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Medienkonzern
RTL-Chef Schäfer muss gehen – Bertelsmann-CEO Rabe bekommt nun eine Dreifachrolle

Nach nur einem Jahr muss der Co-Chef das Kölner Medienunternehmen verlassen. Die neue Spitze soll besonders das Streaming-Geschäft vorantreiben.

17.08.2022| Update: 17.08.2022 - 13:51 Uhr | von Hans-Jürgen Jakobs

Stephan Schäfer © dpa

München Über Mangel an Arbeit kann Thomas Rabe, 57, genauso wenig klagen wie über Mangel an Ämtern. Seit vielen Jahren schon ist Rabe, im Dienst der Gütersloher Eigentümerfamilie Mohn, Vorstandschef des Medienkonzerns Bertelsmann. Seit 2019 ist er zudem CEO von dessen wichtigster Tochter, der RTL Group in Luxemburg. Nun kommt für den Vielbeschäftigten – bis auf Weiteres, maximal für ein Jahr – ein dritter wichtiger Posten hinzu: der Vorsitz der Geschäftsführung von RTL Deutschland.

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Bertelsmann 2022, das heißt: Ein Mann macht alles selbst. Die hiesigen TV-Geschäfte sind der wichtigste Gewinnbringer des gesamten Unternehmens. Manager Rabe, dem Zupack-Qualitäten nachgesagt werden, will es in der ersten Reihe selbst richten. „Wir haben uns jetzt für die Führungsstruktur bei RTL Deutschland entschieden, weil RTL vor einigen großen Herausforderungen steht“, begründet er den drastischen Schritt.

Mitten in tiefgreifenden Wandel des internationalen Mediengeschäfts setzt Bertelsmann-Aufsichtsratschef Christoph Mohn auf die Kräfte eines Dreifach-Chefs, der es wie ein „Supermann der Ökonomie“ mit den größten Marktmächten aus den USA aufnimmt: Netflix, Amazon, Disney. Die transatlantische Konkurrenz hat mit ihren Streamingangeboten immer mehr Zuschauer abgezogen, allein die großen drei aus den Vereinigten Staaten kommen auf rund 80 Prozent Marktanteil.

Hohe Investitionen von RTL in den Streamingmarkt drücken nun genauso auf die Bilanz wie die dunklen Aussichten im TV-Werbegeschäft, mit Prognosen von null bis minus acht Prozent für das zweite Halbjahr. In dieser Lage will Rabe offenbar verstärkt als Kostenkommissar darüber wachen, dass bloß nichts aus dem Ruder läuft. Langfristig soll dann ein starker CEO, nach dem er suchen will, den Kölner Laden führen.

Bertelsmann-Chef Thomas Rabe © dpa

Offenbar war Stephan Schäfer, einst glühend bejubelter Co-Chef von RTL-Deutschland, zu lasch für die Härte der Aufgabe. Es half auch nicht, dass er mit Rabe gemeinsam schöne Wandertouren erlebt haben soll. Nach noch nicht einmal einem Jahr wird der gelernte Journalist mit freundlich gewählten Worten verabschiedet. Er verlasse das Unternehmen in „bestem Einvernehmen“, vermittelt die Presseerklärung, und bleibe als Berater aktiv.

Schäfer hatte zuvor Karriere im Bertelsmann-Zeitschriftenhaus Gruner + Jahr („Stern“, „Geo“, „Schöner Wohnen“) gemacht, das vor einem Jahr von RTL gekauft wurde. Seitdem laufen komplizierte Integrationsarbeiten mit einem guten Dutzend Chefredakteuren und 1500 Journalisten, die das eigene Streamingportal RTL plus bestmöglich bestücken sollen. Schäfer war für den „Content“ verantwortlich.

