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Mobilität
Die große Zeit der E-Bikes kommt erst noch

Bosch und der Radhersteller Trek rechnen mit einem anhaltenden Boom. Kunden müssen sich auf lange Lieferzeiten und höhere Preise einstellen.

03.01.2021 | von Martin-W. Buchenau und Joachim Hofer

Radfahren © dpa

München, Stuttgart Harald Schmiedel werden die Fahrräder derzeit geradezu aus den Händen gerissen. „Seit Mitte Mai herrscht ein globaler Fahrradboom“, sagt der Europachef des Radherstellers Trek. Das amerikanische Familienunternehmen kann längst nicht so viel liefern, wie Bestellungen der Händler eingehen.

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Die Kunden stehen vor allem für E-Bikes Schlange. „Sie sind für viele Menschen zur Alternative zu Auto und öffentlichem Nahverkehr geworden“, sagt Claus Fleischer, Chef der E-Bike-Division von Bosch. Corona-Lockdown, abgesagte Urlaube und dadurch mehr Geld für alternative Anschaffungen bei den Kunden haben die Nachfrage zusätzlich angefacht.

Dem Branchenverband Cycling Industries Europe zufolge ist der Absatz der Elektroräder in Europa im Jahr 2020 um knapp ein Viertel nach oben geschnellt, auf rund 4,5 Millionen Stück. Die Verkäufe an konventionellen Rädern seien stabil geblieben. Damit hatte zu Jahresbeginn niemand gerechnet, denn die Verkaufszahlen waren zuvor lange gesunken.

Es ist ein Boom, der die Branche an ihre Grenzen bringt. Als Motoren- und Batterielieferant sei Bosch zwar immer lieferfähig gewesen, beteuert Fleischer. Die Radsparte des weltgrößten Autozulieferers habe schon in den vergangenen Jahren kräftig investiert. „Die Markttrends waren eindeutig“, erläutert der Manager.

Andere waren nicht so weitsichtig. Denn es fehlt seit Monaten an mechanischen Komponenten, die vielfach aus Asien kommen. Die Rahmen beziehen Firmen wie Trek meist aus Fernost, viele andere Teile auch, zum Beispiel die Schaltungen von Shimano.

Lange Lieferzeiten für Komponenten

Für Bosch hat sich die Entscheidung ausgezahlt, massiv auf E-Bikes zu setzen. Ein Vorhaben, das von Anfang an von Bosch-Chef Volkmar Denner unterstützt wurde, einem passionierten Zweiradfahrer. Bosch gilt als Weltmarktführer bei den Antrieben und nutzt das Konzern-Know-how für die Vernetzung der E-Bikes und ihrer Bordsysteme. Bosch nennt keine Zahlen zu dem Bereich. Branchenkreise schätzen den Umsatz auf eine Milliarde Euro.

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Bei den Schwaben, die auf industrielle Massenfertigung spezialisiert sind, stimmt die Lieferkette: Der extrem leichte Magnesium-Druckguss für die Motorengehäuse des E-Bike-Antriebs kommt von Stihl. Der Kettensägen-Spezialist, bei dessen handgehaltenen Maschinen es seit jeher aufs Gewicht ankommt, hat die Fertigung der Zulieferteile für Bosch in Waiblingen gerade extra ausbaut.

Bei anderen Komponenten aber stockt der Nachschub. Bis zum Frühjahr habe Trek die einzelnen Bauteile bei den Lieferanten fünf Monate im Voraus geordert, erklärt Europachef Schmiedel. Inzwischen kalkuliere er mit einer Vorlaufzeit von zwölf bis 15 Monaten.

Das heißt: Was Schmiedel heute bestellt, kommt frühestens Ende 2021 in den Fabriken von Trek an. 80 Prozent seiner in Europa verkauften Räder schraubt Trek in Hartmannsdorf bei Chemnitz zusammen. Anfang des Jahrtausends hat Trek die ostdeutsche Fahrradschmiede Diamant übernommen – und damit auch ein Werk mit inzwischen 500 Mitarbeitern. Die Fabrik nahe an den Kunden hilft allerdings wenig, wenn die Teile aus der Ferne nicht verfügbar sind.

