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Unternehmergespräch
Veltins-Chef warnt vor Folgen der Energiekrise: „Ohne Gas kein Bier“

Brauereien kämpfen bereits mit stark gestiegenen Kosten. Ein Stopp der Erdgaslieferungen hätte für die Branche dramatische Folgen, erklärt Veltins-Chef Michael Huber.

04.07.2022 | von Katrin Terpitz

Bierabfüllung bei Veltins © dpa

Düsseldorf Die Brauerei Veltins ist in der Pandemie gegen den Branchentrend gewachsen. Doch nun belasten die Verteuerung und Verknappung der Rohstoffe – von Energie über Glas bis Malz – den Neustart der Branche. „Bierbrauen ist so teuer wie nie“, sagt Michael Huber, seit 1996 Generalbevollmächtigter der Privatbrauerei im Sauerland, im Interview mit dem Handelsblatt.

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Der immense Kostendruck bedeute für viele von der Pandemie gebeutelten Brauer ein erhebliches Risiko. Trotzdem hält Huber eine Bierpreiserhöhung um bis zu 30 Prozent – wie vom Deutschen Brauerbund gefordert – für überzogen. „Auch wenn dies gerechtfertigt wäre.“

Noch mehr Sorgen bereitet dem Manager die zunehmende Gasknappheit. „Wenn russisches Gas ausbleibt, hätten wir ein erhebliches Problem: Ohne Gas kein Bier“, sagt Huber. Sudhäuser werden überwiegend mit Gas betrieben. Veltins habe einen Ölvorrat für fünf Wochen angeschafft, um im Notfall von Gas auf Öl zu wechseln.

Allerdings sind Brauer auf Glasflaschen angewiesen, deren Produktion stark von Gas abhängig ist. „Die deutsche Braubranche benötigt etwa 900 Millionen neue Bierflaschen, um den Mehrwegkreislauf aufrechtzuhalten“, betont Huber.

Lesen Sie hier das Interview mit Michael Huber, Chef von Veltins:

Herr Huber, in der Coronazeit waren Kneipen dicht, Volksfeste verboten. Der Bierkonsum, der seit Jahren schrumpft, sank 2021 auf einen historischen Tiefststand. Haben die Deutschen in der Pandemie das Biertrinken verlernt?
Die Deutschen lernen das Biertrinken gerade wieder. In den zwei Jahren Pandemie ist der Absatz hierzulande auf 69 Millionen Hektoliter gesunken. 2021 wurden etwa 250 Millionen Maßkrüge Bier weniger getrunken als 2019. Seitdem es wieder Events und Feste gibt, steigt die Lust aufs Biertrinken immens. Wir spüren ein unheimliches Nachholbedürfnis. Das Biergeschäft in der Gastronomie zieht deutlich an, gleichzeitig schwächelt der Absatz im Handel nach der Sonderkonjunktur im Lockdown.

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In der Pandemie hat die Branche ein Brauersterben prophezeit. Von Schließungen hört man nun aber kaum. Haben die Corona-Hilfen gewirkt?
Viele Brauereien haben die Pandemie nur dank der Corona-Hilfen überlebt. Nun fallen die Hilfen weg, aber die Umsätze haben sich noch längst nicht erholt. Hinzu kommt nun der immense Kostendruck, der für viele Bierbrauer ein erhebliches Risiko bedeutet. Die Branche hat noch einen steinigen Weg vor sich bis weit ins Jahr 2023 hinein.

Was hat sich für die Brauer alles verteuert?
Bierbrauen ist so teuer wie nie. Energie ist die wichtigste Zutat beim Brauen. Strom auf dem Terminmarkt hat sich innerhalb eines Jahres um 280 Prozent verteuert; auf dem Spotmarkt, auf dem Brauer zukaufen müssen, um 210 Prozent. Der Preis für Erdgas ist in den letzten zwölf Monaten um 340 Prozent gestiegen. Der Malzpreis hat sich verdoppelt. Nur der Preis für Hopfen ist gleich geblieben wegen guter Ernten. Kartonagen sind 40 Prozent, Folien 50 Prozent teurer. Die Kostenexplosion trifft alle in der Branche, nicht nur Veltins.

Michael Huber © Veltins/Volker Wiciok

Höhere Kosten sind eine Sache, aber bekommen Sie auch alle Rohstoffe?
Europaletten etwa sind durch den Ukrainekrieg knapp geworden. Es fehlen Spezialnägel. So ist der Preis in einem Jahr von 11,40 auf 23 Euro gestiegen. Ein Irrsinn. Die Verfügbarkeit ist heute das größte Problem. Da helfen auch feste Lieferkontrakte wenig. Mancher Lieferant gibt die Ware lieber dem, der mehr bezahlt.

Wie steuert Veltins gegen?
Um lieferfähig zu bleiben, haben wir für 30 Millionen Euro einen erheblichen Vorrat angelegt, etwa an Leim und Etiketten. Dafür haben wir extra Lagerhallen angemietet. Vielen kleinen Brauereien fehlt dafür jedoch die finanzielle Kraft. Nach wie vor sind gerade regionale Brauer gefährdet. Sie können nicht alle höheren Kosten durch höhere Preise kompensieren.

