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Wirecard-Skandal
Wie der Marsalek-Vertraute Henry O’Sullivan zu „Corinna Müller“ wurde

Der Brite Henry O’Sullivan gilt als schillernder Strippenzieher vieler Wirecard-Deals und Vertrauter von Jan Marsalek. Interne E-Mails zeigen, wie groß sein Einfluss im Konzern war.

12.02.2021 | von Lars-Marten Nagel, Michael Verfürden, Felix Holtermann, Sönke Iwersen, Volker Votsmeier, René Bender, Bert Fröndhoff und Tristan Heming

Henry O'Sullivan © unbekannt

Berlin, Düsseldorf Seinen 40. Geburtstag feierte Henry O’Sullivan im Paradies. Er lud Anwälte, Manager und hochrangige Führungskräfte von Wirecard auf die einsame Trauminsel Benguerra vor der Küste des ostafrikanischen Staates Mosambik. Auch Vorstand Jan Marsalek und seine Freundin sollten kommen. Als Mitbringsel wünschte sich der Gastgeber: Stifte für die Schulkinder im Ort und Champagner für das Partywochenende.

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Das Luxus-Resort Azura Retreats, das O’Sullivan im November 2014 angemietet hatte, bot Hütten direkt am Strand, Palmen, azurblaues Meer. Bei der Anreise müssten die Gäste ein Stück durchs knietiefe Wasser waten, warnte die Assistentin des britischen Geschäftsmanns einen Monat vor der Feier. Für Jan Marsalek war das kein Problem. Er bevorzugte ohnehin eine Anreise per Helikopter, wie aus einer Mail seiner Sekretärin hervorgeht.

Die extravaganten Geburtstagsplanungen verraten viel über zwei der zentralen Schlüsselfiguren im Wirecard-Skandal. Jan Marsalek (40) und Henry O’Sullivan (46) gelten als enge Vertraute, die fernab der Zentrale in Aschheim gemeinsam große Deals einfädelten. Nun fragt die Justiz, ob dabei nicht Millionen abgezweigt wurden. Wirecard ist insolvent, Marsalek flüchtig. O’Sullivan meldet sich nicht auf Anfragen. Mit den Prüfern von KMPG und EY wollte er Anfang 2020 nur unter Bedingungen reden, dann war er für sie nicht mehr greifbar.

Der bullige Brite war bekannt für seinen ausschweifenden Lebensstil. In Singapur speiste er oft in einem Spitzenrestaurant auf dem Dach des Hotels Marina Bay Sands, mit Blick über den Hafen. Um auf Geschäftsreisen Zeit zu sparen, reiste er auch kurze Strecken lieber mit dem Hubschrauber statt mit dem Taxi. Zwischenzeitlich wohnte er auf einer Yacht in Monaco.

Marsalek ließ O’Sullivan 2014 einfliegen, um mit ihm auf dem Münchner Oktoberfest feiern zu können. Ein Jahr später flogen sie im Learjet 45XR durch Südafrika. Und als der Brite den Wirecard-Vorstand 2014 in Jakarta treffen wollte, fragte er eine indonesische Mitarbeiterin per Mail nach einem Hotel, das ihre „Art der Spring Break Business Trips“ tolerieren würde.

O'Sullivan beim Rodeo © unbekannt

Jenseits seines Luxuslebens sind von O’Sullivans Geschäften nur Splitter bekannt. Der Brite hatte bei Wirecard keine offizielle Funktion inne. Vielen gilt er als „Phantom“ im Hintergrund, als Mitglied der geheimnisvollen Clique um Marsalek. Im Wirecard-Adressbuch war er mit einer externen E-Mail-Adresse für freie Mitarbeiter hinterlegt – sein Profilfoto zeigte Pablo Escobar, den kolumbianischen Drogenbaron: ein weiterer schlechter Scherz von Jan Marsalek, wie Insider vermuten.

