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Verbraucherkredite
Die Coronakrise macht das Ratenkredit-Geschäft vom Gewinnbringer zum Verlustrisiko

Konsumentenkredite gelten für Banken als besonders lukrativ. Doch in der Coronakrise müssen sie mit mehr Ausfällen rechnen – und mit weniger Neugeschäft.

06.05.2020 | von Elisabeth Atzler und Felix Holtermann

Ratenfinanzierung © Heiko Specht/laif

Frankfurt Die Gefahr ist real: Nicht nur der Anstieg von Firmenpleiten im Zuge der Coronakrise wird die Banken treffen. Auch bei Krediten an Verbraucher müssen Deutschlands Geldhäuser mit höheren Ausfällen als bisher rechnen. Ein Indiz dafür: die steigende Zahl von Privatinsolvenzen. Der Informationsdienstleister Crifbürgel geht von mindestens 100.000 zahlungsunfähigen Verbrauchern in diesem Jahr aus, ein Plus von elf Prozent gegenüber 2019.

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Die Pleite könnte aber noch weitaus mehr Menschen treffen. Crifbürgel-Geschäftsführer Christian Bock sagt zu der Prognose: „Es gab in der Vergangenheit keine vergleichbaren Fälle, die man für Vorhersagen zurate ziehen könnte.“ In der Analyse sei man davon ausgegangen, dass die Folgen der Corona-Pandemie die deutsche Wirtschaft so stark wie die Finanzkrise 2008 träfen. Derzeit sieht es allerdings so aus, als ob die Rezession noch weitaus schärfer verlaufen wird als damals.

Bock zufolge wird nicht nur Arbeitslosigkeit, sondern auch der starke Anstieg der Kurzarbeit die Zahl der Privatinsolvenzen erhöhen. Bereits jetzt würden 6,8 Millionen Bürger als überschuldet gelten. „Für viele dieser Personen sorgt ein Schock auf der Einkommensseite für ein erhöhtes Risiko einer Privatinsolvenz.“ Bis zum 24. April hatten mehr als 750.000 Unternehmen Kurzarbeit angemeldet, betroffen davon sind gut zehn Millionen Menschen.

Ein Teil der Verbraucher kommt seinen Verpflichtungen bereits nicht mehr nach, wie der Bundesverband Deutscher Inkasso-Unternehmen feststellt. Rund 70 Prozent der Inkassofirmen registrieren demnach, dass sich die „Rechnungstreue“ privater Schuldner seit Beginn der Krise verschlechtert habe.

Das dürfte nicht ohne Folgen für die Konsumentenfinanzierer bleiben: Die Geldhäuser in Deutschland haben in den vergangenen Jahren immer mehr Ratenkredite vergeben. Ende 2019 betrug das Volumen knapp 177 Milliarden Euro. Das sind 14 Prozent mehr als Ende 2009, wie das Analysehaus Barkow Consulting auf Basis von Bundesbank-Zahlen für das Handelsblatt ermittelt hat. Noch größer ist der Markt, wenn man beispielsweise auch Dispokredite berücksichtigt.

Der Markt ist umkämpft, auch weil der Wettbewerb durch Vergleichsportale angeheizt wird. Das hat einen guten Grund: Trotz des Konkurrenzdrucks ist das Geschäft lukrativ. Die Zinsmargen lagen Barkow zufolge zuletzt bei fast sechs Prozent – üppig in Zeiten von Null- und Negativzinsen.

Krise trifft viele Verbraucher mit Verzögerung

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Im Zuge der Coronakrise drohen Konsumentenkredite jedoch vom Gewinnbringer mit minimalen Kreditausfällen zum Verlustrisiko zu werden. Aus Sicht von Holger Sachse, Partner der Unternehmensberatung Boston Consulting Group, ist die Gefahr flächendeckender Ausfälle aber begrenzt.