Die Maß auf der Wiesn soll dieses Jahr bis zu 13,80 Euro kosten. Der Brauerbund hat jüngst erklärt, Bier müsse bis zu 30 Prozent teurer werden. Wird Bier zum Luxusgetränk?
30 Prozent Preiserhöhung halte ich für überzogen – auch wenn dies gerechtfertigt wäre. Dann würde aber der Absatz noch stärker schwinden. In Zeiten wie diesen müssen wir Brauer unsere Ansprüche zurückfahren und mit niedrigeren Margen leben.

Michael Huber: „Natürlich sind wir in Sorge, dass die Menschen sparen“

Veltins hat bereits zum April die Preise angehoben. Reicht das aus?
Der Kasten Pils mit 20 Flaschen kostet jetzt einen Euro mehr. Das ist eine Erhöhung um etwa sechs Prozent. Handel und Gastronomie würden eine weitere Preiserhöhung in diesem Jahr wohl nicht mittragen. Dies Hemmnis dürfte für die gesamte Braubranche gelten. Im Gegenteil: Der Handel bangt um Kunden und wirbt deshalb mit scharfen Aktionsangeboten, die wir Brauer nicht beeinflussen können. Aber wenn sich die Kostensituation nicht wieder entspannt, wird auch Veltins über höhere Preise im nächsten Jahr nachdenken müssen.

Die Deutschen sind wegen der Inflation immer preissensibler. Werden die Verbraucher künftig eher zu günstigen Bieren greifen statt zu Premiummarken wie Veltins?
Nach der Finanzkrise 2008 gab es einen Schwenk zu Billigmarken, das spüren wir zurzeit überhaupt nicht. Veltins wächst sogar sehr gut. Marken sind weiter gefragt. Bier hat viel mit Emotionen zu tun. Wer immer Veltins oder andere Premiummarken kauft, wird wegen eines Euros mehr pro Kasten nicht die Marke wechseln. Aber natürlich haben wir Sorge, dass die Menschen sparen.

Vita Michael Huber

Der Manager

Michael Huber ist seit 1996 Generalbevollmächtigter der Privatbrauerei Veltins. Sein BWL-Studium brach der heute 72-Jährige ab. Seine Karriere begann er bei den Schwartauer Werken mit dem Vertrieb von Nüssen. Danach wurde er Geschäftsführer des Deutschen Paketdiensts. Huber stieg bei der Spedition Interspe in Unna ein, die er mit einem Partner zu einem Milliardenunternehmen aufbaute und 2006 verkaufte. Im selben Jahr wurde Huber Generalbevollmächtigter beim Leuchtenhersteller Trilux in Arnsberg mit rund 5000 Mitarbeitern. Im Juli übernimmt er dort 28 Prozent der Anteile.

Das Unternehmen

Die Privatbrauerei C. & A. Veltins hat ihre Wurzeln in einer Landbrauerei im sauerländischen Grevenstein. Susanne Veltins ist Alleininhaberin in fünfter Generation. Das Unternehmen mit knapp 700 Mitarbeitern steigerte den Umsatz 2021 um 5,8 Prozent auf 362 Millionen Euro. Mit Wettbewerber Radeberger formierte Veltins 2019 die Deutsche Getränkelogistik mit damals rund 1,4 Milliarden Euro Umsatz.

Was bedeutet der Ukrainekrieg für die Branche?
Noch mehr Sorgen als eine mögliche neue Coronawelle im Herbst bereitet uns die Gasknappheit. Wenn russisches Gas ausbleibt, hätten wir ein erhebliches Problem.

Die zweite Alarmstufe des Notfallplans Gas ist bereits ausgerufen. Wie stark ist die Braubranche von Erdgas abhängig? Und wie bereiten Sie sich auf den Ernstfall vor?
Ohne Gas kein Bier. Sudhäuser brauchen viel Energie und werden überwiegend mit Gas betrieben. Veltins hat zwar einen Ölvorrat für fünf Wochen angeschafft, um im Notfall von Gas auf Öl zu wechseln. Allerdings sind wir Brauer extrem abhängig von Vorlieferanten.

Die Glasindustrie etwa kann ohne Gas nicht arbeiten. Allein Veltins braucht jedes Jahr rund 50 Millionen neue Flaschen. Die ganze Branche benötigt etwa 900 Millionen neue Bierflaschen, um den Mehrwegkreislauf aufrechtzuhalten.

Die Regierung will die Versorgung mit Lebensmitteln sicherstellen. Aber ist ausgerechnet Bier systemrelevant?
Die Entscheidung der Bundesnetzagentur hängt wie ein Damoklesschwert über uns. Ob die Verbraucher im Ernstfall auf Bier verzichten müssen, können wir heute noch nicht abschätzen. Für uns ist das unvorstellbar! Aber was ist heute noch kalkulierbar? Die Unsicherheit war noch nie so groß.

