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Energiewende
Stromkonzerne wittern das große Geschäft mit Wasserstoff

Die deutsche Industrie braucht dringend Wasserstoff, um die Klimaziele erreichen können – RWE und Uniper wollen ihn produzieren und liefern.

05.07.2020 | von Jürgen Flauger

Wasserstoffauto © dpa

Düsseldorf Für Klimaschützer gehören RWE und Thyssen-Krupp ohne Zweifel zu den schlimmsten Feindbildern. Der größte Kohlekonzern Deutschlands und der Stahlproduzent stießen im vergangenen Jahr zusammengerechnet gut 110 Millionen Tonnen des klimaschädlichen CO2 aus.

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Mitte Juni verkündeten die beiden Ruhrkonzerne aber eine symbolträchtige Partnerschaft in Sachen Klimaschutz. Thyssen-Krupp will mit mithilfe von Wasserstoff die gewaltigen CO2-Emissionen bei der Stahlproduktion in seinem Werk in Duisburg senken – und RWE will ihn aus einem Elektrolyseur im niedersächsischen Lingen liefern. Gemeinsam wolle man auf eine „längerfristige Wasserstoffpartnerschaft“ hinarbeiten, erklärten die Unternehmen.

Wasserstoff ist derzeit der große Hoffnungsträger beim Thema Klimaschutz. Ein großflächiger Einsatz statt fossiler Brennstoffe könnte es auch der Industrie ermöglichen, ihren gigantischen CO2-Ausstoß zu senken. Und Stromkonzerne wollen den Wasserstoff liefern: Sie wittern ein lukratives Geschäft.

„Das Potenzial für Wasserstoff ist riesig – und RWE rechnet sich in dem Geschäft große Chancen aus“, sagt RWE-Chef Rolf Martin Schmitz im Gespräch mit dem Handelsblatt. „Für uns ist Wasserstoff ein großes Thema.“

Aber auch andere Stromproduzenten engagieren sich im Zukunftsfeld Wasserstoff: „Uniper sieht für sich selbst ein enormes Potenzial“, sagt Axel Wietfeld, der die neue Wasserstoffeinheit im Unternehmen leitet: „Wir setzen große Hoffnungen in das Geschäft mit Wasserstoff.“

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Uniper nimmt für sich sogar eine Vorreiterrolle in Anspruch. Das Unternehmen hatte schon 2013, damals noch unter dem Dach des Eon-Konzerns, eine erste Power-to-Gas-Anlage in Falkenhagen in Brandenburg errichtet, bei der aus Strom durch Elektrolyse Wasserstoff hergestellt wird. 2015 folgte eine zweite in Hamburg. Noch ist es in Deutschland bei Pilotanlagen geblieben, und noch steht die Wasserstoffwirtschaft am Anfang. Sowohl Uniper als auch RWE planen aber schon die ersten großen Elektrolyseure mit Kapazitäten von bis zu 100 Megawatt. Diese könnten pro Stunde 1,7 Tonnen gasförmigen Wasserstoff erzeugen. In einem Stahlwerk ließen sich damit rechnerisch 50.000 Tonnen klimaneutraler Stahl erzeugen.

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Nationale Wasserstoffstrategie ist verabschiedet

Vor allem aber gibt die Politik dem Thema Priorität. Vor Kurzem hat die Bundesregierung die lange erwartete Nationale Wasserstoffstrategie verabschiedet. Der Bund will zusätzlich sieben Milliarden Euro für den Markthochlauf von Wasserstofftechnologien in Deutschland bereitstellen. Bis 2030 sollen Elektrolyse-Kapazitäten von 5000 Megawatt aufgebaut werden, bis 2040 sollen es 10.000 Megawatt sein.

„Die Energiewende wird ohne Wasserstoff nicht gelingen“, ist RWE-Chef Schmitz überzeugt: „Nur mit Wasserstoff können wir auch die Industrie dekarbonisieren.“ Energieintensive Unternehmen etwa aus der Stahl- oder Chemieindustrie sind derzeit auf enorme Mengen fossiler Brennstoffe angewiesen. Nur wenn sie diese zu einem großen Teil ersetzen können, werden sie ihren Beitrag zum Klimaschutz leisten können. Umweltfreundlich hergestellter Wasserstoff gilt derzeit als einzige Möglichkeit, um das Ziel zu erreichen. Und wie Thyssen-Krupp melden viele Industrieunternehmen bereits einen enormen Bedarf an Wasserstoff an.

