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Matthias Berninger im Interview
Bayers neuer Lobbychef: „Glyphosat ist gut fürs Klima“

Der ehemalige Grünen-Politiker über die Zukunft des Unkrautvernichters, den Umgang des Konzerns mit Kritikern und die Folgen der Ausbeutung des Planeten.

22.12.2019 | von Bert Fröndhoff

Matthias Berninger © imago images / tagesspiegel

Der neue Lobby-Chef von Bayer, Matthias Berninger, stellt sich hinter die Pläne der EU-Kommission, Europa bis 2050 klimaneutral zu machen. „Die Industrie sollte sich an die Spitze der ökologischen Modernisierung Europas stellen“, sagte der 48-Jährige in einem Interview mit dem Handelsblatt. „Ohne die Wirtschaft wird es nicht gehen, und wenn wir das Richtige tun, wird die EU nicht das Falsche machen“, ergänzte der frühere Bundestagsabgeordnete der Grünen.

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Zum Ziel der EU-Kommission, den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln einzudämmen, werde Bayer mit der flächendeckenden Verbreitung der Digitaltechnik in der Landwirtschaft beitragen. „Zugleich wünschen wir uns aber auch, dass die Politik offen ist für die Zulassung der nächsten Generation von Pflanzenschutzmitteln, die in noch geringeren Mengen wirksam sind“, sagte Berninger.

Vor wenigen Tagen haben mehrere Agrarchemiefirmen, darunter Bayer, die erneute Zulassung des umstrittenen Unkrautvernichters Glyphosat in Europa ab 2023 beantragt. Berninger lehnt Forderungen ab, dass Bayer das Mittel wegen möglicher Gesundheitsgefahren selbst vom Markt nehmen sollte.

Glyphosat werde von den Behörden als sicher eingestuft, zudem sei das Mittel in den USA und Lateinamerika für die Landwirtschaft systemrelevant, sagte er. „Es wäre illusorisch zu glauben, die amerikanische oder brasilianische Landwirtschaft würde zum Pflügen zurückkehren.“ Durch die CO2-Einsparungen im Einsatz sei Glyphosat zudem positiv für die Umwelt.

Berninger kündigte an, mit Kritik etwa von Umweltschutzorganisationen offener umgehen zu wollen und auch Schwächen einzugestehen. „Beide Seiten können sich den alten Grabenkrieg nicht mehr leisten. Statt uns gegenseitig Vorwürfe zu machen, sollten wir voneinander lernen“, sagte er. Im Gegenzug sollten NGOs nicht jede technologische Chance für die Landwirtschaft per se ablehnen.

Lesen Sie hier das gesamte Interview:

Herr Berninger, die EU-Kommission will Europa bis 2050 klimaneutral machen. Ist das eine Bedrohung oder Chance für die Industrie?
Die Industrie sollte sich an die Spitze der ökologischen Modernisierung Europas stellen. Ohne die Wirtschaft wird es nicht gehen, und wenn wir das Richtige tun, wird die EU nicht das Falsche machen. Bayer wird seinen Teil dazu beitragen, dass das Ziel der EU-Kommission umgesetzt wird.

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Aber es geht im „Green Deal“-Konzept auch um die deutliche Reduzierung von Pflanzenschutzmitteln, was Bayer wehtun wird.
Wir streben eine Reduzierung an, unter anderem indem wir die flächendeckende Digitalisierung der Landwirtschaft vorantreiben. Zugleich wünschen wir uns aber auch, dass die Politik offen ist für die Zulassung der nächsten Generation von Pflanzenschutzmitteln, die in noch geringeren Mengen wirksam sind.

Da spricht der seit knapp einem Jahr amtierende neue Cheflobbyist von Bayer. Ihr Engagement als Grüner bei Bayer hat für Aufsehen gesorgt. Ist Ihnen viel Unverständnis von Parteifreunden entgegengeschlagen?
Es gibt einige, die es sich zur Lebensaufgabe gemacht haben, gegen die Agrarkonzerne zu kämpfen. Die verstehen meine Entscheidung sicher nicht. Es gibt aber eine Menge Leute, die an den Prinzipien der Aufklärung orientiert sind und verstehen, was ich hier mache. Bayer hat ein einzigartiges Potenzial, zur Erreichung der UN-Nachhaltigkeitsziele beizutragen. Dafür setze ich mich ein.