Sie leiten seit mehr als einem Vierteljahrhundert als Generalbevollmächtigter die Privatbrauerei Veltins. Während der Bierkonsum sinkt, ist Veltins gegen den Trend gewachsen. Ihr Absatz lag 2021 sogar höher als vor der Pandemie. Wie ist Ihnen das gelungen?
Wir ruhen uns auf unserem Erfolg nicht aus. Veltins hatte immer eine stabile Finanzlage, weil Alleininhaberin Susanne Veltins den Gewinn grundsätzlich im Unternehmen lässt. Dadurch konnten wir Investitionen rechtzeitig angehen. Bis 2024 haben wir über 400 Millionen Euro in die Brauerei investiert. Wir haben neue Abfüllanlagen, Logistikzentren, Kläranlagen und ein neues Sudhaus gebaut. Dabei arbeiten wir sehr kostenbewusst und optimieren ständig unsere Prozesse. Veltins hat eine gute Produktpalette, eine motivierte Belegschaft und eine wertige Marke. Deshalb wachsen wir auch im ersten Halbjahr deutlich.

Veltins-Chef: „Auf dem Biermarkt herrscht ein harter Verdrängungswettbewerb“

Im Gegensatz zu manchem Konkurrenten.
Auf dem schrumpfenden Biermarkt herrscht ein harter Verdrängungswettbewerb. Viele Marken verlieren seit Jahren Menge und Image. Der Ausstoß von Veltins dagegen ist in den vergangenen zehn Jahren um 15 Prozent gewachsen, der Umsatz um knapp 30 Prozent. Unter den Premiummarken liegen wir stabil auf dem dritten Platz hinter Krombacher und Bitburger. Beide haben aber deutlich an Menge eingebüßt in den letzten Jahren.

Aber auch bei Veltins laufen nicht alle Biere gut. Das Biermischgetränk V+ war genauso rückläufig wie alkoholfreies Bier und Radler. Und auch die Retro-Sorte Grevensteiner Landbier hat verloren.
Eine Innovation erreicht irgendwann ihren Höhepunkt und wird durch eine andere abgelöst. V+ ist mehrheitlich auf junge Erwachsene ausgerichtet und legt nach den Lockdowns wieder erfreulich zu. Unser Helles Pülleken, das wir mitten in der Pandemie gelauncht haben, ist unsere erfolgreichste Neueinführung aller Zeiten. Am allerwichtigsten ist, dass die Stammmarke gedeiht. Mit Veltins Pils wachsen wir seit 17 Jahren.

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Mit Fabian Veltins, Neffe von Susanne Veltins, ist im Juli die sechste Generation ins operative Geschäft eingestiegen. Soll er eines Tages die Brauerei führen?
Fabian Veltins ist in der Branche ausgebildet, auch international. Er verantwortet nun unser Fassbiergeschäft in ganz Europa. Da übernimmt er kein einfaches Amt. Der Nachname hilft dabei gar nicht. Wir bilden ihn aus und schauen, ob er die Voraussetzungen mitbringt, später einmal das Unternehmen zu führen. Da ist noch alles offen.

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Sie sind bald 73, in dem Alter spielen andere lieber Golf. Seit 17 Jahren leiten Sie neben Veltins auch erfolgreich den Leuchtenhersteller Trilux. Wie ist es möglich, in zwei so verschiedenen Branchen erfolgreich zu sein?
Ich habe keine Ahnung von Elektrotechnik oder Brauen, aber Trilux und Veltins laufen trotzdem. Denn egal ob Bier oder Leuchten, die Spielregeln für gute Unternehmensführung sind überall gleich: Das höchste Gut einer Firma sind die Menschen. Viele Chefs verstricken sich im Mikromanagement und nehmen sich nicht die Zeit, ihre Leute zu inspirieren und aufzubauen. Darin sehe ich meine Aufgabe als Chef. Wenn ich ein Unternehmen besuche und der Pförtner ist mürrisch, weiß ich sofort: In dem Laden läuft etwas schief.

Veltins Pils © imago images/RHR-Foto

Stimmt es, dass Sie keinen Computer haben?
Ich habe keinen PC, sondern bekomme mehrmals täglich die aktuellen Zahlen auf mein Handy gemailt. Seit der Pandemie habe ich auch ein Tablet für Videokonferenzen. Am Mittwoch ist unser Entscheidungstag bei Veltins, da treffen sich alle Verantwortlichen. Bei Trilux entscheiden wir Dienstag und Donnerstag. So komme ich insgesamt mit einer Viertagewoche aus. Wenn mir das zu viel wird, dann gebe ich ab.

2024 feiert Veltins 200-jähriges Jubiläum. Bis dahin ist die Brauerei quasi runderneuert. Ein guter Zeitpunkt, um an Ihren designierten Nachfolger Volker Kuhl zu übergeben?
Wir alle dürfen uns nicht überschätzen. 2024 ist ein gutes Datum. Ich kann auf Wunsch von Frau Veltins danach in den Aufsichtsrat wechseln. Volker Kuhl und ich arbeiten seit 27 Jahren zusammen und vertrauen uns blind. Natürlich habe ich den Ehrgeiz, ein Unternehmen zu übergeben, das auch läuft.

Herr Huber, vielen Dank für das Interview.

Erstpublikation: 02.06.22, 14:25 Uhr.

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