„Aber auch Teile der Mobilität werden Wasserstoff nachfragen“, ist Schmitz überzeugt. Flugzeuge, Lkws oder Schiffe könnten die CO2-Reduktion nur mit synthetischen Brennstoffen erreichen – und diese müssten auf Basis von Wasserstoff hergestellt werden.

„Wasserstoff wird eine wichtige Rolle bei der Dekarbonisierung spielen“, ist auch Uniper-Manager Wietfeld überzeugt. Selbst in der Stromproduktion könnte Wasserstoff als Brennstoff eingesetzt werden und „Gas teilweise oder perspektivisch ganz ersetzen“.

Rolf Martin Schmitz © Reuters

Uniper steckt selbst wie RWE in der Transformation. Beide Konzerne haben in der Vergangenheit ihr Geld mit fossilen Kraftwerken verdient. Der Klimaschutz zwingt sie zum Umsteuern. Der Kohleausstieg ist beschlossen, und auch die Gaskraftwerke müssen sauberer werden. RWE vollzieht dabei eine besonders radikale Wende. Der Konzern ist nach dem Deal mit Eon wieder in das Geschäft mit erneuerbaren Energien eingestiegen und will bis 2040 klimaneutral werden. Dann wird RWE nur noch mit erneuerbaren Energien Strom erzeugen. Gaskraftwerke werden dann zwar noch zu einem geringen Maße am Netz sein. Aber auch diese sollen klimaneutral betrieben werden – beispielsweise mit Wasserstoff. Technisch ist das möglich.

Vor allem aber suchen die Stromproduzenten nach neuen Geschäftsmöglichkeiten. Wasserstoff bietet ihnen gute Perspektiven – und die Unternehmen sehen sich auch im Vorteil gegenüber anderen Branchen.

Stromkonzerne setzen auf ihr Know-how

„RWE ist für das Geschäft sehr gut positioniert“, sagt Schmitz: „Wir haben viel Know-how im Konzern, das uns einen Vorteil beim Geschäft mit Wasserstoff verschafft.“ RWE habe erneuerbare Energien, um Wasserstoff zu produzieren und auch das technische Know-how dafür. Die Tradingabteilung des Konzerns könne zudem „weltweit Wasserstoff einkaufen und damit handeln“ – und die Gasspeicher seien in der Lage, Wasserstoff zu speichern.

Ähnlich sieht es auch Uniper. „Wir haben eine gute Ausgangslage – sowohl was unsere Expertise und unsere Anlagen angeht als auch mit unseren Kontakten im internationalen Handel“, sagt Wietfeld. Die Uniper-Mitarbeiter könnten zudem „sektorübergreifend denken“. Das Unternehmen sei sowohl bei Strom und als auch bei Gas engagiert. „Das ist auch bei Wasserstoff sinnvoll, um Optimierungspotenziale zu heben.“

Das Unternehmen habe mit seinen Pilotanlagen schon bewiesen, dass es Anlagen zur Produktion bauen und betreiben kann, betont der Uniper Manager. „Jetzt wollen wir die Produktion von Wasserstoff zum Geschäft machen und skalieren“, sagt Wietfeld: „Wir sind schon mit vielen potenziellen Kunden im Gespräch, und das Interesse ist groß.“ Uniper spüre eine enorme Nachfrage aus den verschiedensten Bereichen. Das reiche von Raffinerien bis zu Kommunen, die Wasserstoff für ihre Busse nutzen möchten. „Wir sind überzeugt, dass Wasserstoff langfristig ein ertragreiches und wichtiges Geschäftsfeld für Uniper sein wird.“

Im vergangenen Jahr hat Uniper beispielsweise mit dem Ölkonzern BP eine Partnerschaft geschlossen. Um die technische und wirtschaftliche Machbarkeit einer Power-to-Gas-Anlage in BPs Raffinerie in Lingen zu demonstrieren, planen die beiden Partner den Bau und den Betrieb einer Elektrolyse mit 15 Megawatt Leistung, die aus erneuerbarem Strom Wasserstoff herstellt. BP will den Wasserstoff dann zunächst in die bestehenden Raffinerieprozesse einbinden. In einem zweiten Schritt wollen die Partner aber auch eine Anlage testen, bei der mit Wasserstoff synthetische Kraftstoffe und chemische Zwischenprodukte produziert werden können. Die einzelnen Elemente des Projekts sind schon erprobt, die Partner wollen aber beweisen, dass sich die Technologien auch im großen Maßstab einsetzen lassen.

