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Daimler
B-Klasse hat ein veritables Problem – und steht bei Mercedes vor dem Aus

Daimler-Chef Ola Källenius fokussiert das Portfolio der Premiummarke auf margenstarke SUVs und Limousinen. Die B-Klasse dürfte keinen Nachfolger erhalten.

08.07.2020 | von Franz Hubik

B-Klasse im Windkanal © Daimler AG

München Sie gilt als kompakter Alleskönner in Daimlers Pkw-Portfolio. Schließlich vereint die B-Klasse trotz ihrer Kürze von nicht einmal viereinhalb Metern dank des hohen Dachs viele Vorteile von Limousine, Kombi und SUV. Schon bei der Weltpremiere des ersten Modells 2005 schwärmten die Mercedes-Designer von einem „Raumfahrzeug“, in dem die Passagiere erhöht sitzen und viel Schulterfreiheit genießen.

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Wegen des vergleichsweise großen Ladevolumens preist Daimler seinen Kompaktklassiker bis heute als das „perfekte Fahrzeug für die Familie“ an. Das Problem ist nur: Das Marketing verfängt nicht wirklich. Zwar wurden mehr als 1,4 Millionen Einheiten der B-Klasse seit Bestehen abgesetzt; zu den Kunden zählen aber überwiegend Vertreter der Generation 55 plus.

Weil kaum junge Käufer nachkommen und viele Rentner mittlerweile lieber sportliche Geländewagen (SUV) als Minivans fahren, hat die B-Klasse ein veritables Problem. War die erste und zweite Generation des Modells noch recht erfolgreich, verkauft sich die seit Februar 2019 erhältliche dritte Auflage nur schleppend. Die Folge: Daimler erwägt das Fahrzeug langsam ausrollen zu lassen, heißt es in Konzernkreisen.

Zwar soll die aktuelle Version der B-Klasse noch bis zum Ende ihres Lebenszyklus bis Mitte der Dekade weiter produziert und verkauft werden, aber danach dürfte Schluss sein. Eine vierte Auflage der B-Klasse wird es aller Voraussicht nach nicht mehr geben, verlautet aus Konzernkreisen. Nach aktuellem Planungsstand sei kein Nachfolger für das Modell vorgesehen.

Ein Daimler-Sprecher dementiert hingegen, dass die B-Klasse zum Auslaufmodell wird: „Die Behauptung ist falsch. Es gibt keine finale Entscheidung.“ Tatsächlich hat der Aufsichtsrat das Thema noch nicht behandelt. „Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass wir wirklich eine ganze Baureihe streichen“, äußert ein Mitglied des Kontrollgremiums Bedenken. Und doch könnte es am Ende genau so kommen. Denn Daimler-Chef Ola Källenius vollzieht gerade einen grundsätzlichen Strategieschwenk bei der Ausrichtung des Pkw-Portfolios.

Marge vor Menge

Während sein Vorgänger Dieter Zetsche nach immer neuen Absatzrekorden strebte, gewichtet Källenius den Faktor Rendite höher. „Marge geht vor“, lautet sein Mantra. Daimler will zwar auch unter der Führung des Schweden wachsen – aber profitabel. „Fokus ist eine Stärke“, bläut Källenius seiner Truppe seit Monaten ein. Weil die Entwicklungszeit neuer Plattformen und Fahrzeuge in der Autoindustrie mehrere Jahre beträgt, müssen Hersteller wie Daimler schon jetzt ihr Angebot für die Zeit nach 2025 so exakt wie möglich definieren. Das passiert gerade. Nachdem die Mercedes-Strategen in den vergangenen Wochen unzählige Kaufkraftanalysen und Wachstumstrends studiert haben, stehen nun die groben Eckpfeiler der künftigen Modellpalette fest.

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Demnach schwört Källenius neben den neuen Elektroautos unter der Marke EQ bei den Bestandsmodellen langfristig vor allem auf SUVs und modernere Limousinen. Diese sollen sich weltweit gut verkaufen lassen, um Schwankungen in einzelnen Märkten besser ausgleichen zu können.

