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KI-Start-up
Wie Augustus Intelligence die Millionen seiner Investoren verbrannte

Die Firma, die in die Lobbyaffäre des CDU-Politikers Philipp Amthor verwickelt ist, muss viele Mitarbeiter entlassen. Ein Großteil des Geldes prominenter Investoren scheint vergeudet.

20.11.2020 | von Alexander Demling und Larissa Holzki

One World Trade Center in New York © Reuters

San Francisco, Düsseldorf Prinz Stefan von und zu Liechtenstein meldet den Investoren am 9. Oktober 2020 schlechte Nachrichten. Augustus Intelligence habe seine „Belegschaft signifikant reduzieren und sich neu fokussieren müssen“, schreibt der Beiratsvorsitzende des deutsch-amerikanischen Start-ups.

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Eine „Jahrhundert-Pandemie“ habe „die Weltmärkte und viele Volkswirtschaften ins Ungewisse geworfen“, erklärt der Adelige aus dem Fürstentum, im Hauptberuf dessen Botschafter im Vatikan. 29 Mitarbeiter hat das Unternehmen nach Handelsblatt-Informationen entlassen, fast die Hälfte der verbliebenen Belegschaft.

Doch mit der Pandemie hat das nur bedingt zu tun. Das 2018 von dem studierten Mediziner Wolfgang Haupt gegründete Unternehmen ist in der Amthor-Affäre ebenso berühmt wie berüchtigt geworden. Wenn Haupt sein Geschäftsmodell erklären sollte, prahlte er von Künstlicher Intelligenz, Sprach- und Gesichtserkennung. Ein deutsches Palantir schien da zu entstehen oder gar ein Google.

Mit solchen Versprechen hat das Unternehmen 34,5 Millionen Dollar eingesammelt – auch von ahnungslosen Investoren. Das zeigen Dokumente, die dem Handelsblatt vorliegen, und Gespräche mit zahlreichen Ex-Mitarbeitern und Investoren.

Ein Großteil des Geldes scheint mangels Strategie und vorzeigbarem Produkt nun vergeudet. Nach vier Chefwechseln, einer Übernahme, die viele Probleme brachte, und dem Verlust zahlreicher Mitarbeiter und mächtiger Freunde sucht das Unternehmen wieder Geld.

Wie konnte Augustus so viele Millionen einsammeln?

Woher nehmen und nicht stehlen? Auf der Liste der 40 Investoren, datiert auf den 8. Juni, findet sich kein Risikokapitalfonds und praktisch keine KI-Expertise. In der Regel wollen Start-ups möglichst wenig Mitentscheider haben, aber solche, die sich auskennen. Augustus’ Liste macht eher den Anschein, als hätten Haupt und seine einflussreichen Freunde ihre Rolodexe abtelefoniert.

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Der Privatbank-Erbe und AfD-Spender August François von Finck steckte 11,4 Millionen US-Dollar in Augustus, Stefan von und zu Liechtenstein rund fünf und Karl Theodor zu Guttenberg (CSU), einst Bundeswirtschafts- und Verteidigungsminister, 1,5 Millionen Dollar.

Zwei Geschwister aus dem Swarovski-Clan waren mit Millionenbeträgen dabei, Ex-„Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann mit etwas über 100.000 Dollar. Ein deutscher Professor und Ex-Regierungsbeamter steckte fast eine halbe Million Dollar in Augustus, er kennt Haupt privat.

Für manche war es Spielgeld, für manche viel Geld. Versprochen wurde den Investoren dafür offenbar „irgendwas mit KI“: Einer erzählt von Datenzentren, ein anderer von autonom fahrenden Autos. Auch um einen „App Store für KI-Anwendungen“ soll es mal gegangen sein.

Ein möglicher Grund für die operativen Probleme: Trotz eines völlig unklaren Geschäftsmodells scharten die Gründer zahlreiche deutsche Politik- und Wirtschaftsgrößen um sich – manche mit zweifelhaftem Ruf und ohne Erfahrung, ein Start-up zu führen.

Karl-Theodor zu Guttenberg © dpa

Karl Theodor zu Guttenberg war zeitweise „Vorsitzender für allgemeine Angelegenheiten“ von Augustus Intelligence. Ex-Roland-Berger-Chef Charles-Édouard Bouée nannte sich „Chairman of Business Affairs“. Auch Ex-BND-Chef August Hanning und Ex-Verfassungsschutzchef Hans-Georg Maaßen gehörten zum Zirkel um Gründer Wolfgang Haupt.

