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Lebensmittel
Chef der Milchindustrie: „Das sind Preise, die habe ich in 30 Jahren noch nie erlebt“

Deutschland produziert mehr Milch, als es verbraucht. Trotzdem gibt es Engpässe. Verbandschef Eckhard Heuser findet: Die Verbraucher haben eine Mitschuld an den höheren Preisen.

20.04.2022 | von Katrin Terpitz

Melkstand in Mecklenburg-Vorpommern © dpa

Düsseldorf H-Milch und Butter sind in vielen Supermärkten derzeit ausverkauft. Viele Verbraucher hamstern offenbar Grundnahrungsmittel. Welche Auswirkungen der Krieg und mögliche weitere Sanktionen gegen Russland für die Branche haben, erläutert Eckhard Heuser, Hauptgeschäftsführer des Milchindustrie-Verbands, im Interview mit dem Handelsblatt.

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Herr Heuser, alles wird teuer – gerade auch Butter, Milch und Käse. Preisführer Aldi hat die Butterpreise zuletzt um 30 Prozent angehoben. Beim Discounter kostet die 250-Gramm-Packung jetzt 2,09 Euro. Was sind die Gründe für diese Rekordpreise?
Auf der einen Seite ist das Angebot von Milch zurückgegangen. Das gilt für milchreiche Regionen wie Deutschland, die Niederlande oder Frankreich genauso wie die USA und Neuseeland. Es sind derzeit zwei Prozent weniger Milch am Markt verfügbar. Auf der anderen Seite ist die Nachfrage stark gestiegen. Das liegt am Hamstern. Die Verbraucher frieren Butter ein und decken sich mit H-Milch ein. Aber auch die Nahrungsmittelhersteller hamstern. Sie lagern mehr Vorräte an Milch, Butter und Käse ein, um immer lieferfähig zu sein. Diese Verknappung hat zu einem relativ starken Preisanstieg geführt.

Sind die Verbraucher also selbst schuld, dass die Preise so stark steigen?
Das Hamstern spielt beim Preisanstieg leider eine Rolle. Dabei kostet ein halbes Pfund Butter aber immer noch deutlich weniger als eine halbe Schachtel Zigaretten. Im Butterpäckchen steckt immerhin der Rahm von fünf Liter Milch.

Eckhard Heuser: „Eigentlich ist genügend Milch da“

Deutschland produziert ja viel mehr Milch als es selbst verbraucht. Der Selbstversorgungsgrad liegt bei 117 Prozent. Warum ist die Milch dennoch knapp?
Eigentlich ist genügend Milch da, wäre das Hamstern nicht. Lokal kann Milch derzeit schon mal knapp werden. Manche Händler geben Milch und Butter deshalb nur noch in haushaltsüblichen Mengen ab.

Inwieweit ist der Ukrainekrieg für die Entwicklung verantwortlich?
Der Krieg hat reale und psychologische Auswirkungen. Die Ukraine ist zum Beispiel ein wichtiger Lieferant von Futtermitteln für ganz Europa. Milchkühe brauchen Eiweißfutter wie Rapsschrot oder Mais. Die alte Ernte liegt teilweise noch in den Schwarzmeerhäfen, die vermint und dicht sind.

Was bedeutet das für die Versorgung deutscher Milchkühe mit Futter?
Die Ernte von Getreide oder Raps in der Ukraine wird dieses Jahr um schätzungsweise 40 Prozent einbrechen. Deshalb wird keine Kuh hierzulande verhungern, aber die Preise für Futter und Dünger haben jetzt schon stark zugelegt.

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Eckhard Heuser © Privat

Durch den Krieg sind auch die Energiepreise extrem gestiegen. Wie wirkt sich das auf die Milchbranche aus?
Die Produktion von Milch und Butter ist sehr energieintensiv. Die Milch kommt warm aus dem Euter und muss beim Bauern gekühlt werden. Die Tankkühllaster fahren in die Molkerei, dort wird die Milch erhitzt. Milcherzeugnisse werden nach der Herstellung runtergekühlt und vom Kühllager ins Tiefkühlregal vom Supermarkt gebracht.

Wie wichtig ist Erdgas für die Branche?
Sehr wichtig. Schätzungsweise 70 bis 80 Prozent des Energiebedarfs der Molkereibranche werden damit gedeckt. Das war vor 20 Jahren noch anders. Inzwischen wurden alte Ölanlagen durch moderne Gasbrenner ersetzt.