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Kaum rentable Pkws mit schlechter Absatzperspektive und einer zu starken Abhängigkeit von einzelnen Regionen werden aussortiert. So komprimiert Mercedes etwa sein Angebot bei sogenannten Dream Cars. Statt bisher drei Cabrio- und drei Coupé-Varianten soll es künftig nur noch ein Cabrio und ein Coupé geben, das je zwischen C- und E-Klasse positioniert wird. Bei den Kompaktwagen schrumpft die Vielfalt von acht Modellen auf fünf bis maximal sechs, heißt es in Konzernkreisen.

Modelle, die fest eingeplant sind auf der künftigen modularen Kompaktplattform MMA, sind demnach nur noch: A-Klasse, CLA-Coupé, GLA, GLB und die A-Klasse Limousine in ihrer Langversion für China. Die Zukunft der B-Klasse, des CLA Shooting Brake und der einfachen A-Klasse Limousine ist offen – wenngleich mit negativer Tendenz. Insbesondere um die B-Klasse wird intern gerungen. Das Modell hat eine loyale Kundschaft. Zugleich ist der Minivan innerhalb der Kompaktwagenfamilie von Mercedes das „schwächste Produkt“, so ein Daimler-Veteran: „Die Zahlen sind klar unter Plan und unter den Zahlen des Vorgängers zur selben Zeit im Lifecycle.“

Massiver Absatzschwund

Tatsächlich schwächelt die B-Klasse laut Daten des Kraftfahrt-Bundesamts. Wurden von der letzten Version des Modells in ihrem ersten vollen Verkaufsjahr 2012 im deutschen Kernmarkt noch gut 59.000 Einheiten verkauft, kam die neue Generation 2019 nurmehr auf rund 34.000 Stück. Das entspricht einem Absatzrückgang von 43 Prozent. In den ersten sechs Monaten 2020 haben sich die Verkäufe der B-Klasse hierzulande sogar halbiert. Zum Vergleich: Bei allen Modellen verzeichnete Mercedes bis Ende Juni nur einen Rückgang von 27 Prozent.

In Gesamteuropa wurden laut des Auto-Statistikportals Carsalesbase im vergangenen Jahr lediglich 74.000 Einheiten der B-Klasse abgesetzt. Im Vergleich zu den Verkaufszahlen der Vorgängervariante im Jahr 2012 entspricht das einem Minus von 38 Prozent. In den USA und in China, den beiden anderen großen Autoregionen, spielt die B-Klasse keine Rolle. Schlimmer noch: Die Wachstumsperspektive für Minivans insgesamt ist mau.

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Durch den Trend zu SUVs verlieren die kompakten Alleskönner seit Jahren an Bedeutung. Lag der Anteil von Minivans am Gesamtfahrzeugabsatz hierzulande vor acht Jahren noch bei 6,5 Prozent, sind es aktuell nur noch 1,1 Prozent. Weil viele Wettbewerber wie Opel keine Minivans mehr entwickeln und bauen, dominiert Mercedes zwar mittlerweile klar die Nische. Von so etwas wie Monopolrenditen können die Schwaben aber nur träumen. Eine Daimler-Führungskraft sagt: „Es bringt nichts, trotzig an einem sterbenden Segment festzuhalten.“

Endgültig besiegelt ist das Aus der B-Klasse zwar noch nicht, aber für das Modell sehe es „sehr schlecht aus“, sagt ein Manager mit Kenntnis der Vorgänge. Kommt es so, läge Daimler im Trend. Durch die Pandemie würden industrieweit verstärkt Fabrikate ohne Nachfolger in Rente geschickt, konstatiert Andreas Radics von der Unternehmensberatung Berylls Strategy Advisors: „Ertragsschwache Modelle fallen nun noch schneller durch das Raster. Der Aufwand für Modellpflegen und Nachfolgeentwicklungen ist nicht mehr zu rechtfertigen.“

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