Mit dem CDU-Bundestagsabgeordneten Philipp Amthor war sogar ein aktiver Politiker Direktor des Unternehmens – belohnt mit der Option, Augustus-Aktien zu erwerben, die zum Zeitpunkt der Ausgabe 250.000 Dollar wert waren und im Wert steigen sollten.

Amthor setzte sich auf Bundestagsbriefpapier dafür ein, dass Haupt und Mitgründer Pascal Weinberger Termine im Wirtschaftsministerium erhielten. In einer WhatsApp-Gruppe tauschten sie private Nachrichten mit Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) aus.

Inzwischen wenden sich Unterstützer ab: Guttenberg, Bouée und Amthor verließen das Unternehmen im Sommer. Nachdem der „Spiegel“ Amthors Rolle hinterfragte, nannte der 28-Jährige das Engagement einen „Fehler“ und gab die Optionen zurück.

Gründer ohne erkennbare KI-Erfahrung

Viele Fragen sind aber bis heute offen – etwa, wie das unbekannte US-Start-up an Millionen aus Amthors Wahlkreis kommt. Die KRC Beteiligungen, hinter der der Unternehmer Klaus Keunecke aus Strasburg in der Uckermark steht, hat knapp 1,7 Millionen Dollar in Augustus gesteckt.

Hat der Bundestagsabgeordnete den Augustus-Gründern einen Großinvestor an Land gezogen? Liechtenstein sagte der „Neuen Zürcher Zeitung“, er sei sehr stark engagiert gewesen, auch wenn es „um Gespräche mit Investoren“ ging.

Und die Beziehung lässt sich nachverfolgen: Im Dezember 2019 sprach der Bundestagsabgeordnete bei einem Empfang von Keuneckes Immobilien-Sachverständigenbüro in Berlin über die Mietenpolitik. Im Bundestagswahlkampf 2017 besuchte der CDU-Jungstar die Keunecke Gutsverwaltung in Strasburg. Auf Fragen reagierten die Betroffenen nicht.

Prinz Stefan von Liechtenstein wurde von Haupt selbst überzeugt. Über die Valnon Holding seiner Familie beteiligte er sich mit zwei Millionen Dollar, persönlich mit 100.000 Dollar. Im Mai 2020 soll die Holding sogar noch einmal drei Millionen Dollar nachgeschossen haben. Zu den Investments will der Adelige nichts sagen.

Philipp Amthor © Philipp Spalek/laif

Liechtenstein lernte Haupt kennen, als der Student den damaligen Botschafter des Fürstentums in Berlin zu einem Vortrag an seine Uni einlud. Sie hielten Kontakt. Später vertrieb der Jungunternehmer Haupt mit der Firma Active Cross ein mobiles Fitnessgerät, mit dem das Skifahren simuliert werden sollte. Noch heute hat Liechtenstein zwei davon. Die Firma ging 2016 insolvent, nachdem große US-Vermarktungspläne gescheitert waren.

Erfahrung mit KI-Start-ups hatte Haupt keine, ebenso wenig eine erkennbare Strategie dafür. Trotzdem erhielt seine Firma fast 35 Millionen Dollar zu einer Bewertung von über 250 Millionen. Zum Vergleich: Facebook erhielt in der ersten Finanzierungsrunde 12,7 Millionen Dollar bei knapp einer 100-Millionen-Dollar-Bewertung.

Liechtenstein hält die unklaren Ziele für unkritisch. „Trends im Bereich der Künstlichen Intelligenz entwickeln sich schneller, als Handtaschen aus der Mode kommen“, sagt er. Wenn man Businesspläne in diesem Bereich mache, müsse man sehr schnell sein. „Es ist wie eine Fahrt im Nebel: Man sieht auf einmal Chancen – und peng - hat die Konkurrenz sie bereits umgesetzt.“

Prinz Stefan von und zu Liechtenstein © picture alliance / obs

Mag sein. Doch statt an Chancen zu arbeitete, polierte Augustus die Fassade. Andere Start-ups starten in der Garage, Augustus zog ins One World Trade Center in New York ein. Der Mietvertrag soll noch mehr als vier Jahre laufen.

Geschäftspläne änderten sich scheinbar nach Wetterlage: Liechtenstein erzählte der „NZZ“ im August von zwischenzeitlichen Überlegungen, ein Datenzentrum in Amthors Heimat Mecklenburg-Vorpommern zu bauen – die strukturschwache Ostseeregion wäre dafür aus technischen Gründen allerdings denkbar ungünstig gelegen.