„Milch ist systemrelevant“

Was passiert, wenn die Gasimporte aus Russland gestoppt werden?
Wir unterstützen einen Boykott von russischem Gas nicht.

Ist denn die Molkereibranche nicht systemrelevant und bekäme im Falle eines Importstopps Gas bevorzugt geliefert?
Milch ist systemrelevant. Das wurde uns gerade erst bestätigt vom Bundesernährungsministerium. Am Ende des Tages kommt es aber auf den Standort der Betriebe an und die Gasnachfrage in der eigenen Region. Dann entscheidet die Bundesnetzagentur, ob die Molkerei mit Gas versorgt wird oder nicht. Aber wir gehen davon aus, dass eine Molkerei bei der Gaszuteilung wichtiger ist als etwa ein Hersteller von Gummibärchen. Milch ist etwa für Kindernahrung unverzichtbar.

Einkauf in einem Supermarkt © IMAGO/Martin Wagner

Die Erzeugerpreise für Butter lagen im Februar um 64 Prozent über denen des Vorjahrs. Bei Milch waren es 30 Prozent mehr. Sind die Steigerungen denn überhaupt schon komplett im Supermarkt eingepreist?
Die Verbraucher hat erst ein Teil der Preiserhöhungen erreicht. Die Großhandelspreise haben schon viel kräftiger angezogen, kommen aber erst gegen Sommer bei den Konsumenten an. Das gilt vor allem für Milch.

Die Preise mit dem Einzelhandel werden meist für sechs Monate im Voraus verhandelt. Lässt sich der Rhythmus noch beibehalten angesichts der rasant steigenden Kosten?
Nein. Viele Molkereien haben deshalb auf fließende Verträge mit dem Handel umgestellt, um nicht jeden Monat Preise neu verhandeln zu müssen. Nun werden die Preise automatisch angepasst – nach oben oder nach unten – sobald sich Preise für Leitprodukte wie Blockbutter, Milch oder Milchpulver verändern.

Auf welche Preise müssen sich Verbraucher in diesem Jahr einstellen?
Der Liter Milch geht auf jeden Fall über einen Euro. Derzeit ist die günstigste Sorte für 79 Cent zu haben. Bei Butter rechne ich mit 10 Cent mehr pro Packung. Die Preise bleiben auf hohem Niveau.

Kommen die höheren Preise für Milch, Käse und Butter denn bei den Milchviehhaltern an?
2021 erhielten deutsche Milcherzeuger im Schnitt 36 Cent das Kilo Milch. Jetzt liegt der Milchpreis bei gut 43 Cent. Wir erwarten um die 50 Cent pro Kilo Milch ab Hof. Das sind Preise, die habe ich in meinen 30 Jahren in der Branche noch nie erlebt.

Butter © dpa

Können Milchbauern denn ihre gestiegenen Kosten decken?
Die Margen für die Milchbauern steigen. 2016 war das Geschäft kaum profitabel, anders als heute. Nun liegen die Deckungsbeiträge bei knapp 20 Cent pro Liter. 2022 und 2023 werden gute Jahre für die Milcherzeuger. Wenn die Milchproduktion attraktiv wird, könnte aber mehr Milch auf den Markt kommen – und der Preis wieder nach unten gehen.

Früher gab es Milchseen und Butterberge durch Überproduktion. Dann wurden 1984 in der EG Milchquoten eingeführt, die 2015 wieder abgeschafft wurden. Wie hat sich der Markt seitdem verändert?
Der Milchmarkt ist deutlich volatiler geworden. Wir sind viel abhängiger vom Export. Russland etwa hat seit 2014 den Markt für EU-Milchprodukte dichtgemacht – als Antwort auf westliche Sanktionen auf den Krimangriff. Das Importverbot hat uns sehr getroffen und die Märkte sehr unbeständig gemacht.

Hat Deutschland für Notzeiten eigentlich genügend Milchreserven?
Die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung in Bonn hat eine Notbevorratung von Kondensmilch und Milchpulver. Das sind rollierende Bestände, die aber nur wenige Wochen reichen. Die Vorräte sollten angesichts der unsicheren Zeiten nun wohl aufgestockt werden.

Herr Heuser, vielen Dank für das Gespräch.

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