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Christoph Fraundorfer
Das neuartige Fluggerät Tensor kann endlich abheben

Der Ingenieur Christoph Fraundorfer hat für seine Erfindung eine vorläufige Verkehrszulassung erhalten. Im April soll der Verkauf starten.

25.02.2020 | von Jens Koenen

Christoph Fraundorfer © Fraundorfer Aeronautics

Frankfurt Den 24. Januar wird Christoph Fraundorfer wohl nicht mehr vergessen. Kurz nach halb drei Uhr am Nachmittag startet der 45-Jährige den Motor. Das Wetter ist gut. Das Thermometer zeigt sechs Grad, der Wind weht mit drei Knoten (fünf Stundenkilometer) verhalten. Langsam beginnt Fraundorfer, sich an das Verhalten der Tensor heranzutasten, rollt ein paar Mal die kurze Bahn am Flughafen in Donauwörth-Genderkingen rauf und runter. Wie reagiert die Steuerung, wie spricht der Motor auf die Befehle an?

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Schließlich schiebt Fraundorfer den Leistungshebel nach vorn, die Tensor 600X hebt ab – zum ersten Mal überhaupt. „Ich war überrascht, dass das schon bei etwa 50 Prozent der Leistung geschah“, schildert er die Situation. Zwar decke sich das mit den Berechnungen. „Aber als Pilot hat man ja so seine Erfahrungswerte.“

Doch die helfen bei der Tensor nur bedingt. Denn es handelt sich um ein völlig neues Vehikel für den Luftverkehr. Wer die Tensor sieht, mag im ersten Moment an ein Flugtaxi denken, an denen derzeit zahlreiche Start-ups, aber auch etablierte Unternehmen wie Airbus arbeiten. Doch Fraundorfer verfolgt ein anderes Konzept.

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Zum einen baut er auf einem existierenden Gerät auf: dem Prinzip des Tragschraubers. Bei dem treibt ein Motor hinten einen kleinen Propeller an, der für Vorschub sorgt. Dadurch bekommt der Rotor auf dem Dach Fahrtwind ab und wird angetrieben – im Fachjargon Autorotation genannt.

Da der Tragschrauber bisher nur eine begrenzte Nutzlast bewältigt, kommt das Gerät seit 60 Jahren ausschließlich im Hobbybereich zum Einsatz und wurde in dieser Zeit auch nicht mehr technisch weiterentwickelt. Das hat nun Fraundorfer gemacht. Das Ziel: „Die Tensor wird die Lücke zwischen Flugzeug und Hubschrauber schließen”, sagt der Unternehmer.

Zum anderen nutzt der Flugversuchsingenieur den Verbrennungsmotor. Damit soll die Tensor ihre „gewerbliche Alltagstauglichkeit“ beweisen. Fraundorfer denkt mit seinem Gerät, das fast senkrecht starten und landen kann, nicht nur an Fliegen als Fortbewegungsmittel, sondern auch an den Einsatz in Katastrophengebieten oder bei der Überwachung von Anlagen oder Versorgungsleitungen. Sind dann alternative Antriebstechnologien marktreif – hier will der 45-Jährige die Entwicklung anderen überlassen –, kann die Tensor problemlos auf Strom oder Brennstoffzelle umgerüstet werden.

Neues Fluggerät Tensor © Fraundorfer Aeronautics

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Fraundorfers Ansatz hat viele Vorteile. Der wohl wichtigste: Die Zulassung ist einfacher, weil die Behörden auf vorhandenes Wissen aufbauen können. So hat die Tensor seit wenigen Wochen eine vorläufige Verkehrszulassung. Damit darf Fraundorfer das Gerät nun überall in der Bundesrepublik zu Testzwecken fliegen – nach vorheriger Anmeldung des Fluges. „Ausgenommen sind zum Beispiel dicht bewohnte Gebiete. Denn es ist niemals ausgeschlossen, dass doch etwas passiert. Bei der Tensor handelt es sich weiterhin um einen Technology Demonstrator“, so Fraundorfer.

„Fraundorfer ist Flugversuchsingenieur und als solcher überaus vorsichtig. Er überlegt sich sehr genau, was er macht“, sagt Gerald Wissel von Airborne Consulting. Seine Stärke sei es, sich nicht vom Hype rund um Flugtaxen treiben zu lassen. „Er hat ein interessantes Geschäftsmodell und eine interessante Technik, die sich noch in das Gesamtthema Urban Air Mobility einordnen muss.“

Die vorläufige Genehmigung ist für das Unternehmen, die Fraundorfer Aeronautics, jedenfalls ein wichtiger Schritt. Denn um diese zu bekommen, musste bereits der größte Teil der Zulassungsvorschriften erfüllt werden.

