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Manfred Knof im Interview
Chef der Privatkundensparte der Deutschen Bank: „Der Absturz an den Märkten war ein Schock“

Die Pandemie trifft auch das Privatkundengeschäft der Deutschen Bank. Aber noch sieht sich Manfred Knof im Plan, was Sparziele und Umbau angeht.

26.04.2020 | von Yasmin Osman und Michael Maisch

Manfred Knof © mario-andreya/Deutsche Bank

Frankfurt Manfred Knof ist ein Manager, der den Vorwärtsgang liebt. Im Vertrieb habe seine Sparte einen „sehr guten Start ins Jahr hingelegt“, sagt der Chef der deutschen Privatkundensparte der Deutschen Bank im Gespräch mit dem Handelsblatt.

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In den ersten beiden Monaten dieses Jahres habe etwa der Ertrag im Wertpapiergeschäft „deutlich über dem Vorjahreswert“ gelegen. Und auch in der Baufinanzierung laufe es „bisher sehr gut“. „Im Neugeschäft kann ich kaum Bremsspuren erkennen“, sagt der Vollblutvertriebler.

Doch ganz spurlos zieht die Corona-Pandemie auch am Privatkundengeschäft der Deutschen Bank nicht vorüber. Der Crash an den Märkten habe die Privatkunden tief verunsichert, räumt der langjährige Allianz-Manager ein.

Und auch bei der Deutschen Bank gibt es Kunden, die um Stundung ihrer Kreditraten bitten. „Uns haben in den ersten zwei Wochen nach Inkrafttreten des Gesetzes fast 50.000 Kunden um Stundung ihrer Zahlungsverpflichtungen aus Darlehen gebeten, dabei ging es in gut der Hälfte der Fälle um Baufinanzierungen, die andere Hälfte waren Konsumentenkredite“, berichtet Knof. Die meisten Anträge habe die Bank bereits abgearbeitet und bewilligt.

Die Bank hat darauf reagiert: „Wir haben die Standards für Ratenkredite und Baufinanzierungen leicht angepasst“, berichtet Knof. „Uns ist wichtig, dass wir gerade jetzt für unsere Kunden da sind. Gleichwohl müssen wir der aktuellen Situation Rechnung tragen und unsere Risiken angemessen steuern.“

Bei der Umsetzung seiner Sparpläne sieht Knof sich trotz Coronakrise aber noch im Plan. „Meine Aussage steht, bis Ende 2022 eine Milliarde Euro einzusparen“, sagt er. Die guten Erfahrungen mit Homeoffice eröffnen ihm vielleicht auch neue Sparpotenziale, etwa bei der Frage, wie viel Bürofläche wirklich nötig ist. „Sicherlich lassen sich Büroflächen effizienter nutzen. Wir rechnen das momentan einmal mit verschiedenen Annahmen durch“, sagt Knof.

Lesen Sie hier das gesamte Interview:

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Herr Knof, Sie sind jetzt gut ein halbes Jahr bei der Deutschen Bank. Schon nach wenigen Wochen wurde Ihnen eine gewisse Frustration mit Bezug auf den neuen Job nachgesagt. Fühlen Sie sich nun angekommen?
Ja, ich habe eine sehr spannende Aufgabe. Und gerade jetzt bin ich froh, hier an Bord sein zu dürfen. Denn es ist beeindruckend, wie professionell unsere Bank die Corona-Pandemie managt. Seit der Jahrtausendwende habe ich bereits zwei schwere Wirtschafts- und Finanzkrisen erlebt, ich weiß also, wovon ich rede.

Wahrscheinlich hat die Deutsche Bank einfach mehr Krisenerfahrung als andere Unternehmen.
Wir sollten die aktuelle Situation nicht verniedlichen. Diese Krise ist für die Welt die größte Herausforderung seit Ende des Zweiten Weltkriegs. Wir haben den größten Respekt und sind dankbar dafür, was die Bundesregierung und die Landesregierungen alles unternehmen, um die Wirtschaft zu unterstützen. Das Gleiche gilt für die Maßnahmen der Notenbanken. Auch die Deutsche Bank selbst hat auf die Herausforderungen sehr gut reagiert, das Krisenmanagement funktioniert exzellent. Anders als in der Finanzkrise sind die Banken dieses Mal Teil der Lösung, und als systemrelevante Institution sind wir jetzt besonders wichtig für Wirtschaft und Gesellschaft.