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So sehr O’Sullivan es auf Geschäftsreisen krachen ließ, so bemüht war er sonst um Diskretion. Das zeigt auch eine Episode aus dem Frühjahr 2020, als die Wirecard-Welt bereits aus den Fugen geriet und Wirtschaftsprüfer das von Marsalek verantwortete undurchsichtige Drittpartnergeschäft durchleuchteten, über das der Zahlungsdienstleister im Juni insolvent gehen sollte.

O’Sullivan kannte sich mit dem Drittpartnergeschäft und einem merkwürdigen Firmenkauf in Indien 2015 gut aus. Für die Jahresprüfer von EY und die Sonderprüfer von KPMG war er deshalb ein begehrter Gesprächspartner. Dabei gelang es O’Sullivan offenbar, den Aufsichtsrat von einer besonderen Schutzmaßnahme zu überzeugen.

Für EY und KPMG ein begehrter Gesprächspartner

Sein Name dürfe weder im „finalen Report“ noch in anderem Schriftverkehr mit Wirecard festgehalten werden, forderte O’Sullivan Anfang März 2020. „Diese Papiere haben die Angewohnheit in der Öffentlichkeit aufzutauchen“, schrieb er einer Vertrauten von Marsalek. Er gehe davon aus, „dass alles Geschriebene schließlich von anderen gelesen wird“. Er bestehe deshalb darauf, ein Pseudonym zu erhalten.

So wurde Herr O’Sullivan zu Frau Müller. Am 4. März schrieb eine Rechtsberaterin des Aufsichtsrats an das Wirecard-Management: „Wie gestern besprochen sollte fürderhin ein Codename verwendet werden, und zwar für alle weiteren E-Mails und sonstigen Referenzen. Vorschlag: ,Frau Corinna Müller‘.“ EY stimmte am selben Tag zu, in der Kommunikation mit Wirecard international auf den Namen zu verzichten.

Aufsichtsratskreisen zufolge war hingegen klar: Im vertraulichen internen Prüfbericht sollte es keine Sonderbehandlung geben, hier wäre O’Sullivans Klarname genannt worden.

Luxuriöser Lebensstil © unbekannt

Wie die Beteiligten die Sprachregelung zunächst einhielten, zeigte sich am 4. März 2020. Als O’Sullivan einen Termin in Monaco angeblich wegen der Corona-Einreisebestimmungen aus Singapur absagte, schrieb die Assistentin von Marsalek an die Wirtschaftsprüfer von KPMG: „Frau Müller ist sich des Zeitdrucks bewusst und hat uns zugesagt, sich morgen mit einer kurzfristigen Alternative zu melden.“

Doch dazu kam es nicht. Laut „Wall Street Journal“ stellte sich der Sonderprüfer KPMG quer: O’Sullivan habe auch gegenüber deren Prüfern die Bedingung gestellt, anonym zu bleiben. Als diese das ablehnten, habe er sich geweigert zu reden. Auch dem Handelsblatt beantwortete O’Sullivan keine Fragen.

Dabei könnte er so viel erzählen. Allein in den zehn Jahren vor der Pleite erwarb Wirecard laut Insolvenzverwalter Michael Jaffé Firmen für 1,2 Milliarden Euro. In seinem Gutachten schreibt Jaffé, dass die Deals ein Grund für den „enormen Liquiditätsverzehr der letzten Jahre“ waren. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen frühere Führungskräfte wegen des Verdachts auf Betrug und Untreue.

O’Sullivan war an zahlreichen Wirecard-Deals beteiligt. So steht sein Name unter anderem in Verbindung mit einem der größten und dubiosesten Geschäfte, die der Zahlungsdienstleister in den letzten Jahren machte: der Übernahme der indischen Unternehmensgruppe Hermes im Jahr 2015. Für 326 Millionen Euro kaufte Wirecard die Firmen dem auf Mauritius registrierten Fonds Emerging Markets Investment Fund 1A (EMIF 1A) ab. Das Erstaunliche: Der Fonds hatte dasselbe Paket erst wenige Monate zuvor für rund 35 Millionen Euro erworben. Wer hinter ihm steht, ist bis heute nicht geklärt.