Viele sehen Bayer mit der Übernahme von Monsanto bereits auf dem falschen Weg. Erleben Sie einen stark verunsicherten Konzern?
Natürlich ist der Aktienkurs nicht dort, wo er sein soll, die große Zahl der Glyphosat-Klagen schafft Unsicherheit, und es gibt vor allem in Deutschland und Frankreich viel öffentliche Kritik. Das geht nicht spurlos an uns vorbei. Was mich aber beeindruckt hat: Für unsere laufende Öffentlichkeitskampagne, in der die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter selbst auftreten, haben sich sehr viele freiwillig gemeldet. Sie alle wollen zeigen, wofür Bayer wirklich steht.

Die aggressiven und intransparenten Lobbypraktiken von Monsanto bringen die Öffentlichkeit immer wieder in Wallung. Sie haben erklärt, dies ausmerzen zu wollen. Wie weit sind Sie dabei gekommen?
Aggressive Lobbyarbeit ist bei US-Firmen weitverbreitet. Bayer steht aber seit vielen Jahren für einen anderen Weg. Man kann jetzt krampfhaft an der Vergangenheit festhalten oder sich den großen Herausforderungen der Zukunft zuwenden. Wir halten Letzteres für deutlich wichtiger.

Firmenkulturen sind nur schwer zu verändern. Stoßen Bayer und Monsanto stark aufeinander?
Die Kulturen zugekaufter Firmen spürt man nach einer Integration in Teilen sicher noch lange. Ich halte das Problem aber für überschätzt. Man muss sich klare Ziele setzen und den Mitarbeitern deutlich machen, wohin die Reise geht. Am Ende kommt es darauf an, die Stärken verschiedener Kulturen zu mobilisieren.

Vita Matthias Berninger

Politiker

Eigentlich wollte er Lehrer werden, doch nach dem Studium der Chemie und Sozialkunde wurde Matthias Berninger 1994 für die Grünen in den Bundestag gewählt. In der rot-grünen Bundesregierung war er 2001 bis 2005 parlamentarischer Staatsekretär im Ministerium für Verbraucherschutz.

Manager

2008 wurde Berninger Lobbyist beim US-Süßwarenhersteller Mars. Im Januar 2019 machte Bayer den 48-jährigen, fünffachen Vater zum Chef der neuen Abteilung Public Affairs & Sustainability.

Welche Stärke hat Monsanto?
Der Konzern hat eine enorme Innovationskraft und auch immer den Mut bewiesen, diese Innovationen mit einer gewissen Entschlossenheit umzusetzen. Das ist etwas, was Bayer sehr guttut.

War die rücksichtslose Entschlossenheit nicht genau das Problem?
Entschlossenheit ist per se nichts Negatives, solange man zugleich die Interessen und Ansichten anderer aufrichtig hört und bereit ist, mit ihnen über den besten Weg offen und ehrlich zu diskutieren. Je weniger man dazu bereit ist, desto mehr Misstrauen erntet man natürlich.

Macht Lobbyarbeit von Konzernen nicht in jedem Fall misstrauisch?
Nein, warum? Jede gesellschaftliche Gruppe hat Interessen, und jede hat das Recht, sie zu vertreten. Wir sind für maximale Lobbytransparenz und setzen eigene Standards, wo es der Gesetzgeber nicht tut. Deutschland hängt da der Welt hinterher. Sowohl in den USA als auch in Brüssel gibt es ein Transparenzregister für die Lobbyarbeit von Organisationen. Das würde uns in Deutschland auch guttun. Wo Interessen geltend gemacht werden, muss klar sein, wer dahintersteht. Geheimniskrämerei darf es nicht geben.

