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Zulieferer
Continental schließt Werke in Deutschland – 7000 Arbeitsplätze betroffen

Continental veröffentlicht Details zu seinem Sparprogramm. Das Ausmaß ist nicht nur erschreckend für die Mitarbeiter. Es ist auch ein Warnsignal für die gesamte Branche.

25.09.2019| Update: 25.09.2019 - 14:18 Uhr | von Roman Tyborski

Düstere Zeiten für Zulieferer © dpa

Düsseldorf Wochenlang haben Arbeitnehmervertreter und Vorstand um das Sparprogramm von Continental gerungen. Seit Mittwoch herrscht Klarheit darüber, wie viele Stellen gestrichen und welche Werke geschlossen werden sollen. Vor allem für Mitarbeiter in Deutschland dürften die Kostensenkungsmaßnahmen des Dax-Konzerns eine Enttäuschung sein.

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Im Rahmen der „Transformation 2019 – 2029“ stehen bei Continental in den kommenden zehn Jahren weltweit bis zu 20.000 Arbeitsplätze auf dem Spiel. Allein in Deutschland sind etwa 7000 der insgesamt 62.000 Stellen betroffen, 5000 davon bereits bis 2023. Der Zulieferer erhofft sich mithilfe der Maßnahmen ab 2023 die Bruttokosten jährlich um 500 Millionen Euro zu senken.

In Deutschland trifft es vor allem Mitarbeiter, die Komponenten für Verbrennungsmotoren konzeptionieren und produzieren. Am Standort Roding in Bayern, wo 540 Mitarbeiter hydraulische Komponenten für Benzin- und Dieselmotoren herstellen, wird die Produktion bis 2024 eingestellt. 330 Arbeitsplätze werden hier abgebaut.

Im Werk im sächsischen Limbach-Oberfrohna, das Dieselinjektoren herstellt, werden 860 der 1230 Arbeitsplätze gestrichen. Für die 370 verbliebenen Mitarbeiter sucht das Continental nach einem Übergang in funktionsnahen Aufgabengeldern.

Im hessischen Babenhausen wiederum werden Forschungs- und Entwicklungsarbeiten bereits bis Ende 2021 an andere Standorte verlagert, bis 2025 werde die Serienproduktion des Geschäftsbereichs Instrumentation eingestellt. 2200 Arbeitsplätze sind hier betroffen.

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Continentals Sparprogramm dürfte als Maßstab dafür gelten, wie hoch der Kostendruck innerhalb der Zuliefererbranche ist. Der sinkende Autoabsatz, die schwächelnde Konjunktur und die Transformation der Automobilbranche zwingen Zulieferer auf der ganzen Welt zu Einsparungen.

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Die Kostensenkungsvorhaben des Zulieferers aus Hannover könnten somit ein Vorgeschmack darauf sein, was Konkurrenten wie Bosch oder ZF noch bevorsteht.„Unser Strukturprogramm ist auf schnelle Wirkung angelegt, damit wir erfolgreich in die Zukunft einer gesunden Mobilität durchstarten“, teilt Konzernchef Elmar Degenhart in einem Schreiben zum Sparprogramm mit.

„Wie unsere Industrien sind wir zu einem äußerst hohen Anpassungstempo gezwungen. Es verlangt von uns höchste Konzentration. Die konsequente Umsetzung des Strukturprogramms wird uns bis an die Leistungsgrenze fordern und manchmal wahrscheinlich darüber hinaus.“

Betriebsbedingte Kündigungen seien zwar „das allerletzte Mittel der Wahl“. Ausschließen will sie Degenhart aber nicht. „Wenn sie unumgänglich sein sollten, wollen wir unsere ausscheidenden Mitarbeiter unterstützen, so gut wir können“, heißt es in einer Mitteilung des Konzerns.

Von Seiten der Gewerkschaft hagelt es Kritik. „Die Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat von Continental haben einer Schließung von Standorten in Deutschland nicht zugestimmt, sondern lediglich einer ergebnisoffenen Prüfung.

„Den vom Vorstand geplanten gravierenden Stellenabbau werden sie nicht akzeptieren“, heißt es in einer Stellungnahme von Christiane Benner, zweite Vorsitzende der IG-Metall und stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende bei Continental. Es würden allein die Beschäftigten für Managementfehler zahlen, so Benner. Sie erwartet von Continental zukunftsweisende Konzepte.

Deutliche Worte findet auch Hasan Allak, Konzernbetriebsratsvorsitzender bei Continental: „Ich verurteile die Planungen des Vorstands auf das Schärfste“, lässt Allak mitteilen. „Ich bin davon überzeugt, dass nicht alle Entscheidungen einen Zusammenhang mit technologischen und disruptiven Veränderungen haben.“

Es seien in der Vergangenenheit Managementfehler gemacht worden, für die jetzt teilweise Mitarbeiter die „Zeche“ zahlen würden. Zeitgleich mit dem Arbeitsplatzabbau plant Continental, mehr Personal in Wachstumsfeldern einzustellen. Dabei wird der Fokus auf dem Softwarebereich liegen.