Weil Augustus auch Mitte 2019 weder Produkte noch Kunden oder Umsatz hatte, kaufte das Start-up zwei Firmen: XBrain, das eine Chatbot-Software für Kundenservice entwickelt, und Moblty.

„Ich weiß gar nicht, wer wen mehr betrogen hat“

Das Unternehmen verkaufte smarte Bildschirme für Einzelhandelsfilialen, ihr Renommee-Kunde war die US-Apothekenkette CVS. „Bei Technologieunternehmen gilt das Prinzip ‚make or buy‘“, erklärt Liechtenstein die Übernahmen. „Mit den Firmen haben wir hochbegabte Techniker ins Unternehmen geholt.“

Und eine Menge Probleme: „Ich weiß gar nicht, wer wen mehr betrogen hat“, sagt ein ehemaliger führender Moblty-Mitarbeiter. Das Start-up hatte seit seiner Gründung 2012 circa 30 Millionen Dollar von Investoren verbraucht, nach Aussage von Mitarbeitern geriet das Unternehmen 2019 mit Auszahlung der Gehälter in Rückstand.

Augustus zahlte Mobltys Investoren zwar nur mit Anteilen an einer Sub-Holding aus, die Augustus kontrolliert. Allerdings zeigt ein Vertrag, dass der neue Eigner schon zu Beginn 2,5 Millionen Dollar in die Holding stecken musste, weil das Geschäft so schnell Geld verbrennt.

Augustus beantwortete Fragen dazu nicht. Anschaffung und Einbau der mit Kameras ausgestatteten Displays kostete mehr, als das Start-up damit einnahm. „Mit einem Mindestmaß an Due Diligence hätte das Augustus-Management das rausgefunden“, sagt der Ex-Moblty-Mitarbeiter.

Bis heute stammt allerdings fast jeder Dollar Augustus-Umsatz aus dem weiterhin unrentablen Betrieb der Bildschirme, klagen Mobltys ehemalige Investoren in einem Brief.

Charles-Édouard Bouée © Thomas Dashuber für Handelsblatt

Neukunden kann das Unternehmen auf Anfrage des Handelsblatts nicht vorweisen, obwohl der gut vernetzte Topberater Bouée und seine Ex-Roland-Berger-Kollegin Anne Bioulac zeitweise an der Spitze standen. Immerhin: Als Augustus seine Chatbot-Software an eine CVS-Tochter pitchte, sei man mit Google und IBM in die letzte Runde gekommen, erklärt das Unternehmen.

An diesem Mittwoch hat der fünfte CEO in weniger als sechs Monaten angefangen, der New Yorker Investor Arya Bolurfrushan. Vom elfköpfigen Managementteam in einer Firmenpräsentation aus dem September 2019 sind zehn entlassen worden oder gegangen. Zwei von ihnen verklagen das Unternehmen wegen falscher Versprechen – ein Schlichtungsverfahren läuft.

Der verbliebene Gründer Wolfgang Haupt ist als Chef zur Seite getreten. Als Mehrheitseigner hat er aber weiter große Macht bei Augustus. „Man sollte einen Gründer meiner Meinung nach nicht ohne triftigen Grund von seinem Start-up trennen“, sagt Liechtenstein.

Doch der 34-Jährige hat das Start-up mit seinen Kontakten zu Maaßen und Hanning etwa in die Nähe von Geheimdiensten gerückt. Damit wird es nicht leichter, die Kameras an Einzelhändler zu vermarkten. Solche Querelen haben Augustus in eine tiefe Krise gestürzt: Hatte das Start-up im Frühling noch 94 Angestellte, sind es nun nur noch 34.

Im September sollen die Verbliebenen in einem All-Hands-Meeting erfahren haben, dass Augustus sich wieder auf Investorensuche mache, um die Finanzsituation zu verbessern. „AI verfügt über eine solide Finanzierung und ist nach der Umstrukturierung gut aufgestellt“, kommentiert das Unternehmen seine Finanzsituation jetzt. „Dadurch wurde der Runway verlängert.“

Prinz Stefan von und zu Liechtenstein ist optimistisch, in absehbarer Zeit Investoren zu finden – wenn wieder Ruhe einkehrt.

Berichtigung: In einer früheren Version dieses Textes hatten wir fälschlicherweise geschrieben, Karl-Theodor zu Guttenberg habe 1,7 Millionen Dollar investiert.

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