Der gesellschaftliche Trend geht klar zu mehr Umweltschutz, zu ökologisch orientierter Lebensweise und Nahrungsherstellung. Das läuft doch konträr zu den Geschäftsinteressen von Bayer als Ausrüster der industriellen Landwirtschaft.
Unsere Botschaft ist klar: Bayer kann mit seinen Innovationen, etwa der flächendeckenden Digitalisierung der Landwirtschaft, einen wesentlichen Beitrag zum Erreichen von Nachhaltigkeitszielen leisten. Das ist ein Thema, mit dem man nicht als der böse Bube durch die Institutionen gehen muss. Was aber in der hiesigen Diskussion immer zu kurz kommt: Den meisten ist nicht klar, in welcher Zeit wir leben. Die Weltbevölkerung hat sich zu meinen Lebzeiten fast verdoppelt und wächst weiterhin rasant, die Menschen werden älter, die Armut nimmt ab, die Ansprüche an Ernährung steigen. In der Landwirtschaft führt das zu einem Paradox.

Das wie lautet?
Es muss auf immer weniger zur Verfügung stehender Agrarfläche immer mehr produziert werden. Wir geraten an die natürlichen Grenzen unseres Planeten. Darauf müssen sich Industrie und Politik vorbereiten und das Problem so lösen, dass sich die negativen Umweltauswirkungen massiv reduzieren.

Für viele liegt der richtige Weg in einer ökologischen Landwirtschaft.
Wir können auch von Biobauern viel lernen. Alleine sind diese Anbaumethoden aber keine Lösung für die Herausforderungen auf globaler Ebene. Wer eine stetig wachsende Weltbevölkerung biologisch ernähren will, müsste den weltweiten Fleischkonsum komplett einstellen oder die Anbaufläche zulasten der Biodiversität massiv ausweiten.
Beides ist fernab jeglicher Realität. Insbesondere die Forderung nach weltweitem Verzicht auf Fleisch ist mit Blick auf Länder wie China und die dort aufstrebende Mittelschicht vollkommen unrealistisch. Wenn ich diese rasant steigende Nachfrage zum Guten lenken will, brauchen wir neben besserem Saatgut und neuen Fruchtfolgen vor allem landwirtschaftliche Innovationen, die den Ertrag steigern und zugleich den Einsatz von Dünger und Pflanzenschutzmitteln reduzieren.

Zwischen Bayer und NGOs wie den Umweltschutz- und Verbraucherorganisationen sind tiefe Gräben entstanden. Wie wollen Sie die überwinden?
Beide Seiten können sich den alten Grabenkrieg nicht mehr leisten. Statt uns gegenseitig Vorwürfe zu machen, sollten wir voneinander lernen. Wir werden mit Kritik offener umgehen und Schwächen eingestehen. Im Gegenzug wünschen wir uns von den NGOs, dass sie die Komplexität der Herausforderungen anerkennen und nicht jede technologische Chance für die Landwirtschaft per se ablehnen.

Die Politik sieht mögliche Gefahren durch die Errungenschaften der Chemie und reagiert mit immer stärkerer Einschränkung, wie etwa im Fall Glyphosat. Was bedeutet diese zunehmende Skepsis für Bayer?
Diese Skepsis zeigt, dass wichtige Entscheidungen heute immer häufiger politisch und nicht mehr nach rein wissenschaftlichen Kriterien getroffen werden. Die Sicherheit chemischer Substanzen wird seit Jahrzehnten von unabhängigen Zulassungsbehörden auf der Grundlage der verfügbaren wissenschaftlichen Daten geprüft.
Diese Behörden stufen Glyphosat seit mehr als 40 Jahren rund um die Welt als sicher ein. Ich wünsche mir, dass wir alle, also sowohl die Politik und die Unternehmen als auch die breite Bevölkerung, diese Bewertungen auch dann akzeptieren, wenn sie vielleicht nicht ganz zum eigenen Weltbild passen.