Vita Manfred Knof

Der Banker

Seit August 2019 leitet Manfred Knof das Privatkundengeschäft der Deutschen Bank. Davor war er Deutschlandchef des Versicherers Allianz.

Die Bank

Am Mittwoch wird die Deutsche Bank ihre Zahlen für das erste Quartal vorlegen. Analysten rechnen wegen der Coronakrise im Schnitt mit einem Verlust von 370 Millionen Euro.

Der Umbau der Privatkundensparte war schon immer ein ehrgeiziges Projekt. Müssen Sie nun wegen Corona alle Pläne neu justieren?
Der Fahrplan, den wir im Sommer angelegt und im Dezember dann weiter präzisiert haben, war in der Tat ehrgeizig. Aber wir liegen derzeit voll im Plan, auch was die rechtliche Verschmelzung der Privatkundensparte mit dem Mutterkonzern Mitte Mai anbelangt. Das alles schaffen viele unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter online und von ihren Arbeitsplätzen zu Hause aus. Diese Leistung macht uns und auch mich persönlich stolz.

Gilt Ihr Optimismus auch für die Geschäftsergebnisse?
Details können wir erst am Mittwoch nennen, wenn wir unsere Quartalszahlen veröffentlichen. Ich kann Ihnen aber schon sagen, dass wir im Vertrieb einen sehr guten Start ins Jahr hingelegt haben. Beim Ertrag auf Wertpapiertransaktionen lagen wir im Januar und Februar beispielsweise deutlich über dem Vorjahreswert. Die Frage ist natürlich, wie sich das Geschäft in den kommenden Wochen und Monaten angesichts der Auswirkungen durch das Coronavirus weiterentwickelt.

Das heißt aber auch, dass die Aktivitäten im März bereits spürbar nachgelassen haben.
Der Absturz an den Märkten war ein Schock, das hat gerade die Privatanleger tief verunsichert. Unsere Wertpapierberater hatten viele intensive Gespräche mit den Kunden, haben die Situation erklärt und die Entwicklungen an den Märkten eingeordnet.

Wie sieht es bei der Baufinanzierung aus? Hat Corona dort dem Boom den Boden entzogen?
Bei uns jedenfalls nicht. Das Baufinanzierungsgeschäft läuft bisher sehr gut. Auch im Neugeschäft kann ich kaum Bremsspuren erkennen, weder bei der Deutschen Bank noch bei der Postbank. Aber auch hier muss man sehen, wie sich das Geschäft in der kommenden Zeit angesichts der Folgen durch das Coronavirus weiterentwickelt.

Verschärfen Sie angesichts der prekären wirtschaftlichen Lage nicht von sich aus Ihre Vergabestandards?
Wir haben die Standards für Ratenkredite und Baufinanzierungen leicht angepasst. Der Vorstand der Privat- und Firmenkundenbank, den ich leite, bespricht sich momentan jeden zweiten Tag und sieht sich die Risikoparameter unseres Geschäfts genau an. Uns ist wichtig, dass wir gerade jetzt für unsere Kunden da sind. Gleichwohl müssen wir der aktuellen Situation Rechnung tragen und unsere Risiken angemessen steuern.

Wie stark ist der Andrang von Kunden, die Sie um Stundungen ihrer Kreditraten bitten?
Uns haben in den ersten zwei Wochen nach Inkrafttreten des Gesetzes fast 50.000 Kunden um Stundung ihrer Zahlungsverpflichtungen aus Darlehen gebeten, dabei ging es in gut der Hälfte der Fälle um Baufinanzierungen, die andere Hälfte waren Konsumentenkredite. Die meisten Anträge haben wir bereits abgearbeitet und bewilligt.