Marsalek erklärte Anfang 2020 im Gespräch mit dem Handelsblatt, die Hintergründe nicht überprüft zu haben. Doch Insider berichten, dass O’Sullivan und Marsalek diejenigen waren, die den Deal planten und letztlich wohl auch davon profitierten. Die ursprünglichen Verkäufer von Hermes fühlen sich heute jedenfalls betrogen. Sie haben eine Klage eingereicht, durch die ans Licht kam, dass es O’Sullivan gewesen sein soll, der den Verkauf an den Fonds EMIF 1A für 35 Millionen Euro verhandelt hatte.

O’Sullivan taucht auch an einer anderen wichtigen Stelle im Wirecard-Geflecht auf, dem sogenannten Drittpartnergeschäft. Wirecard erzielte damit einen Großteil seines Umsatzes, jedenfalls laut Bilanz. Im Wesentlichen sorgten drei Firmen für die vermeintlichen Einnahmen: Pay Easy von den Philippinen, Al Alam aus Dubai und Senjo aus Singapur.

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Die zentrale Figur bei Senjo war ebenfalls O’Sullivan, auch wenn er keine offizielle Funktion innehatte. Eine PR-Beraterin des Briten erklärte 2019, dass ihr Klient für Senjo tätig war. Das ist wohl nur die halbe Wahrheit. Praktisch soll O’Sullivan derjenige gewesen sein, der bei Senjo das Sagen hatte. In Singapur ermitteln die Behörden inzwischen wegen Bilanzfälschung im Umfeld der Unternehmensgruppe.

Wie sehr sich Marsalek intern bei Wirecard für seinen Partyfreund O’Sullivan ins Zeug legte, zeigt ein kurzfristiges Kreditgeschäft aus 2016, mit dem sich gleich mehrere Wirecard-Vorstände befassten. Die Ascheimer Wirecard Bank AG gewährte der Firma Cottisford Holdings Ltd. von O’Sullivan einen großzügigen Kreditrahmen von zehn Millionen Euro, für den die Wirecard AG bürgte. Das belegen interne Mails und Dokumente.

„Aufsichtsrat hat heute den Kredit nachträglich formal genehmigt, war aber nicht ,amused‘ darüber“, schrieb der damalige Vorstand Rainer Wexeler von der Wirecard Bank AG am 2. März 2016 an Marsalek. Er klagte, das Gremium sei mangelhaft informiert worden. Wexeler bat: „Kannst Du bitte mir die Privatadresse von O’Sullivan geben sowie einige geschäftliche Eckdaten über seine Geschäfte, seine Verbindung zur Wirecard AG etc.?“

Wirecard-Kredit für Firma im Steuerparadies

Eine schriftliche Antwort blieb Marsalek schuldig, dafür informierte er einen knappen Monat später darüber, warum O’Sullivans Firma das Geld nicht zum vereinbarten Termin zurückgezahlt hatte. „Die Verzögerung resultierte aus einer unerwarteten Komplikation bei der Ausschüttung von Dividenden aus einer seiner Beteiligungen.“ O’Sullivan gehe davon aus, dass das Problem „in den nächsten Tagen gelöst ist“, schrieb Marsalek.

Wexeler war das Darlehen offenbar nicht geheuer. Er hakte nach: „Es wäre noch wichtig zu wissen, wie das Geld investiert wurde, das wir ihm zur Verfügung gestellt haben.“ Eine Antwort dazu ist nicht überliefert, wohl aber, dass sich Marsalek nur Tage später plötzlich dafür einsetzte, den Kredit „längerfristig“ anzulegen.

Die Darlehensnehmerin, die Cottisford Holdings Ltd., kommt auch von einer Insel, die als Urlaubsziel ganz nach dem Geschmack von O’Sullivan sein dürfte. Er kann dort das Schöne mit dem Nützlichen verbinden. Paradiesische Zustände herrschen auf den Britischen Jungferninseln nicht nur für Touristen, sondern auch für Liebhaber laxer Steuerregeln.

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