Es wird bezweifelt, dass diese Risikobewertung wirklich unabhängig erfolgt. Für Verbraucher ist es nicht nachzuvollziehen, dass die Zulassung eines Produkts auch auf Grundlagen von Studien erfolgt, die dessen Hersteller in Auftrag gegeben hat und finanziert.
Der Zulassungsprozess für Pflanzenschutzmittel ist gesetzlich klar geregelt. Er sieht vor, dass die Hersteller die Sicherheit ihrer Produkte fundiert und nachvollziehbar belegen müssen. Zudem berücksichtigen die Behörden im Zulassungsprozess selbstverständlich auch unabhängige Studien.
Trotzdem halte ich es für einen Fehler, dass unsere Branche Studien für den Zulassungsprozess von Glyphosat jahrelang unter Verschluss gehalten hat. Genau deshalb haben wir die Bayer-eigenen Studien im Internet zugänglich gemacht. Auf der anderen Seite muss aber auch klar sein: Der Auftraggeber einer Studie allein sagt nichts über deren Glaubwürdigkeit aus.

Kann man eine bewusste Einflussnahme der Industrie auf die Zulassungsbehörden ausschließen?
Die Wissenschaftler in Zulassungsbehörden wie der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit oder des Bundesamts für Risikobewertung sind zu Recht empört, wenn man ihnen vorwirft, sie machten sich zum Büttel von irgendwem. Man sollte sie mit Respekt behandeln und nicht mit falschen Beschuldigungen angreifen.

Warum verfolgt Bayer überhaupt noch eine neue Zulassung von Glyphosat ab 2023? Das Aus in Europa ist doch politisch praktisch besiegelt.
Derzeit ist das, wie Sie zu Recht sagen, eine politische Entscheidung. Es sollte aber eigentlich primär eine wissenschaftliche sein. Weil wissenschaftlich nichts gegen eine Wiederzulassung von Glyphosat spricht, hat eine Reihe von Herstellern vor wenigen Tagen die Wiederzulassung ab 2023 beantragt. Deren Aufgabe ist es nun, ein einwandfreies, wissenschaftlich fundiertes und transparentes Dossier für die Risikobewertung abzuliefern. Das heißt nicht, dass man nicht parallel über sinnvolle Reduzierungsstrategien und Forschung nach Alternativen sprechen kann.

Bringt Glyphosat angesichts des Krebsverdachts und der Vorwürfe, wie sie bei den Prozessen in den USA deutlich werden, nicht viel zu viel negative Stimmung gegen Bayer?
Die Klägeranwälte wissen die Möglichkeiten des US-Klagerechts für sich zu nutzen. Wir haben die Einstufungen der Regulierungsbehörden auf unserer Seite und werden uns weiter verteidigen.

Bayer-Vorstandschef Werner Baumann hat stets gesagt, man könne keine Geschäfte auf Dauer gegen den Widerstand der Gesellschaft betreiben. Wäre es da nicht das richtige Signal, Glyphosat mittelfristig selbst vom Markt zu nehmen?
Glyphosat ist für die Landwirtschaft in vielen Regionen der Welt – allen voran Nord- und Südamerika – systemrelevant. Entsprechend ist die gesellschaftliche Diskussion dort auch eine völlig andere. Es wäre illusorisch zu glauben, die amerikanische oder brasilianische Landwirtschaft würde zum Pflügen zurückkehren. Die Vorteile von Glyphosat sind für die Farmer wie auch für die Umwelt viel zu groß.

Sie meinen etwa, Glyphosat sei gut fürs Klima?
Ja, die Daten belegen das. Die Produktion von Glyphosat ist zwar recht CO2-intensiv. Aber durch den Einsatz wird das Dreifache an CO2 wieder eingespart. Wer einen Traktor mit Pflug zur Bodenbearbeitung einsetzt, erzeugt auf zwei Arten Treibhausgasemissionen: durch den erheblich höheren Aufwand des Verbrennungsmotors und weil Pflügen CO2 aus dem Boden freisetzt.

Mehr: Gegen Timothy Litzenburg, Klägeranwalt im Glyphosat-Prozess, werden schwere Vorwürfe erhoben: Der US-Anwalt soll 200 Millionen Dollar als Schweigegeld von einem Pflanzenschutz-Zulieferer verlangt haben.

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