Könnten sich die Stundungen zu einem größeren Geschäftsrisiko für die Bank entwickeln?
Wir haben kein Problem, diese Zahlungen bis zu drei Monate auszusetzen. Und die Antragszahlen, um die es geht, sind bisher beherrschbar. Natürlich gilt auch hier: Wir beobachten die weitere Entwicklung aufmerksam, überwachen die Bonitäten und werden unsere Risiken aktiv managen.

Sie dürfen keine Säumniszahlungen für die gestundeten Beträge erheben. Es gibt Banken, die sich von der Politik schlecht behandelt fühlen. Sie nicht?
Nein, wir fühlen uns nicht schlecht behandelt von der Bundesregierung, im Gegenteil. Wir haben und hatten die Gelegenheit, uns einzubringen, und wir haben den Eindruck, unsere Meinung wird geschätzt. Richtig ist aber, dass es noch Gesprächsbedarf gibt, wie mit den Zinsforderungen bei Stundungen umzugehen ist. Wir sind aber zuversichtlich, dass eine für alle Seiten vernünftige und tragbare Lösung gefunden wird.

Die Krise wird in der gesamten Finanzbranche Spuren hinterlassen. Was ist, wenn die Kunden künftig stärker sparen – anstatt zum Beispiel Immobilien oder Autos zu kaufen?
Natürlich gibt es Veränderungen über die Zeit. Für uns ist aber entscheidend, dass wir mit unseren Kunden im Gespräch sind, und da ist der Bedarf im Moment besonders hoch. Wer sparen will, investiert dann vielleicht in ein Vorsorgeprodukt. Oder er will für seinen Anlagemix noch einen Immobilienfonds. Es gibt für jede Situation die richtigen Anlageformen, auch und gerade in Krisenzeiten. Und ich bin sicher, dass wir sie unseren Kunden bieten können.

Im Moment finden die Gespräche mit den Kunden ja häufiger telefonisch oder per Video statt. Ist das ein Testlauf für die Frage, wie viele Filialen wirklich nötig sind?
Zunächst einmal: Die Filialen der Postbank waren die ganze Zeit geöffnet. Das Gleiche gilt für fast 300 der 500 Zweigstellen der Deutschen Bank. Unser Online- und Mobile Banking und unsere Telefon- und Videoberatung funktionieren gut. Aber viele der Kunden, die jetzt per Video oder Telefon kommunizieren, werden nach der Krise auch wieder in die Filiale kommen. Es kommt darauf an, analog und digital noch viel stärker als bisher zu verbinden, das lehrt uns diese Krise. Insofern bleibt es bei dem, was ich auf der Investorenkonferenz Ende 2019 gesagt habe: Wir arrondieren nur das Filialnetz ständig, wie wir es immer getan haben.

Sie haben auch angekündigt, gemeinsame Filialen der Marken Postbank und Deutsche Bank auszuprobieren. Was ist aus den Versuchen geworden?
Es gibt gemeinsame Auftritte beider Marken in Bochum und Kleinmachnow. Dort sammeln wir erste Erfahrungen, wie Kunden reagieren, wenn sich Postbank und Deutsche Bank eine Selbstbedienungszone teilen. Die ersten Rückmeldungen sind positiv. Diese Pilotprojekte wollen wir auf 15 bis 20 Standorte hochfahren, bevor wir Entscheidungen treffen. An dieser Stelle bremst uns Corona leider. Ohne die Pandemie hätten wir diese Versuchsphase vermutlich schneller starten können.

Bremst Corona Sie auch bei der Umsetzung Ihrer Sparpläne aus?
Davon gehe ich nicht aus. Meine Aussage steht, bis Ende 2022 eine Milliarde Euro einzusparen. Etwa 400 Millionen Euro sollen im Bereich Betrieb, also das Backoffice, und IT wegfallen, weitere 200 Millionen Euro durch die Anpassung der Zentral- und Infrastrukturfunktionen im Zuge der vollständigen Integration der Privatkundensparte, die wir jetzt im Mai vollziehen. Außerdem sparen wir 200 Millionen Euro durch Veränderungen im Vertrieb sowie den Ausbau der Onlineangebote. Und wir werden weniger investieren müssen als derzeit.

