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Energie
Steigende LNG-Preise: Hohe Nachfrage aus Asien gefährdet Europas Gas-Pläne

Die Preise für Flüssigerdgas steigen immer weiter – die Nachfrage ist hoch, das Angebot knapp. Der notwendige Ersatz für Gas aus Russland wird teuer für Europa.

01.07.2022 | von Kathrin Witsch und Katharina Kort

Transport von flüssigem Erdgas © AP

Düsseldorf, New York City Um sich von der russischen Gasabhängigkeit zu lösen, setzt Europa aktuell vor allem auf verflüssigtes Erdgas aus den USA. Eine steigende Nachfrage in Asien, hohe Preise und ein Produktionsausfall in Texas bringen die Pläne jetzt allerdings ins Wanken. 

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Ruth Liao vom Marktforschungsunternehmen ICIS ist Expertin für Liquefied Natural Gas, kurz LNG. Sie sagte dem Handelsblatt: „Eine hohe Nachfrage trifft gerade auf ein knappes globales Angebot und Unsicherheiten über die Versorgung mit russischem Erdgas. Das treibt die Preise nach oben.“

Am vergangenen Montag kostete eine Megawattstunde (MWh) LNG für den Monat August laut der niederländischen DES-Börse knapp 121 Euro. Innerhalb von nur einer Woche sind die Preise damit um fast 60 Prozent gestiegen. Hinzu kommen noch Kosten, um das verflüssigte Erdgas wieder in seine Ursprungsform zu bringen und zu verteilen.

Der globale Markt für LNG ist aufgrund fehlender Investitionen in den vergangenen Jahren und der aktuell hohen Nachfrage extrem angespannt. Weil das Erdgas erst verflüssigt und dann via Schiff transportiert werden muss, ist es in der Regel teurer als Erdgas, das über Pipelines importiert wird.

Auch deswegen hatte vor allem die Europäische Union (EU) in der Vergangenheit günstiges Gas aus Russland stets vorgezogen. 40 Prozent aller EU-Importe kamen 2021 von dort. In Deutschland waren es sogar 55 Prozent. 

Flüssiges Erdgas: Es fehlen vier Millionen Tonnen LNG

Seit Ausbruch des Angriffskriegs auf die Ukraine suchen die Mitgliedstaaten händeringend nach Alternativen – und setzen dabei vor allem auf Flüssigerdgas aus den USA. „Die LNG-Häfen im Nordwesten Europas importieren dieses Jahr schätzungsweise 45 Millionen Tonnen LNG, fast 92 Prozent mehr als letztes Jahr“, rechnet Liao vor. Angesichts der massiv steigenden globalen Nachfrage rechnen die ICIS-Experten allerdings damit, dass dieses Jahr über vier Millionen Tonnen LNG fehlen, um den weltweiten Bedarf zu decken. 

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Ein Produktionsausfall in den USA dürfte die Situation nun noch weiter verschärfen. Anfang Juni hatte eine Explosion in der Anlage von Freeport LNG in Texas einen der wichtigsten Export-Terminals für die EU lahmgelegt. Rund 15 Prozent aller Exporte laufen über die Anlage im Südwesten des Landes. 

Mittlerweile hat das Unternehmen bekannt gegeben, dass es voraussichtlich bis Ende des Jahres dauern wird, bis die Anlage wieder komplett in Betrieb genommen werden kann. Nach dem Grund für die Explosion wird weiterhin gesucht. „Die USA sind aktuell der größte LNG-Lieferant für die EU“, sagt Liao. Die Liefereinschränkungen verknappen das weltweit ohnehin schon geringe Angebot noch mehr. 

Wenn sich die Situation weiter verschärft, könnte der LNG-Preis in Reichweite der Rekordwerte vom Jahresbeginn kommen. Damals kostete eine Megawattstunde knapp 200 Euro. Außerdem bereiten sich inzwischen auch Japan, China und Südkorea auf den Winter vor und erhöhen ihre Importe.

Flüssiggas-Preis: Preis für LNG könnte Rekordwerte errreichen

„Sowohl an der niederländischen TTF-Börse als auch im asiatischen Handel liegen die LNG-Preise für den Winter höher als der aktuelle Tagespreis“, schreibt Kaushal Ramesh, Senior LNG-Analyst beim Analysehaus Rystad Energy in einem Briefing. Auch Japan rechne damit, dass sein Strommarkt in diesem Winter im Falle kalter Temperaturen und unvorhergesehener Ausfälle in Kraftwerken extrem angespannt sein werde, sagte er. Das könnte die LNG-Nachfrage weiter erhöhen.

Bereits im Februar, vor Ausbruch des Kriegs, hatte der britische Ölkonzern Shell vor einem weltweiten LNG-Mangel gewarnt. Der Bedarf könne sich bis 2040 von heute knapp 400 Millionen Tonnen pro Jahr auf über 700 Millionen Tonnen fast verdoppeln. Bislang sind nur Produktionskapazitäten von etwas über 400 Millionen Tonnen LNG weltweit in Betrieb oder in Planung, hieß es damals in dem jährlichen LNG-Outlook. Das Unternehmen ist selbst einer der weltgrößten Händler für Flüssigerdgas. 

Sollte LNG wirklich knapp werden, dürften Asien und Europa noch stärker um das verflüssigte Erdgas konkurrieren. Laut den Analysten von Shell treibt Asien, allen voran China, in den kommenden Jahren mehr als zwei Drittel der weltweiten LNG-Nachfrage. Allerdings hat sich China schon frühzeitig mit langfristigen Verträgen vor den größten Preisspitzen abgesichert. 

In Europa hingegen herrschte lange Unsicherheit über die Finanzierung für fossile Projekte mit Blick auf die Dekarbonisierung und die genaue Rolle von Gas für den Übergang. Seit vier Monaten erst laufen die Vorbereitungen nun auf Hochtouren. Die Unabhängigkeit von Russland dürfte teuer werden. 

Erstpublikation: 29.06.22, 11:08 Uhr.

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