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Luftfahrt
Personal-Chaos: Auch Easyjet streicht etwa 1000 Flüge

Seit Wochen führen Personalengpässe zu chaotischen Szenen auf Europas Flughäfen. Nun kommen auch noch Streiks hinzu, weil Gewerkschaften mehr Geld fordern.

10.06.2022| Update: 10.06.2022 - 14:10 Uhr | von Christoph Schlautmann

Easyjet © dpa

Düsseldorf Die ohnehin angespannte Lage auf Deutschlands Flughäfen verschärft jetzt auch noch ein Warnstreik der britischen Billigfluglinie Easyjet. Am Freitag rief die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi 450 Kabinenbeschäftigte von Easyjet Deutschland auf, den Betrieb am Hauptstadtflughafen BER zwischen fünf und zehn Uhr mit einem Warnstreik zu unterbrechen. In der Folge fielen Flüge nach Nizza, Mallorca, Amsterdam, Malaga, Kopenhagen und London aus. Nach Angaben von Easyjet strich die Airline rund 20 von 130 Flügen an dem Tag. Betroffen waren rund 3000 Passagiere.

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Die Arbeitsniederlegungen verschärfen das Reisechaos auf deutschen und europäischen Flughäfen. Schon über Pfingsten war es auf vielen Airports zu erheblichen Abfertigungsproblemen und Flugausfällen gekommen, weil das nötige Personal fehlte. Während der Pandemie war es in der Flugbranche zu Entlassungen und Kündigungen gekommen, die bis heute nicht ausgeglichen wurden.

Beim Bodenpersonal klaffe eine Lücke von 20 Prozent in der Belegschaft, erklärte neulich Ralph Beisel, Hauptgeschäftsführer des Flughafenverbands ADV. Deutschlands Flughäfen-Betriebsräte gehen davon aus, dass insgesamt 5500 Kontrolleure, Flugbegleiter und Mitarbeiter in der Flugabfertigung fehlen.

Die Auswirkungen werden insbesondere während der Sommerferien spürbar sein. Schon am Mittwoch hatten Lufthansa und die Tochter Eurowings bekannt gegeben, dass die deutschen Airlines aufgrund von Personalmangel im eigenen Haus sowie beim Bodenpersonal ihren Flugplan im Ferienmonat Juli erheblich ausdünnen. Auch bei den Flughafendienstleistern gebe es Engpässe unter den Mitarbeitern, hieß es zur Begründung.

Die Netzwerk-Airline Lufthansa hat nach eigenen Angaben allein für Juli 900 Flüge in Deutschland und Europa aus dem Angebot gestrichen. Betroffen sind insbesondere die Drehkreuze Frankfurt und München, die nun an den Freitagen, Samstagen und Sonntagen weniger Starts und Landungen der Kranich-Airline verzeichnen werden. Die Reduzierung entspreche fünf Prozent des Angebots, teilte der Konzern mit.

Eurowings stricht mehrere Hundert Flüge

Die Konzerntochter Eurowings, die europaweit im Punkt-zu-Punkt-Verkehr unterwegs ist, will ebenfalls mehrere Hundert Flüge während des kommenden Monats aus dem Programm nehmen. Fluggäste würden bei Streichungen umgehend informiert und möglichst auf andere Flüge von Lufthansa oder Eurowings umgebucht, vertröstete der Konzern seine Kunden. Andernfalls könnten Passagiere in Deutschland auch mit der Deutschen Bahn zu anderen Airports anreisen.

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Auch bei Easyjet ist es nicht allein der Tarifkonflikt, der für Flugausfälle sorgt. Wegen Personalmangels hat die Airline bereits einen Teil des Flugprogramms gecancelt. Betroffen sind bis Ende August täglich zwölf Flüge von und zum Berliner Flughafen BER, was über den Sommer etwa 1000 Verbindungen ausmacht. Es bleiben dann noch etwa 100 Flüge am Tag.

Der Streik vom Freitag könnte keineswegs der letzte gewesen sein. „Wenn wir kein vernünftiges Angebot bekommen, müssen wir noch mal einen Warnstreik machen“, sagt Verdi-Verhandlungsführer Holger Rößler gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters.

Die Gewerkschaft fordert eine um mindestens fünf Prozent höhere Bezahlung sowie eine Einmalzahlung bei einer Laufzeit bis Ende dieses Jahres. „Wir erwarten von dem Unternehmen ein verhandlungsfähiges Angebot“, sagte Rößler. Seit der letzten Verhandlungsrunde Mitte Mai habe sich nichts getan.

Easyjet hatte Kunden geraten, sich über den Status ihrer Flüge online zu informieren, bevor sie sich auf den Weg zum Flughafen machen. Die meisten reisten gar nicht erst an. Vereinzelte Easyjet-Flüge konnten morgens starten, da Ersatzpersonal eingesetzt wurde.

„Äußerst enttäuscht“

Easyjet kritisierte die Warnstreiks. „Wir sind äußerst enttäuscht über diese Aktion in dieser für die Branche kritischen Zeit“, erklärte eine Firmensprecherin. „Wir haben bis zuletzt gehofft, dass die Gewerkschaft die Aktion nicht durchführt und stattdessen mit Easyjet das Gespräch sucht.“

Easyjet nannte am Freitag ein schwieriges operatives Umfeld und einen überdurchschnittlich hohen Krankenstand der Besatzung als Grund für die Streichungen. Die Betroffenen könnten umbuchen oder eine Rückerstattung erhalten.

Nicht allein Deutschland leidet unter den Personalengpässen in der Luftfahrt. Schon Ende Mai reduzierte die niederländische KLM ihren Ticketverkauf drastisch, weil das Drehkreuz Amsterdam-Schiphol seit Wochen unter erheblichen Abfertigungsproblemen leidet.

Auch in Großbritannien kam es über Pfingsten zu teilweise chaotischen Zuständen, viele Einwohner des Landes strandeten im Ausland. Die Reise-Beratungsagentur PC Agency schätzt, dass mindestens 15.000 Passagiere von kurzfristigen Änderungen betroffen waren. Sowohl Easyjet wie auch British Airways und Tui hatten zuvor etliche Flüge gestrichen.

Mit Agenturmaterial

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