In Summe halte er das Risiko für moderat, sagt Sachse. Bei bestimmten Darlehenstypen sieht er indes größere Risiken: „Höher dürften die Ausfälle bei Ratenkrediten mit langen Laufzeiten sein sowie bei Autokrediten für Gebrauchtwagen und bei Überziehungskrediten.“

Die Beratungsfirma rechnet damit, dass die Ausfallquoten bei Konsumentenkrediten wieder auf ein Niveau von etwa 2,5 Prozent steigen, in einzelnen Segmenten auch darüber. „Das Ausmaß wird dabei auch von der Länge und Intensität des Lockdowns abhängen“, sagt Sachse.

Auch die Aufsicht rechnet nicht mit einer Welle von Kreditausfällen. Eine Sprecherin der Bundesbank weist darauf hin, dass Privathaushalte in Deutschland recht wenig verschuldet seien. Einkommensausfälle würden durch das Kurzarbeitergeld zumindest zum Teil abgefedert, so würden eher weniger Konsumentenkredite notleidend.

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Doch es gibt auch warnende Stimmen. Sally Peters, geschäftsführende Direktorin des Instituts für Finanzdienstleistungen (IFF), schätzt die Gefahr als groß ein, dass zahlreiche Verbraucher ihre Ratenkredite nicht zurückzahlen können.

„Viele Menschen wird die Krise erst verzögert treffen. In einigen Branchen und Unternehmen greift Kurzarbeit wahrscheinlich erst in den nächsten Monaten“, sagt die Leiterin des Forschungsinstituts, das sich unter anderem mit Verbraucherschutz befasst. „Und wer jetzt schon wenig Geld hat, dem fällt es schwer, vorzusorgen.“

Die Politik hat längst erkannt, dass nicht alle Bankkunden ihre Kredite wie vorgesehen bedienen können. Bundestag und Bundesrat beschlossen im März ein entsprechendes Gesetz: Seit Anfang April können Bankkunden Zins- und Tilgungsleistungen aus Verbraucherkrediten bis zum 30. Juli aussetzen. Womöglich wird der Zeitraum um drei Monate verlängert.

IFF-Direktorin Peters befürchtet allerdings, dass allein die Stundung der Kredittilgung für drei Monate vielen Darlehensnehmern nicht helfen werde. Auch Crifbürgel-Chef Bock warnt: „Das Aussetzen der Zahlungen wird den Anstieg der Privatinsolvenzen nur sehr bedingt beeinflussen, denn die Zahlungen sind nur aufgeschoben, nicht aufgehoben.“ Die Verbraucher bauten jetzt Rückstände auf, die sie später abtragen müssten.

Kreditfreudige Auslandsbanken

Besonders engagiert bei Ratenkrediten sind die Auslandsbanken. Ihr Marktanteil ist seit 2009 von 27 auf 35 Prozent gestiegen. Zu den großen Konsumentenfinanzierern zählen Santander aus Spanien, BNP Paribas und Crédit Mutuel aus Frankreich sowie Consors Finanz und die Targobank, die beide französische Mutterhäuser haben. Auch andere private Banken legten zu, während Sparkassen und Genossenschaftsbanken, eigentlich Marktführer im Geschäft mit Privatkunden, nur eine relativ kleine Rolle bei Ratenkrediten spielen.

Einige Anbieter äußern sich zuversichtlich. Gerd Hornbergs, Chef von Consors, beispielsweise rechnet nur mit leicht erhöhten Risikokosten. Die Nachfrage nach Stundungen sei zwar gestiegen, „der große Ansturm blieb allerdings aus“, sagt er. Zudem nehme nur rund die Hälfte der Kunden die ganze Spanne von drei Monaten in Anspruch.

