.

Zum Beleg der Aussagen wirft er im Konferenzraum eines Hotels an diesem Nachmittag Powerpoint-Folien an die Wand, die er zum Großteil in griechischen Buchstaben verfasst hat. „Die Touristikmitarbeiter der Insel sind mit allen Abstandregeln und Hygienemaßnahmen bestens vertraut“, behauptet er dabei.

Am Flughafen von Heraklion ist das Gegenteil zu besichtigen. Dort drängen sich Urlauber in der völlig überfüllten Abflughalle dicht an dicht.

Dass beim Check-in von zehn Passagieren mitunter eine halbe Stunde vergeht, was am Ende den Stau verursacht, hat einen organisatorischen Grund: „Bitte schreiben Sie mit Kugelschreiber Ihren Namen, Ihre Telefonnummer und Ihre E-Mail-Adresse auf einen Zettel“, bittet die Dame an der Kofferaufgabe jeden einzelnen Urlauber in gebrochenem Englisch. Das Gekritzelte tippt sie anschließend, während sie sich einzelne Buchstaben bestätigen lässt, mit zwei Fingern in den Computer.

Der gesendete QR-Code, hinter dem sich all die gewünschten Adressangaben verbergen, bleibt übrigens während der gesamten Reise ungenutzt.

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