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Plug-in-Hybrid
Brandgefahr: Ford bekommt Batterieprobleme beim Kuga nicht in den Griff

Die Autohersteller setzen in Europa auf eine schnelle Elektrifizierung der Flotte. Beim Ford-Verkaufsschlager Kuga wird die gut angenommen. Nun streikt die Technik.

13.10.2020 | von Stefan Menzel

Kuga-Produktion im spanischen Ford-Werk nahe Valencia © obs

Düsseldorf Plug-in-Hybride werden zusehends beliebter. Für September meldet das Flensburger Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) gut 20.000 Neuzulassungen in Deutschland, gegenüber dem Vorjahresmonat ein Plus von 463 Prozent. Vor allem die staatliche Förderung gilt als Kaufargument: Bis zu 6750 Euro gibt es beim Kauf eines neuen Plug-in-Modells als Prämie dazu.

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Der praktische Vorteil im Vergleich zu rein batteriegetriebenen Modellen: Ist keine Ladestation in der Nähe, hält der Verbrennungsmotor den Wagen in Bewegung. Bei Ford und dessen wichtigstem Plug-in-Hybrid-Modell Kuga ist die Fortbewegung per Verbrennungsmotor allerdings zur Dauereinrichtung geworden. Deretwegen kommt es nun sogar zum Rückruf.

Die europäische Tochter des US-Autoherstellers hat gewaltige Probleme mit den Batterien des halb elektrischen SUVs. Weil sich die Lithium-Ionen-Zellen zu stark erhitzt haben, ist es in einigen Fällen zum Batteriebrand gekommen. Ford Europa hat umgehend reagieren müssen. In Abstimmung mit dem KBA wurde ein Auslieferungsstopp für den Kuga in der Plug-in-Version ausgesprochen.

Für rund 33.000 bereits in Europa ausgelieferte Fahrzeuge wird zudem ein Rückruf in die Werkstätten angeordnet. Bis eine Reparatur möglich ist, sollen die Kunden nach Möglichkeit auf den Elektroantrieb verzichten.

Mit einer außergewöhnlichen Aktion hat sich Ford deshalb an seine Kunden gewandt. Per Videobotschaft meldete sich Hans Jörg Klein, Vertriebschef für Ford Deutschland, bei den Kuga-Kunden. Er forderte die Fahrer des halb elektrischen SUV dazu auf, auf jegliches Laden des Autos über das Kabel zu verzichten. „Dann ist Ihr Kuga fahrbereit und sicher“, machte Klein deutlich.

Bei „einer Handvoll“ von Fahrzeugen sei es zu einer Überhitzung und einem anschließenden Brand gekommen. Der Ford-Manager stimmt seine Kunden darauf ein, dass die Suche nach einer Lösung des Überhitzungsproblems wahrscheinlich noch länger dauern wird. „Es wird sich um Monate handeln, nicht um Wochen“, lautete die unmissverständliche Botschaft des Deutschland-Vertriebschefs.

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Klein hat sich, ebenfalls per Video, bei den betroffenen Kunden entschuldigt. Und eine finanzielle Entschädigung gibt es noch dazu: Kuga-Plug-in-Fahrer bekommen eine Tankkarte über 500 Euro für den zusätzlichen Kraftstoffverbrauch. Ford hält außerdem noch einen Werkstatt-Gutschein über 350 Euro bereit, um die betroffenen Kunden gnädig zu stimmen.

Und Kunden gibt es reichlich: Im Jahr 2019 war der Kuga das SUV mit den zweitmeisten Zulassungen in Deutschland. Bis Ende August 2020 lag der Anteil der Plug-in-Variante europaweit bereits bei rund 50 Prozent.

Fehler muss erst noch gefunden werden

Die Europa-Tochter des US-Autokonzerns steht damit in einer ganze Reihe Hersteller, die Probleme mit den Batterien ihrer E-Autos haben. Im vergangenen Jahr war es eine fehlerhafte Dichtung, die beim damals nagelneuen E-Tron von Audi für einen möglichen Kurzschluss und damit für Brandgefahr gesorgt hatte. Aktuell meldet Hyundai Feuergefahr bei seinem SUV-Modell Kona. In dieser Woche beginnt deshalb ein Rückruf im heimischen Korea. Danach müssen die Autos wahrscheinlich weltweit in die Werkstätten gerufen werden.

Bei Ford Europa ist die Lage komplizierter. Schon im Sommer gab es die ersten Probleme mit den Lithium-Ionen-Zellen beim Kuga Plug-in, weil Batterieschalter beschädigt waren und nicht ordentlich funktionierten. Inzwischen hat das Kraftfahrt-Bundesamt insgesamt drei Rückrufe für den halb elektrischen Wagen aussprechen müssen.

Ford tut sich schwer damit, eine Erklärung für die Batteriebrände zu finden. Deshalb ist der Rückruf bislang auch nur angekündigt worden. Mit den tatsächlichen Reparatur- und Umrüstungsarbeiten kann noch gar nicht begonnen werden, weil die Werkstätten überhaupt nicht wissen, was sie mit den betroffenen Autos machen sollen.