Nun kann das Team mit umfassenden Tests beginnen, die für eine endgültige Erlaubnis erforderlich sind. Wie verhält sich die Tensor mit unterschiedlichen Fluggewichten und Belastungszuständen? Wie leistungsfähig ist das Gerät bei unterschiedlichen Temperaturen und Flughöhen? „Als Flugversuchsingenieur weiß ich sehr gut, dass dabei sicherlich noch die eine oder andere Sache auffallen wird, um die man sich kümmern muss“, sagt Fraundorfer und lacht.

Geglückter Jungfernflug

Beim Jungfernflug ist erst mal alles nach Plan gelaufen. Insgesamt eine Stunde war die Tensor in der Luft. Achtmal landete Fraundorfer das Gerät und startete anschließend wieder. Kurze Pausen wurden eingelegt, um alles nochmals zu prüfen. Die Leistung der Tensor sei beeindruckend gewesen, berichtet Fraundorfer: „Ich hatte ein Begleitflugzeug, das manchmal Mühe hatte, mitzuhalten, da die Tensor in Wendigkeit und Steigwinkel weit überlegen war.“

Auf bis zu 130 Stundenkilometer beschleunigte der Luftfahrtpionier sein Baby am Ende, konnte die Tensor aber problemlos auch nur mit 40 Stundenkilometern bewegen. 500 Meter betrug die Flughöhe. „Zu Beginn ist man natürlich hoch konzentriert, schaut genau auf die Instrumente, hört auf jedes Geräusch“, so Fraundorfer: „Aber wenn man dann merkt, dass alles klappt wie geplant und berechnet, geht man befreiter an die Flugmanöver.“

Das zehnköpfige Team am Boden war begeistert. „Nach der letzten Landung wurde das Gerät noch einmal sehr genau untersucht, dann wurde kurz Party gemacht. Aber leider nur kurz, danach musste ich mich an den Bericht machen“, erzählt Fraundorfer schmunzelnd. Denn nicht nur die Entwickler, auch die Luftfahrtbehörden wollen genau wissen, wie der Erstflug absolviert wurde und wie die einzelnen Manöver gelaufen sind.

Christoph Fraundorfer hat ein interessantes Geschäftsmodell und eine interessante Technik.

Gerald Wissel, Airborne Consulting

Der Weg bis zum Erstflug war hart. Zahlreiche Tests musste das Vehikel bestehen. Etwa einen Fall aus einer vorgeschriebenen Höhe. Oder die Belastung der Flügel bis zur maximalen Grenze mit Gewicht. „Wir haben sehr eng und sehr gut mit den Behörden zusammengearbeitet, die an der einen oder anderen Stelle wichtige Hinweise gegeben haben“, erzählt Fraundorfer.

Vor allem in dem Rotor steckt viel Know-how. Er ist der entscheidende Hebel, um die Tragkraft zu erhöhen. Sieben Jahre forschte das Team daran. „Da kommt man durch Ausprobieren und Testen nicht sehr weit. Da muss man sehr viel mit Computersimulation und Berechnungen arbeiten“, erzählt Fraundorfer, der zehn Jahre Flugversuchsingenieur bei Eurocopter und davor Testpilot für eine österreichische Firma war, die Sportmaschinen herstellte.

Herausgekommen ist ein Rotorblatt, das in sich verformt ist und sich nach außen verjüngt. Es erinnert ein wenig an das Rotorblatt eines Windrades, und das ist auch nicht überraschend. Denn auch bei der Autorotation geht es darum, möglichst viel Energie aus dem Wind zu gewinnen.

Die Daten, die das Team um Fraundorfer bei weiteren Testflügen sammeln wird, braucht der 45-Jährige auch, um seinen potenziellen Kunden genau zu beschreiben, was die Tensor alles kann. „Vom ersten bis zum vierten April ist Europas größte Messe für die allgemeine Luftfahrt, die Aero in Friedrichshafen. Da werden wir einen Stand haben, und da kann man die Tensor dann bereits offiziell bestellen“, kündigt Fraundorfer an.

Gleichzeitig hat er für den Aufbau einer Fertigung eine neue Finanzierungsrunde gestartet. Wie schon bei der vorherigen werden vor allem Geldgeber angesprochen, die eine hohe Affinität zum Thema Fliegen haben. „Damit haben wir bisher gute Erfahrungen gemacht“, begründet der Tüftler das Vorgehen.

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