Die Lager sind leer

Seit Monaten sind die Lager der Radhändler weitgehend leer geräumt. So gut wie 2020 lief das Geschäft selten. In der Vergangenheit habe immer nur eine Radkategorie geboomt, so Schmiedel. Mal die Rennräder, dann die Mountain-Bikes. Dieses Jahr sei anders: „Es geht alles“, sagt Schmiedel. War der November früher ruhig in den Radgeschäften, so verzeichnete Trek zuletzt wöchentliche Verkäufe wie sonst im August. „Das Rad wird immer mehr zum Verkehrsmittel fürs ganze Jahr“, freut sich der Manager.

Räder für jedes Terrain © dpa

Der Branchenverband CIE geht davon aus, dass der Boom über Jahre anhält. Wenn die Prognosen eintreffen, werden die Europäer 2030 knapp 50 Prozent mehr Räder kaufen als noch 2019.

Am gefragtesten dürften E-Bikes sein: Deren Verkäufe werden der CIE zufolge von 3,7 Millionen Stück 2019 auf 17 Millionen im Jahr 2030 klettern. Damit dürften sie mehr als die Hälfte vom Markt ausmachen. Heute stehen die E-Bikes, gemessen an den Stückzahlen, für rund ein Viertel. Weil sie teurer sind als herkömmliche Fahrräder, ist der Anteil am Umsatz jedoch höher. Motorproduzent Bosch geht davon aus, dass der Markt erst bei einem Anteil von 60 Prozent gesättigt ist.

„Wir bereiten uns auf weiteres Wachstum vor“, sagt Bosch-Manager Fleischer. Für 2021 erwartet er „im schlimmsten Fall“ stagnierende Absatzzahlen. Das aber auch nur, wenn die Wirtschaft noch viel stärker einbricht und den Konsumenten das Geld ausgeht.

Bosch will sich künftig vor allem darum kümmern, dass die E-Bike-Fans sicher unterwegs sind. Denn 2020 sind zwar deutlich weniger Pkw-Insassen bei Unfällen ums Leben kommen. Da die Leute öfter zum Velo griffen, starben dem ADAC zufolge aber vier Prozent mehr Radfahrer als im Vorjahr.

„Es muss mehr für die Sicherheit der Radfahrer getan werden“, fordert Manager Fleischer. Dazu gehöre zuvorderst, ihnen mehr Raum zu überlassen. Bosch versucht darüber hinaus, sein Anti-Blockier-System (ABS) für Räder in den Markt zu drücken. Damit lässt sich ein Überschlag beim Bremsen vermeiden und auch ein Wegrutschen des Vorderrads. Obgleich die Schwaben das Rad-ABS schon einige Jahre vermarkten, steht das Geschäft nach eigener Einschätzung noch ganz am Anfang. Ein Viertel der Unfälle ließe sich mit dem Rad ABS vermeiden, schätzt Fleischer.

Schlechte Zeiten für Schnäppchenjäger

Wer sich für ein Rad interessiert, und noch dazu ein E-Bike, der sollte sich bald umschauen. „2021 wird ein starkes Jahr“, ist Trek-Manager Schmiedel überzeugt „Die Kunden müssen etwas Geduld aufbringen.“ Nicht jedes Wunschmodell werde immer verfügbar sein. „Reservieren Sie jetzt“, rät auch Bosch-Mann Fleischer. Der Rat klingt werblich, ist aber gut gemeint. Für Schnäppchenjäger sind die Zeiten schlecht. Bei großen Händlern wie Fahrrad Walcher XXL bei Stuttgart übersteigen die Rabatte kaum drei Prozent und kommen über eine kosmetische Wirkung nicht hinaus.

Im Gegenteil: Die Kunden müssen bald vermutlich tiefer in die Tasche greifen. Die Frachtkosten steigen, und die Zulieferer nutzen den Auftragsboom, um die Preise zu erhöhen. Ein Plus von fünf Prozent sei im neuen Jahr nicht unwahrscheinlich, sagt Schmiedel.

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