Als Wachstumsfelder hat der Konzern das autonome und das vernetzte Fahren ausgemacht. Außerdem setzt Conti auf softwarebasierte Dienstleistungen für Mobilitätskunden. In diesem Rahmen hat der Konzern eine „umfassende Qualifizierungsoffensive“ für Mitarbeiter aufgesetzt, die vom Stellenabbau betroffen sind.

Darüber hinaus vertraut Continental weiterhin auf sein Traditionsgeschäft mit Reifen, mit dem Ziel weltweit in die Top 3 der Reifenhersteller vorzurücken. Im Antriebsbereich – der künftig Vitesco Technologies heißen wird – strebt der Konzern ein profitables Wachstum mit Elektromobilität an. Im vergangenen Jahr lag der Auftragswert im Elektrobereich bei zwei Milliarden Euro.

Globaler Gegenwind für die Zulieferer

Bereits mit der Gewinnwarnung Ende Juli hatte sich abgezeichnet, dass Continental seine Strategie nachjustieren muss. Einige Tage später veröffentlichte der Konzern schwache Halbjahreszahlen. Zwar konnte das Umsatzniveau im Vergleich zu 2018 beibehalten werden, doch die Profitabilität sank erheblich von 2,1 auf 1,6 Milliarden Euro.

Besonders deutlich waren die Auswirkungen beim operativen Cashflow. Dieser sackte von knapp 1,5 Milliarden auf rund 744 Millionen Euro ab. Über den operativen Cashflow werden unter anderem Investitionen in Forschung und Entwicklung getätigt.

Damit ist der Mittelzufluss auch eine Kennziffer dafür, wie handlungsfähig ein Konzern ist, in neuen Geschäftsfeldern zu expandieren. Ausschlaggebend für den Gegenwind, den nicht nur Continental, sondern alle Zulieferer der Welt verspüren, ist der überraschend starke Rückgang des Pkw-Absatzes. Besonders verheerend entwickelt sich der chinesische Automarkt, lange Zeit eine Art Zusatzversicherung der Branche.

Dort wurden im ersten Halbjahr 2019 lediglich 9,9 Millionen Fahrzeuge abgesetzt und damit rund 14 Prozent weniger als im vergleichbaren Vorjahreszeitraum. Continental rechnet für das Gesamtjahr mit einem Absatzrückgang von fünf Prozent. In Autos umgerechnet, wären das sechs Millionen weniger Fahrzeuge, für die die Zulieferer Komponenten liefern.

Konzernchef Elmar Degenhart hatte daher mit Veröffentlichung der Halbjahreszahlen eine erhöhte Kostendisziplin angemahnt und auf der diesjährigen IAA die Politik aufgerufen, die Autoindustrie zu unterstützen. „In Deutschland gelten die höchsten Unternehmenssteuern aller OECD-Länder. Hinzu kommen sehr hohe Sozialkosten und die zweithöchsten Energiekosten weltweit“, sagte der Conti-Chef.

Das seien zu hohe Lasten, um bei stagnierendem Wachstum weltweit mithalten zu können. „Continental hatte eine Kostenstruktur für einen Automarkt, der sich an höheren Absatzzahlen orientiert“, erklärt Chris McNally, Autoanalyst im von Analysehaus Evercore ISI.

Der Experte sieht in der jetzigen Kostenanpassung allerdings keinen allzu großen Schritt, der Continental wieder nach vorne bringen könne. Das zeige auch die schwache Resonanz an den Finanzmärkten. So stieg die Conti-Aktie nach Verkündung des Sparprogramms nur kurz ins Plus und beendete den Handel mit einem leichten Minus von weniger als einem Prozent.

Hohe Investitionen in Wachstumsfeldern

Anders als in früheren Zyklen mit schwachem Wachstum können die Zulieferer ihre Investitionen jetzt nicht zurückfahren. Im Gegenteil: das autonome, vernetzte und elektrische Fahren erfordert von Continental riesige finanzielle Vorleistungen, die in Zeiten niedrigerer Margen die Bilanzen besonders belasten.

Die Elektrifizierung und die Digitalisierung des Geschäfts in Zeiten schwacher Konjunktur zu stemmen, dürfte für Continental zu viel Herausforderung gewesen sein. Um sich mehr Luft zu verschaffen, strengen die Hannoveraner daher einen Konzernumbau in eine Holding an.

Diese soll auf drei Säulen fußen: Reifen/Industriegeschäft, Automotive (autonomes und vernetztes Fahren) und Powertrain (Antriebssparte). In diesem Zuge plant Continental einen Teilbörsengang oder eine komplette Abspaltung der Antriebssparte.

Vom Konzern heißt es, dass Vitesco Technologies dadurch eigenständiger und agiler im Antriebsmarkt agieren könne, der sich in einem disruptiven Wandel vom Verbrennungs- zum Elektromotor befindet. Auf der anderen Seite kann sich Continental dann stärker auf den softwaregetriebenen Fahrerassistenzmarkt (ADAS) fokussieren.

Denn auch dieser erfordert in den kommenden Jahren milliardenschwere Investitionen. Eines aber unterscheidet sich in der Entwicklung des Antriebs- und des ADAS-Marktes. ADAS wirft bereits jetzt nennenswerte Renditen ab, die Elektromobilität nicht. Das Geschäft mit Elektroantrieben ist bislang nicht mehr als ein Versprechen.

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