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Auch die Sparkassen verweisen darauf, dass die Maßnahmen der Politik dazu dienten, möglichen Ausfällen bei Kunden vorzubeugen, so ihr Lobbyverband DSGV. Man sei „sehr optimistisch“, dass das mit den Hilfen wie Kurzarbeitergeld sowie der Unterstützung der Sparkassen selbst gelingen werde. Die bundesweit knapp 380 Sparkassen registrierten zuletzt insgesamt in rund 150.000 Fällen die Aussetzung von Tilgungs- und Zinszahlungen privater Kunden. Die eine Hälfte davon entfällt auf Immobiliendarlehen, die andere auf Konsumentenkredite. Der private Bankenverband schätzt die Zahl der Tilgungsstunden von Privatkunden branchenweit auf eine halbe Million.

Vorsichtiger zeigen sich andere Anbieter. Santander erklärt auf Anfrage: „Wie groß die Ausfälle im Bereich der Konsumentenkredite sein werden, lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht beurteilen.“ Das hänge von vielen Faktoren ab, unter anderem von der Dauer der Schutzmaßnahmen, die die Behörden festlegen. Ähnlich äußert sich die Targobank, die es für zu früh hält, seriöse Prognosen abzugeben. Der Anteil der Stundungen liege bei rund fünf Prozent des Gesamtportfolios und damit auf einem insgesamt relativ niedrigen Niveau.

Die genossenschaftliche Teambank erwartet, dass sie die Situation in drei bis fünf Monaten besser einschätzen kann. Bernhard Dünkel, Leiter Kreditrisikosteuerung, sieht derzeit noch kein erhöhtes Risiko für Kreditausfälle. Er betont, dass es auch im Interesse der Bank sei, die Bestandskunden durch geeignete Zahlungserleichterungen vor Überschuldung zu schützen. „Hierdurch sichern wir nicht nur die notwendigen Zahlungsströme der Bank, sondern insbesondere auch die Bonität unserer Kunden.“

Einbruch beim Neugeschäft erwartet

Das ist auch wichtig, weil die Geldhäuser mit einem Einbruch beim Neugeschäft rechnen müssen. Viele Verbraucher werden sich aus Sorge um Einkommen und Arbeitsplatz bei der Kreditaufnahme zurückhalten. Die Verbraucherstimmung in Deutschland ist im April eingebrochen. Peter Barkow, Geschäftsführer von Barkow Consulting, sagt: „Es liegt auf der Hand, dass das Neugeschäft stark zurückgehen wird.“

Das dürfte auch die Fidor Bank umtreiben. Die Münchener Digitalbank, einst als Vorzeige-Start-up gefeiert, hat bereits viele Kunden verloren und feilt an einer neuen Strategie. Teil davon: der Ausbau von Konsumentendarlehen, wie Vorstand Stefan Spannagl dem Handelsblatt Anfang des Jahres sagte. Zu den Folgen der Coronakrise auf dieses Geschäft wollte sich die Fidor Bank, die der Pariser Großbank BPCE gehört, nicht äußern.

Wie vorsichtig Verbraucher weltweit werden, zeigt sich bei der Banktochter des Volkswagen-Konzerns, Volkswagen Financial Services (VWFS): Sie hat zwar im ersten Quartal 2020 mehr verdient als im Vorjahreszeitraum. Aber die Zahl der Neuverträge für die Autofinanzierung sank. VWFS-Chef Lars Henner Santelmann sagte am Montag, im März habe man in allen Regionen, die bereits stark durch die Corona-Pandemie betroffen waren, deutliche Einbußen hinnehmen müssen.

Gleichwohl lag der Anteil der ausgefallenen Kredite zuletzt bei gerade einmal 0,4 Prozent. Ein Sprecher sagte, die Bank sehe sich mit der aktuellen Risikovorsorge für die Kreditrisiken gut aufgestellt. Es gebe bisher nur eine sehr geringe Anzahl von Anfragen für Tilgungsstundungen.

Was aber Auto- und andere Konsumentenkreditbanken eint: Das Ausmaß der Kreditausfälle dürfte sich in Deutschland erst ab dem Spätsommer zeigen.

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