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Streaming in Kooperation mit Deezer

2022 werden nach Konzernangaben mehr als 20 Millionen Euro an „Synergien“ erzielt. Schäfer denkt in solchen Vernetzungskategorien ähnlich wie Super-CEO Rabe. Und noch einen Tag vor der Demission des Content-CEO startete eine kostenpflichtige Musik-App, kombiniert mit Videos mit 90 Millionen Songs, wobei Streamingdienst Deezer als Partner auftritt. Die Novität soll helfen, RTL plus weit abzusetzen von Netflix & Co. Was nach wie vor fehlt, ist die vollmundig angekündigte große Medienapp von RTL. Musik ist nur ein kleiner Anfang.

Andererseits sind für das tönende Projekt 250 Millionen Euro Anlaufverluste eingeplant, was Schäfer womöglich lockerer als Rabe gesehen hat. Nun ist in der Führung von RTL Deutschland das Ressort „Content“ erst mal verwaist und der für Marketing und Technik zuständige Matthias Dang ein Co-Chef ohne „Co“.

Dafür soll Andreas Fischer als Chief Operating Officer (COO) den Mittelabfluss verlangsamen, er war schon lange mit der Strategie und Unternehmensentwicklung von RTL betraut. Zur Geschäftsleitung gehören nach wie vor Oliver Radtke (Gesamtkoordination der Zusammenführung von RTL und Gruner + Jahr) und Alexander Glatz (Recht und Finanzen).

Es herrscht Alarmstimmung bei Bertelsmann und RTL. Inflation, eine drohende Rezession, Coronapandemie, Ukrainekrieg und Energieschocks haben Rabe dazu getrieben, Extremes zu wagen: „Ich habe noch nicht erlebt, dass so viele externe negative Faktoren gleichzeitig aufgetreten sind. Das ist eine so außergewöhnliche Situation, da ist aktives Handeln nötig“, begründete er gegenüber der „Frankfurter Allgemeinen“ die One-Man-Show.

„Gala“ und „Chefkoch“ funktionieren nicht im RTL-Programm

Es kommt erschwerend hinzu, dass Fernsehvarianten von G+J-Printformaten wie „Gala“ oder „Chefkoch“ im RTL-Fernsehprogramm wenig Erfolg hatten und die Reichweiten generell bedenklich sinken. Zudem will Streaminggigant Netflix zusammen mit Microsoft nun auch Werbung akquirieren und wildert damit im Stammgeschäft des Kölner Privatsenders.

Es geht dem langjährigen Finanzchef offenbar um ein stärkeres aktives Steuern der Kosten. Es lägen „spannende Aufgaben und große Herausforderungen vor uns, die wir gemeinsam angehen werden“, wirbt Rabe in der offiziellen Erklärung um die verdutzten Mitarbeiter. Er sieht RTL als künftigen „nationalen Media-Champion“.

RTL plus hat derzeit mehr als 3,4 Millionen zahlende Abonnenten. RTL Deutschland (8000 Mitarbeitende) umfasst insgesamt 15 TV-Sender, 50 Premium-Magazine, das Podcast-Portfolio von Audio Now und zahlreiche Digitalangebote. RTL Radio Deutschland wiederum ist an 17 Hörfunksendern beteiligt.

Unter Gesichtspunkten der Corporate Governance ist es ein weltweit extremer Sonderfall, dass ein einzelner Manager sowohl operativ Verantwortlicher als auch sein eigener Kontrolleur (und das gleich zweimal) ist. Rabe verweist darauf, dass er in knapp elf Jahren an der Spitze von Bertelsmann immer wieder „Arbeitsschwerpunkte in einzelnen Geschäften“ gesetzt habe – bei dem Dienstleister Arvato, bei der Bildung von Dienstleister Majorel oder in der RTL Group. Rabe: „Es gehört zu meiner Art zu arbeiten.“ Und RTL Deutschland ist das größte Einzelgeschäft von Bertelsmann. Er werde jetzt noch mehr Zeit in Köln verbringen, „mindestens drei Tage in der Woche“.

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