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Den Kuga-Kunden wird nichts anderes übrig bleiben, als die Botschaft aus der Kölner Ford-Zentrale ernst zu nehmen. Elektrisch kann das Auto lediglich noch ein klein wenig über die sogenannte Rekuperation fahren, über die Rückgewinnung von Bremsenergie. Aber das reicht nicht zu einem Dauerbetrieb wie mit geladener Batterie.

Die nächsten Wochen will Ford dafür nutzen, um den Fehler in der Batterie zusammen mit dem Zulieferer zu finden. Die Europa-Tochter des US-Autokonzerns nennt keinen Namen, sondern sagt lediglich, dass die Batteriezellen aus Ungarn kommen. Wichtigster Zellproduzent ist dort der koreanische Hersteller Samsung SDI, der unweit der Hauptstadt Budapest Milliarden in den Aufbau neuer Fertigungskapazitäten investiert.

Ford bleibt der Trost, dass auch andere Autohersteller Probleme mit ihren Batterieherstellern haben. Im aktuellen Fall des Hyundai Kona arbeitet der koreanische Autokonzern beispielsweise mit LG Chem zusammen, einem ebenfalls koreanischen Zellhersteller. Mit seinem neuen Werk in Breslau gehört LG Chem auch zu den Lieferanten des Volkswagen-Konzerns.

Die Hersteller der Batteriezellen sind stellenweise mit dem extrem schnell wachsenden Bedarf der Autokonzerne überfordert. Die meisten Zellhersteller haben in der Vergangenheit viel kleinere Batteriezellen wie etwa für Handys produziert.

Kuga-Hybrid womöglich als Verbrenner gewertet

Die viel größeren Autobatterien und die damit verbundenen Steuerungseinheiten zu produzieren ist eine große Herausforderung für sie. Außerdem müssen sie in kurzer Zeit eine große Zahl neuer Fabriken bauen, um den stark wachsenden Bedarf der Autohersteller zu decken. So hatte etwa Samsung SDI in Ungarn angekündigt, dass es statt einer bald drei Zellfabriken geben soll.

Ungeklärt ist derzeit noch, ob die Probleme mit dem halb elektrischen Kuga dem Ford-Konzern auch Ärger bei der Berechnung des sogenannten „Flottenverbrauchs“ bereiten. In diesem Jahr gelten in der EU verschärfte Kohlendioxid-Grenzwerte. Im Durchschnitt darf die verkaufte Flotte eines Autoherstellers nur 95 Gramm Kohlendioxid je gefahrenen Kilometer emittieren. Wegen ihrer teilweise elektrischen Fahrweise sind die Emissionswerte bei Plug-in-Hybriden sehr niedrig und wirken als Gegengewicht zu Autos mit größeren Verbrennungsmotoren.

Ford Kuga als Plug-in-Hybrid © Ford

Da die halb elektrischen Ford Kuga jetzt nicht mehr per Kabel geladen werden können, werden sie möglicherweise doch als Verbrenner in der Statistik gewertet – und Ford verpasst den Durchschnittswert von 95 Gramm. Empfindliche Geldbußen wären die Konsequenz.

Bislang hatte Ford immer wieder betont, die neuen Emissionsgrenzen in diesem Jahr unbedingt einhalten zu wollen. Wie der Kuga eingestuft wird, entscheidet am Ende die staatliche Aufsicht. „Darüber gibt es Gespräche mit dem KBA“, ergänzte ein Ford-Sprecher.

In Europa hat der US-Hersteller eine umfassende Elektrifizierung seiner Fahrzeugflotte angekündigt. Im Jahr 2022 soll die Hälfte aller in den europäischen Ländern verkauften Autos mindestens teilweise elektrisch angetrieben werden, kündigte Europa-Chef Stuart Rowley am vergangenen Freitag bei einer Fahrzeugpräsentation in Hamburg an. „Das ist ein absolutes Bekenntnis zur Elektromobilität“, sagte er. Entsprechend schmerzen die Probleme des gut verkauften Kuga.

Auch für Ford werden SUVs immer wichtiger. Das Auto wird zwar weiterhin im spanischen Ford-Werk bei Valencia produziert, muss danach aber auf Parkplätzen zwischengelagert werden. Wenn es eine Lösung für die Batterien gibt, sollen die halb fertigen Fahrzeuge später nachgearbeitet werden.

Offen bleibt, ob sich potenzielle neue Kunden aus Enttäuschung über die ungeklärte Lage vom Hybrid-Modell abwenden. Andere Hersteller rüsten nach, Volkswagen bietet etwa im Segment der kompakten SUVs mit dem Tiguan ebenfalls bald eine Plug-in-Variante an.

Auch bei VW läuft es mit den Batterien nicht reibungslos. Als es im vergangenen Jahr bei LG Chem in Breslau Probleme gab, hatte Volkswagen eigene Experten in die neue Zellfabrik geschickt. Die VW-Ingenieure sollten den Koreanern dabei helfen, die hohen geforderten Stückzahlen in entsprechender Qualität und in angemessener Zeit zu erreichen.

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