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Gastbeitrag
Künstliche Intelligenz darf nicht frauenfeindlich bleiben

Nur mit weiblicher Exzellenz und weiblichen Vorbildern kann es europäische KI geben, der alle Menschen vertrauen. Sonst droht ein Rollback bei der Gleichstellung.

12.06.2020 | von Christina Kampmann und Bijan Kaffenberger

Künstliche Intelligenz © Unsplash

Wir leben in einer Gesellschaft, in der Tag für Tag digitale Utopien Wirklichkeit werden. Ein wesentlicher Treiber dessen: Künstliche Intelligenz (KI). Bis zum 19. Mai lief die öffentliche Konsultation des KI-Weißbuches der EU-Kommission.

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Daraus soll ein auf „Exzellenz und Vertrauen“ basierendes europäisches KI-Konzept entwickelt werden. Für uns ist dabei klar: das Streben nach Gleichberechtigung muss ein wesentlicher Teil davon sein.

KI könnte andernfalls unbemerkt zu einem Rollback bei der Gleichstellung führen. Denn bisher wird die digitale Revolution von Männern beherrscht und von wenigen Vorreitern maßgeblich vorangetrieben. Ob Jeff Bezos, Marc Zuckerberg oder Steve Jobs: Alles Männer aus dem Silicon Valley.

Viele Start-ups basieren zudem auf technologischen Innovationen, gehen auf Ausgründungen von Beschäftigten in der Digitalbranche oder der Wissenschaft zurück. Auch dort sind Frauen leider unterrepräsentiert und es fehlt an weiblichen Vorbildern.

Christina Kampmann © Angelika Stehle

Nur frühe Digitalbildung an Schulen kann das ändern. Kompetenzen und Grundkenntnisse im Programmieren sind bisher in vielen Mitgliedstaaten noch Mangelware. Dabei gibt es längst vielversprechende Konzepte. An einigen Modellschulen zeigt sich, wie Mädchen im Grundschulalter spielerisch programmieren lernen. Das macht selbstbewusst, Lust auf mehr und hilft tradierte Geschlechterrollen frühzeitig zu durchbrechen.

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Junge Frauen brauchen Vorbilder

Junge Frauen brauchen aber auch Vorbilder an denen sie sich auf Ihrem Bildungsweg orientieren. Grade die sozialen Medien sind oft ein schlechtes Beispiel. Einer Umfrage von Hypeauditor zufolge erhalten Influencerinnen weniger Geld als ihre männlichen Kollegen und werden außerdem häufig auf Äußerlichkeiten reduziert.

Also mehr Mailab als BibisBeautyPalace, um nach der Schule mehr Frauen MINT-Fächer studieren zu sehen. Deren Anteil betrug in Deutschland zum Wintersemester 2018/2019 laut Destatis knapp 31 Prozent.

In der Forschung sieht es dann noch schlechter aus. Laut dem Elsevier Verlag kommt in der EU im Bereich Computer Science eine Frau auf vier Männer. In Deutschland ist das Verhältnis sogar nur etwa eins zu fünf. Nicht umsonst hat die Deutsche Forschungsgemeinschaft eigene Standards zur Gleichstellung formuliert.

Bijan Kaffenberger © Angelika Stehle

Wenn die EU also Exzellenz und Vertrauen schaffen will und dazu als ein Ziel formuliert „die besten Lehrkräfte und Wissenschaftler“ anzuwerben, heißt das vor allem Frauen in Bildung und Forschung zu fördern. Also Vorbilder schaffen, wie Ada Lovelace, Katherine Johnson oder Michelle Simmons.

Algorithmen müssen diskriminierungsfrei programmiert werden

Andernfalls sind Frauen künftig lediglich bei den digitalen Sprachassistenzsystemen tonangebend. Siri, Alexa und Cortana nehmen widerspruchslos jeden Befehl entgegen, erledigen digitale Care-Arbeit und sprechen alle mit einer weiblichen Stimme. Trotzdem weist D64 (Anm.d.R.: D64 ist ein SPD-naher Think Tank aus Berlin) darauf hin, dass Cortana & Co von Frauen schlechter bedient werden können, weil deren Algorithmen nicht von Programmiererinnen stammen und von Frauen nicht ausreichend getestet und trainiert wurden.

So lange die Digitalisierung also von Männern geprägt wird, findet sie auch nach deren Regeln statt. Daher müssen wir grade bei KI besonders genau hinschauen, um sicherzustellen, dass Algorithmen diskriminierungsfrei programmiert werden. Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Es ist also zwingend notwendig, die im Weißbuch genannten KI-Testzentren zu etablieren.

Allerdings helfen deren Erkenntnisse nur, wenn es auch Rechtsinstrumente gibt, um die Diskriminierungsfreiheit durchzusetzen. Gestalten wir den digitalen Wandel nicht gendergerecht, werden Frauen am Ende die Verliererinnen sein. Deshalb ist es jetzt an der Zeit, die Weichen zu stellen!

Im finalen europäischen KI-Konzept muss das Prinzip der Gleichberechtigung festgeschrieben und Vorgaben für KI verbindlich und nachprüfbar geregelt werden. Mittelfristig braucht es dazu noch den entsprechenden Rechtsrahmen, der nicht von der noch männlichen dominierten Digitalwirtschaftsavantgarde weichlobbyiert werden darf. Nur mit weiblicher Exzellenz und weiblichen Vorbildern in Bildung und Forschung kann es europäische KI geben, der alle Menschen vertrauen.

Über die Autoren

Bijan Kaffenberger, Jahrgang 1989, gehört seit 2019 als direkt gewählter Abgeordneter des Wahlkreises Darmstadt II dem hessischen Landtag an und ist dort stv. digitalpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion. Bis zu seiner Wahl arbeitete er als Referent für Breitbandausbau und Digitalisierung im Thüringer Ministerium für Wirtschaft, Wissenschaft und digitale Gesellschaft. Im letzten Jahr erschien sein erstes Buch „Was machen Politiker eigentlich beruflich? – Fragen an die da oben“ im Rowohlt Verlag.

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Christina Kampmann, Jahrgang 1980, gehört seit 2017 als direkt gewählte Abgeordnete des Wahlkreises Bielefeld I dem nordrhein-westfälischen Landtag an und ist dort Sprecherin für Digitalisierung und Innovation der SPD-Fraktion. Im vergangenen Jahr bewarb sie sich zusammen mit Staatsminister Michael Roth für den SPD-Bundesparteivorsitz. Zuvor war sie zwischen 2015 bis 2017 Ministerin für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen sowie zwischen 2013 und 2015 Abgeordnete im Deutschen Bundestag.

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