ABO
Anzeige

Mitgeschnittene Sitzungen
Verdächtiger in VW-Spitzelaffäre ist vermutlich tot

Ein VW-Mitarbeiter, der interne Sitzungen zum Thema Prevent aufgezeichnet haben soll, ist offenbar ums Leben gekommen. Die Umstände sind noch unklar.

12.08.2020 | von René Bender und Stefan Menzel

Kamera an der Volkswagen-Zentrale © dpa

Düsseldorf Die Abhöraffäre bei VW hat offenbar eine dramatische Wendung genommen. Der von VW als mutmaßlicher Spitzel identifizierte Mitarbeiter soll verstorben sein. Darüber berichteten zuerst die „Helmstedter Nachrichten“. Demnach soll es sich bei der Leiche, die am Montagabend in einem kleinen Ort nahe Helmstedt in einem brennenden Auto gefunden wurde, um den Verdächtigen handeln. Die Zeitung berief sich mit Blick auf die Identität des Toten auf gesicherte Informationen. Die Familie der fraglichen Person war für Nachfragen bisher nicht zu erreichen.

Anzeige

Die Staatsanwaltschaft Braunschweig gab auf Nachfrage lediglich an, dass es sich bei dem Auto, in dem die Leiche gefunden wurde, um das des verdächtigten VW-Mitarbeiters handele. Das Obduktionsergebnis liege aber erst zum Teil vor, die Leiche ist demnach noch nicht sicher identifiziert. Am Körper der Person sei jedoch keinerlei Fremdeinwirkung festzustellen gewesen, so Staatsanwältin Julia Meyer gegenüber dem Handelsblatt. Die Behördensprecherin zeigte sich zudem optimistisch, dass die Identität der Leiche zweifelsfrei geklärt werden könne.
Aus VW-Konzernkreisen verlautete unterdessen, es sei „sehr wahrscheinlich, dass es sich um den Verdächtigen handelt.“

Vor knapp zwei Wochen war durch das Wirtschaftsmagazin „Business Insider“ bekannt geworden, dass vertrauliche Sitzungen einer Sonderprojektgruppe des Volkswagen-Konzerns offensichtlich über einen Zeitraum von zwei Jahren systematisch abgehört und mitgeschnitten worden waren. Fast 50 Stunden des brisanten Tonmaterials soll es geben. In den Runden in den Jahren 2017 und 2018 ging es vor allem um Strategien von VW in der Auseinandersetzung mit seinem Zulieferer Prevent.

VW und Prevent, einst eng miteinander verbunden, liefern sich seit mehreren Jahren eine erbitterte Auseinandersetzung über Preise und Lieferkonditionen, 2017 eskalierte der Streit. Der Autobauer lotete in den abgehörten Sitzungen Wege aus, sich von Prevent zu trennen oder zumindest die Handlungsoptionen des von der Investorenfamilie Hastor kontrollierten Zulieferers einzuschränken.

Nur wenige Tage nachdem die Abhöraffäre öffentlich wurde, war der mutmaßliche Maulwurf bereits enttarnt. Es handelt sich um einen Manager der Beschaffungssparte, der zuletzt Compliance-Aufgaben übernehmen sollte. Laut Handelsblatt-Informationen war er aber schon länger krankgeschrieben.

VW stellte Strafanzeige, die Staatsanwaltschaft Braunschweig nahm Ermittlungen gegen unbekannt auf. Anschließend wurde der Fall mysteriös: Die Staatsanwaltschaft ging inzwischen auch den Umständen eines möglichen Brandanschlags auf das Haus des mutmaßlichen konzerninternen Spitzels auf den Grund. Ende Mai war ein Feuer in dessen Wohnhaus ausgebrochen, der Schaden soll sich nach jüngsten Erkenntnissen auf etwa 600.000 Euro belaufen haben.

„Wir sind inzwischen sicher, dass es sich um Brandstiftung handelt“, sagte ein Polizeisprecher. Welchen Hintergrund die mutmaßliche Brandstiftung haben könnte, erschien indes völlig unklar. Spekuliert wurde dabei sowohl über Druck auf den mutmaßlichen Spitzel als auch über Geldsorgen und eine Versicherungssumme, die er einstreichen könnte.

Anzeige

Volkswagen wollte sich zu Einzelheiten der Abhöraffäre bisher stets nicht äußern, teilte aber mit, man stelle sich „selbstverständlich die Frage“, wer an den Inhalten der Sitzungen ein Interesse haben könnte und zu „derlei Mitteln greifen würde“.

Prevent äußerte, nicht an der Entstehung der Aufnahmen beteiligt gewesen zu sein und deren Inhalte auch nicht zu kennen. Der Zulieferer hatte gar ankündigt, wegen der Aufnahmen selbst rechtliche Schritte gegen VW zu prüfen.

Bei Selbstmordgedanken können die Experten der Telefonseelsorge helfen. Sie sind unter der kostenlosen Nummer 0800-1110111 oder 0800-1110222 erreichbar.

Weiterlesen...

Anzeige
ICO/Audio-Play@1,5x stop „@1x