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Einzelhandel
Kampf gegen das Ladensterben: „Viele kleine Händler haben eine erschreckende Digitalallergie“

Eine Studie zeigt: Vier von zehn Händlern haben sich noch nie mit digitalen Lösungen beschäftigt. Dabei bieten viele große Plattformen Einstiegshilfen.

14.07.2022 | von Florian Kolf

Patricia Bernhard mit Luca Beltrami © Faire

Düsseldorf Patricia Bernhard hat engen Kontakt zu ihren Kundinnen im Laden. Doch ohne digitale Hilfsmittel ist das Geschäft für die Inhaberin der Modeboutique „In Love with Loretto 23“ in Düsseldorf Unterbilk nicht mehr denkbar. Mit WhatsApp hält sie den Kontakt zu mehr als 250 Stammkundinnen. Über Facebook und Instagram präsentiert sie neue Kleidung im Sortiment.

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Das Wichtigste für sie ist jedoch der digitale Einkauf. Die Hälfte ihres Sortiments bestellt sie über die Großhandelsplattform Faire. „Da kann ich beispielsweise Kleider von kleinen, unbekannten Marken aus Los Angeles bestellen“, schwärmt sie. „Meine Kundinnen lieben das. Das sind Sachen, die sonst keiner hat.“

Gerrit Heinemann, Handelsexperte der Hochschule Niederrhein in Mönchengladbach, warnt: „Händler, die die Vorteile der Digitalisierung nicht nutzen, werden es schwer haben, den Strukturwandel zu überleben. Doch gerade viele kleinere Händler haben immer noch eine erschreckende Digitalallergie.“

Das bestätigt eine von der Plattform Faire in Auftrag gegebene Studie des Handelsforschungsinstituts IFH, die dem Handelsblatt exklusiv vorliegt. Demnach betreiben 57 Prozent der befragten Einzelhändler keinen Onlineshop. Vier von zehn Händlern haben sich noch nicht mit digitalen Lösungen beschäftigt.

Und die meisten sehen keinen Grund, daran etwas zu ändern. 60 Prozent der Befragten gaben an, dass sie keinen Digitalisierungsbedarf sehen. Selbst der Lockdown während der Pandemie hat daran nur bedingt etwas geändert. Nur 43 Prozent haben in der Coronazeit verstärkt auf digitale Kanäle gesetzt.

Faire: Digitaler Zugang zu 70.000 Marken

E-Commerce-Experte Heinemann erklärt: „Viele Händler übersehen, dass Digitalisierung viel mehr ist als nur ein Onlineshop.“ Dazu zähle etwa, Kundendaten zu pflegen. Wichtig sei auch, dass Mitarbeiter wissen, wie sie digitale Tools nutzen. Das größte Potenzial liege aber im Einkauf.

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„Viele Händler haben die alte Tugend vergessen: Das Herz des Handels liegt im Sortiment“, mahnt Heinemann. Die Kunden suchten einzigartige Produkte, die über digitale Plattformen auch für kleine Händler leicht zu beschaffen seien. Die Plattformen seien für Einzelhändler eine „Überlebenshilfe“.

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Die 2017 in den USA gegründete Plattform Faire beispielsweise bietet Händlern Zugang zu 70.000 Marken weltweit. Luca Beltrami ist bei Faire für die Anwendungen für Händler verantwortlich: „Kleine Händler haben große Nachteile gegenüber den Filialisten. Ihre größten Probleme sind die niedrige Marge, die knappe Zeit und das hohe Risiko beim Einkauf“, sagt er.

Faire bietet Händlern deshalb ein Zahlungsziel von 60 Tagen und niedrige Mindestbestellmengen an, um die finanzielle Belastung zu verringern. Außerdem können Händler, die zum ersten Mal eine Marke bestellen, die Ware kostenlos zurückschicken, wenn sie sich bei ihnen nicht verkauft.

Rund 500.000 Händler kaufen schon über Faire ein, mehr als eine Milliarde Euro Umsatz haben sie im vergangenen Jahr über die Plattform abgewickelt. Seit Anfang 2021 ist Faire auch in Europa aktiv. Der deutsche Markt ist der am schnellsten wachsende des Unternehmens.

