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Airline
Milliardenschwere Kapitalerhöhung startet – Lufthansa löst erste Fesseln

Gut ein Jahr nach der Rettung durch den deutschen Staat bittet der Konzern die Aktionäre um frisches Geld, um wieder unabhängig zu werden.

19.09.2021 | von Jens Koenen

Lufthansa-Flugzeuge in Frankfurt © Reuters

Frankfurt Lufthansa zieht seine angekündigte Kapitalerhöhung durch. Aktionäre sollen vom 22. September bis zum 5. Oktober die Möglichkeit erhalten, neue Aktien zu einem Preis von 3,58 Euro zu beziehen. Für eine alte Aktie soll es jeweils eine neue geben. Der Konzern hofft auf einen Bruttoemissionserlös von 2,1 Milliarden Euro. Das gab das Unternehmen am Sonntagabend nach einer Aufsichtsratssitzung bekannt.

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Lufthansa-Chef Carsten Spohr kommt damit seinem Ziel näher, die Staatshilfe schnell wieder abzulösen. Der Manager hatte im Sommer den ehrgeizigen Plan angekündigt, das möglichst noch vor der Bundestagswahl am 26. September umzusetzen. Spannend ist, wie viele Investoren bei der Kapitalmaßnahme mitmachen werden.

Kippen kann die Kapitalerhöhung aber nicht mehr. Ein Konsortium aus 14 Banken hat die Maßnahme laut Mitteilung vollständig garantiert. Zudem hätten mehrere vom US-Konzern Blackrock verwaltete Investmentfonds einen sogenannten Sub-Underwriting-Vertrag über ein Volumen von 300 Millionen Euro abgeschlossen und sich verpflichtet, ihre Bezugsrechte in vollem Umfang auszuüben. Auch die Vorstände werden ihr Bezugsrecht vollständig ausüben.

Ursprünglich wollte das Management bis zu drei Milliarden Euro einsammeln. Doch die Resonanz der Investoren war verhalten. Sie trauen der Erholung der Luftfahrt noch nicht so ganz. Premium-Airlines wie Lufthansa hängen stark vom Geschäftsreiseverkehr und Reisen nach Nordamerika ab. Hier sind die Grenzen für Europäer weiter dicht.

Deshalb schraubten Spohr und sein Team die Erwartungen herunter. Die Ablösung der Staatshilfe ist gleichwohl fest geplant. Lufthansa hat sich in den zurückliegenden Monaten über Anleihen und andere Maßnahmen einiges an Geld sichern können.

Lufthansa hat über Anleihen viel Geld aufgenommen

Lufthansa wurde wie die gesamte Luftfahrt sehr früh und sehr heftig von der Pandemie getroffen. Der deutsche Staat musste der „Hansa“ gemeinsam mit der Schweiz, Belgien und Österreich mit bis zu neun Milliarden Euro unter die Arme greifen. Davon hat die Airline-Gruppe vier Milliarden Euro gezogen, aber bereits eine Milliarde wieder an die staatliche KfW Bank zurückgezahlt.

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Die Kapitalerhöhung soll zusammen mit bereits begebenen Anleihen für den nötigen Spielraum sorgen, die Staatshilfen abzulösen und gleichzeitig das stark geschrumpfte Eigenkapital zu stärken. Sind die Hilfsgelder zurückgezahlt, lösen sich Fesseln im Konzern. Erst dann darf der Konzern zum Beispiel wieder größere Zukäufe tätigen. Auch sind Dividendenzahlungen an Joint-Venture-Partner möglich, die aktuell untersagt sind.

Lufthansa-CEO Carsten Spohr © imago images/Lackovic

Und es dürften wieder Boni an das Management und die Führungskräfte fließen. Viele Lufthanseaten haben ihre variable Vergütung für die Altersvorsorge verplant und sind frustriert, weil die Gelder fehlen. Das hat in einzelnen Abteilungen für einen heftigen Aderlass gesorgt.

Der Bund, der im Zuge der Rettung mit 20 Prozent bei Lufthansa eingestiegen war, wird dagegen noch etwas länger an Bord bleiben. Der Wirtschaftsstabilisierungsfonds (WSF) hat zwar vor einigen Wochen damit begonnen, Aktien aus seinem 20-prozentigen Lufthansa-Anteil zu verkaufen. Doch das damit erlöste Geld wird er wohl nutzen, um neue Aktien zu kaufen. So könnte der WSF, der aktuell 15,94 Prozent hält, vorerst eine Verwässerung seines Anteils verhindern.

Das etwas seltsam anmutende Vorgehen hat einen Grund: Die Wettbewerbshüter würden wohl nicht so einfach zuschauen, sollte die Politik zusätzliche Steuergelder nutzen, um weitere Lufthansa-Aktien zu kaufen. Den Erlös aus dem Verkauf einiger Aktien einzusetzen – eine sogenannte „Opération blanche“ – dürfte weniger Probleme in Brüssel bereiten.

Jet von der neuen Eurowings Discover © dpa

Der WSF habe sich verpflichtet, frühestens sechs Monate nach Abschluss der Kapitalerhöhung damit zu beginnen, seine Anteile zu verkaufen, falls er an der Kapitalerhöhung teilnehme, erklärte Lufthansa. Der komplette Verkauf müsse spätestens 24 Monate nach Abschluss der Kapitalerhöhung abgeschlossen sein.

Das Vorgehen ist im WSF-Rahmenvertrag zur Lufthansa-Rettung festgeschrieben worden. Es gibt eine grundsätzliche Verpflichtung des WSF, seine kompletten Aktien bis Ende 2023 zu verkaufen, wenn Lufthansa dazu auffordert und die Staatshilfen getilgt sind. Der Verkauf ist in mehreren Schritten möglich, etwa durch eine Abgabe der Aktien an die Altaktionäre über Bezugsangebote oder auch eine Privatplatzierung an „qualifizierte Investoren“.

Bedingung ist allerdings, dass mit den Aktien ein Mindestpreis erzielt werden kann. Der liegt bei 2,56 Euro – das ist der Preis, zu dem der WSF 2020 eingestiegen ist – plus einer Kurssteigerung von zwölf Prozent pro Jahr. Stand heute wäre diese Hürde ohne Probleme zu nehmen. Nach einem Jahr müssten die WSF-Aktien 2,8672 Euro einbringen, nach zwei Jahren 3,21 Euro. Am Freitag kosteten die Papiere rund 8,34 Euro.

Gelingt der Ausstieg des WSF wider Erwarten bis Ende 2023 nicht, hat Lufthansa einen sogenannten Exit-Anspruch. Der Konzern kann dann dem WSF kaufwillige Investoren nennen und verlangen, dass diese die Aktien zum Mindestpreis übernehmen.

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