Noch ist grüner Wasserstoff nicht rentabel

Uniper will rasch aus dem Projektstatus heraus. Dafür wurde jetzt die neue Einheit gegründet, die Wietfeld leitet. Sie konzentriert sich ausschließlich auf die Entwicklung von Unipers Wasserstoffstrategie und steuert alle wasserstoffbezogenen Aktivitäten des Unternehmens. Auch RWE will eine kleine Einheit aufbauen, die die Fäden beim Thema Wasserstoff in der Hand hat. Prinzipiell soll das Thema aber marktnah in den Bereichen erneuerbare Energien, Handel und Erzeugung behandelt werden.

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„Noch ist die Wirtschaftlichkeit eine große Hürde“, räumt Wietfeld ein. Das gilt zum einen für die Produzenten von Wasserstoff. Ein Elektrolyseur mit 100 Megawatt Leistung wird aktuell mit rund 100 Millionen Euro Investitionen angesetzt. Vor allem aber gilt das für die Kunden. Um ihren CO2-Ausstoß zu senken, brauchen sie „grünen“ Wasserstoff, der aus erneuerbaren Energien gewonnen wird und damit CO2-frei ist. Der ist aber aktuell noch doppelt so teuer wie grauer Wasserstoff, der aus Erdgas gewonnen wird. Bei der Erhitzung des Erdgases fällt neben Wasserstoff CO2 an, das in die Atmosphäre entweicht.

„Noch ist vor allem grüner Wasserstoff zu teuer“, sagt RWE-Chef Schmitz: „Wir brauchen dringend bessere Rahmenbedingungen, damit er wirtschaftlich wird.“ Die Nationale Wasserstoffstrategie gehe zwar in die richtige Richtung. Die Pläne müssten jetzt aber konkretisiert werden.

RWE-Chef fordert Offenheit für blauen und türkisen Wasserstoff

Dabei sieht der RWE-Chef den deutschen Ansatz kritisch, sich rein auf grünen Wasserstoff zu konzentrieren. Das hält er für falsch, sagt Schmitz: „Wasserstoff hat viele Farben, und wir sollten alle nutzen.“

Neben grünem Wasserstoff auf der einen und grauem Wasserstoff auf der anderen gibt es noch blauen und türkisen Wasserstoff. Blauer Wasserstoff wird zwar auch aus Erdgas gewonnen, dabei wird aber das CO2 aufgefangen und unterirdisch gespeichert. Bei türkisem Wasserstoff wird das CO2 sogar in fester Form abgeschieden, was die Lagerung und Weiterverarbeitung erleichtert.

Nach Schmitz’ Worten gibt es hierzulande nicht genügend Potenzial, um ausreichend erneuerbare Energien zu installieren. „Wir haben in Deutschland nicht genügend Flächen, um den gesamten Wasserstoff zu produzieren, den die Industrie braucht“, hält der RWE-Chef fest: „Wir sollten für eine Übergangszeit auch blauen oder türkisen Wasserstoff verwenden.“ Nur so könne zügig die nötige Infrastruktur für die Wasserstoffwirtschaft aufgebaut werden.

Schmitz setzt aber auch auf den internationalen Handel: „Es macht Sinn, grünen Wasserstoff in sonnenreichen Regionen zu produzieren, wie zum Beispiel Nordafrika, und ihn nach Europa zu importieren.“

Uniper-Manager Wietfeld sieht das genauso: „Wir müssen entweder grünen Wasserstoff importieren oder auch blauen und türkisen Wasserstoff einsetzen“, sagt er: „Wir sind überzeugt, dass sich schon bald ein weltweiter Markt für Wasserstoff entwickeln wird.“

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