Google und Amazon bieten Infos für Händler

Faire ist aber nicht die einzige Plattform, die den Einkauf im Einzelhandel digitaler gestaltet. Das französische Start-up Ankorstore beispielsweise hat 20.000 europäische Marken im Angebot. Auch hier gibt es ein Zahlungsziel von 60 Tagen und einen Mindestbestellwert von 100 Euro. So kann ein Händler die Ware schon weiterverkaufen, bevor er sie selbst bezahlt hat.

Ein ähnliches Konzept und vergleichbare Konditionen bietet die Plattform Orderchamp an, die allerdings nur 6000 verschiedene Marken im Angebot hat. Wie Faire und Ankorstore nutzt Orderchamp die Technologie, damit Händler sich schnell innerhalb des Angebots orientieren können.

Maximilian Gassner, Deutschlandchef von Orderchamp, sagt: „Entsprechend dem Profil des Ladens, das sich unter anderem aus den Registrierungsdaten und der Bestellhistorie ergibt und kontinuierlich verfeinert, können wir ganz gezielte Empfehlungen geben, um das Sortiment zu optimieren.“

Handelsexperte Heinemann mahnt: „Der stationäre Handel muss sich eins klarmachen: Der E-Commerce wird langfristig der Gewinner sein.“ Ein Drittel der Ladengeschäfte werde in den kommenden Jahren dichtmachen. Im Textilhandel würden bereits 53 Prozent des Umsatzes online gemacht, viele andere Warenkategorien bewegten sich dahin. Gerade deshalb sei es für stationäre Händler wichtig, alle digitalen Angebote zu nutzen.

Doch gerade viele kleinere Händler fühlen sich von den digitalen Möglichkeiten überfordert, wie die IFH-Studie zeigt. Als häufigste Gründe für die verweigerte Digitalisierung führen sie fehlende Zeit, fehlendes qualifiziertes Personal und zu großen Aufwand an. Vielen fehlt auch das technische Verständnis.

Dabei versuchen die großen Plattformen gezielt, ihnen den Einstieg in den E-Commerce so leicht wie möglich zu machen. Google hat zusammen mit dem Handelsverband Deutschland (HDE) einen digitalen Baukasten aus Instrumenten und Trainings entwickelt, der den Start im Onlinehandel vereinfachen soll. Mit Amazon hat der HDE die Plattform „Quickstart Online“ eingerichtet, ein kostenloses Wissensportal rund um den E-Commerce.

Ebay richtet lokale Marktplätze ein

Speziell für kleine Händler in den Innenstädten hat Ebay mit dem HDE vor einem Jahr die Aktion „Ebay Deine Stadt“ ins Leben gerufen. Die lokalen Einzelhändler stellen sich den Kunden online auf städtischen Ebay-Marktplätzen vor. „Entdecken Sie online, was Ihr lokaler Einzelhandel alles zu bieten hat“, schreibt Ebay auf der Webseite.

Besonders erfolgreich wurde das in Nürnberg umgesetzt. Dort verkaufen mittlerweile 1500 Händler über „Nürnberg bei Ebay“, rund 700 dieser Onlineshops wurden neu eingerichtet. Rund 800.000 Produkte finden Kunden auf dieser Plattform, alle 23 Sekunden wird ein Artikel verkauft.

Für viele Händler ist das eine Möglichkeit, mit zusätzlichen Onlineumsätzen ihre Existenz zu sichern. Elfi Vlassiadi, Porzellanhändlerin aus Nürnberg, betont, sie erreiche so Kunden, die nie den Weg in ihr Ladengeschäft gefunden hätten. Außerdem sei die Plattform besonders für Einsteiger geeignet, „da das Verkaufen dort wirklich sehr einfach ist und deshalb auch Spaß machen kann“.

Wer keinen Onlineshop aufsetzen will, kann zumindest soziale Netzwerke wie Instagram oder Facebook nutzen, um neue Kunden zu erreichen. Auf fast allen Netzwerken ist es mittlerweile möglich, direkt aus den Postings zu verkaufen.

Die Düsseldorfer Modehändlerin Patricia Bernhard sagt: „Natürlich ist das zeitaufwendig, immer etwas Neues in den Netzwerken zu posten, aber du musst das machen.“ Für sie sei das weniger ein Verkaufskanal als ein Marketinginstrument. „Das zieht mir die Kundinnen in den Laden und steigert dort meinen Umsatz.“

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