Wo genau fallen die 200 Millionen Euro an Investitionsgeldern weg?
Sobald wir die IT-Systeme und die Operations-Einheiten von Deutscher Bank und Postbank zusammengelegt haben, werden sich unsere Investitionen in unsere Plattform normalisieren. Wir gehen dann vom Umbaumodus wieder zum Normalbetrieb über. Das bringt uns Einsparungen von rund 200 Millionen Euro.

Sie mussten im März einige Filialen wegen Corona-Infektionen unter den Mitarbeitern schließen. Wie schützen Sie Kunden und Mitarbeiter, damit sich das nicht wiederholt?
Wie gesagt, unser Krisenmanagement läuft sehr gut. In unseren Filialen haben wir Plexiglasscheiben, sogenannte Spuckschutzwände, aufgestellt. Es gibt ausreichend Masken und Desinfektionsmittel. Wir haben die Mindestabstände gekennzeichnet, und es gelten strenge Hygienevorschriften. Besonders beeindruckt uns übrigens, wie gut die Arbeit für viele Kolleginnen und Kollegen zu Hause funktioniert. Fast 50 Prozent unserer Mitarbeiter im Privatkundengeschäft loggen sich täglich von zu Hause aus in unsere Bank ein und beraten so ihre Kunden. In anderen Bereichen liegt die Quote zum Teil bei 80 oder 90 Prozent. In Indien sind es wegen der strikten Ausgangssperre sogar 100 Prozent.

Wenn das mit dem Homeoffice bei Ihnen so gut läuft, wollen Sie es dann nicht künftig mehr Mitarbeitern ermöglichen?
Die gesamte Wirtschaft wird sicher über andere Arbeitsmodelle reden, auch wir. Ich kann mir schon vorstellen, dass jemand, der bislang zu festen Zeiten etwa in der Vertriebssteuerung saß, später auch zu Hause arbeitet. Das würde Familien viel mehr Flexibilität geben. Was spricht dagegen, wenn Arbeiten, die nicht zeitkritisch sind, dann erledigt werden, wenn es die Situation zu Hause erlaubt? Auch einen Anstieg von Teilzeitarbeit halte ich für möglich. Die Coronakrise ist in dieser Hinsicht auch eine Chance, da sind wir uns mit den Arbeitnehmervertretern einig.

Gibt es dazu auch konkrete Gespräche?
Wir sprechen laufend mit den Arbeitnehmervertretern. In der Krise hat sich das noch intensiviert, denn es gab und gibt ja sehr viele Dinge umzuorganisieren. Und die Arbeitnehmervertretungen sind hier wichtige Partner.

Spart man mit mehr Homeoffice eventuell auch teure Bürofläche?
Sicherlich lassen sich Büroflächen effizienter nutzen. Wir rechnen das momentan einmal mit verschiedenen Annahmen durch. Wir können natürlich flexibler mit den Arbeitsplätzen umgehen, wenn mehr Menschen von zu Hause aus arbeiten. Allerdings stellen wir auch fest, dass viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter die Trennung von Privatsphäre und Büro schätzen. Sobald sich die Lage normalisiert, werden die meisten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wieder an ihren Arbeitsplatz im Büro zurückkehren wollen. Und auch das ist okay.

In Deutschland nutzen inzwischen rund 50 Prozent der Unternehmen Kurzarbeit. Ist das für die Deutsche Bank ein Thema? Ihr Arbeitgeberverband arbeitet an einem entsprechenden Rahmentarifvertrag.
Bei all der Arbeit, die wir vor uns haben, inklusive der Integration der Privatkundenbank in den Mutterkonzern und des Krisenmanagements für unsere Kunden, sehe ich das im Augenblick nicht. Bei mir sind in den vergangenen Wochen eher noch ein paar Arbeitsstunden und -tage dazugekommen. Und meinen Kolleginnen und Kollegen geht es da nicht anders.

Herr Knof, vielen Dank für das Interview.

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