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Halbleiter
Chips aus Siliziumkarbid: Ein bislang kaum bekannter Rohstoff treibt die Infineon-Geschäfte

Der Dax-Konzern verzeichnet ein sprunghaftes Umsatzwachstum mit Chips aus einem bestimmten Material. Vor allem die Autoindustrie treibt das Geschäft.

11.06.2021 | von Joachim Hofer

Infineon © Bloomberg

München Die Fabriken sind am Limit, die Auftragsbücher randvoll: Der Halbleiter-Konzern Infineon kann gar nicht so viel liefern, wie die Kunden bestellen. Ein bislang kaum beachteter Bereich wächst besonders stark: das Geschäft mit Halbleitern aus Siliziumkarbid (SiC). Der Dax-Konzern geht davon aus, dass sich der Umsatz mit derartigen Chips im laufenden Geschäftsjahr auf 160 Millionen Euro verdoppeln wird.

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Immer mehr Kunden des größten deutschen Chipherstellers entdecken die Vorteile des innovativen Materials: „Es ermöglicht kompaktere Lösungen, geringere Energiewandlungsverluste oder eine Kombination aus beidem“, sagte Peter Wawer, Chef der Industriesparte, dem Handelsblatt.

Siliziumkarbid ist zwar teurer als das in der Halbleiterproduktion übliche Silizium. Bei energieintensiven Anwendungen würde sich der Mehrpreis laut Wawer aber meist nach sechs bis zwölf Monaten bezahlt machen. Der Manager geht davon aus, dass der Markt für SiC-Chips bis Mitte des Jahrzehnts um jährlich 30 bis 40 Prozent zulegen wird.

Infineon brachte die ersten SiC-Chips schon 2001 auf den Markt. Bislang waren die Umsätze bescheiden. Zu hoch war der Preis, zu gering der Nutzen. Mit dem technischen Fortschritt und höheren Stückzahlen ändert sich das aber gerade.

Das Potenzial indes war stets unbestritten. So stand SiC zwischenzeitlich sogar auf der Agenda des früheren US-Präsidenten Donald Trump. Infineon wollte 2016 Cree übernehmen, den führenden Anbieter von SiC. Die Amerikaner liefern das Rohmaterial, fertigen mit dem Werkstoff aber auch selbst Chips. 850 Millionen Dollar wollte Infineon damals auf den Tisch legen. Die Verträge waren schon unterzeichnet, doch die US-Behörden untersagten die Übernahme mit Verweis auf die nationale Sicherheit. Inzwischen ist Cree an der Börse mehr als elf Milliarden Dollar wert.

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Für 124 Millionen Euro kaufte Infineon dann Ende 2018 Siltectra aus Dresden. Das Unternehmen hat eine Technik für das sogenannte Splitten von SiC-Scheiben entwickelt, den Wafern. Dadurch verdoppelt sich die Anzahl der Chips, die man aus einem Wafer produzieren kann. „Wir verlieren damit weniger Material, das macht es kostengünstiger“, erläuterte Bereichschef Wawer. „Eine Pilotlinie läuft bereits in Dresden, und wir wollen damit in die Serienfertigung gehen.“

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Die Technik ist wichtig, weil SiC im Einkauf mindestens doppelt so viel kostet wie Silizium. „SiC-Transistoren müssen trotz ihres Nutzens noch einige technische und wirtschaftliche Hürden überwinden“, meint Amine Allouche, Analystin von System Plus Consulting. Dazu gehörten der Preis für die Wafer und die Komplexität einiger Verfahrensschritte. „Diese Herausforderungen verhindern noch die SiC-Anwendung im größeren kommerziellen Rahmen.“

Elektroautos fahren länger mit Siliziumkarbid

Bislang werden SiC-Chips vor allem in Stromtankstellen eingesetzt, in der Photovoltaik sowie in der Industriestrom-Versorgung. Immer häufiger nutzen nun aber auch Autohersteller SiC für Elektrofahrzeuge. „Allein durch den Austausch von Silizium durch Siliziumkarbid lässt sich die Reichweite um acht Prozent steigern“, sagt Peter Fintl, Halbleiterexperte der Technologieberatung Capgemini. Die Marktforscher von Yole rechnen damit, dass der SiC-Automarkt bis 2025 jedes Jahr im Schnitt um 38 Prozent auf mehr als 1,5 Milliarden Dollar wachsen wird.

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Entsprechend umkämpft ist das Segment. Elektroautopionier Tesla kauft seine auf SiC basierenden Leistungshalbleiter beim Infineon-Rivalen ST Microelectronics. Der Autozulieferer ZF hat sich mit Cree verbündet. Gemeinsam hätten die Partner „bereits Effizienzsteigerungen von fünf bis sieben Prozent realisiert“, sagte jüngst ZF-Vorstand Stephan von Schuckmann im Handelsblatt-Interview mit Blick auf Elektroautos. „Der Hersteller kann nun entscheiden, ob er mehr Reichweite umsetzen oder die Batterie kleiner und dadurch das Fahrzeug leichter und günstiger machen möchte.“

Der Autozulieferer Bosch hat eigene SiC-Chips entwickelt. Die ehemalige Conti-Sparte Vitesco wiederum kooperiert mit Rohm, einem japanischen Wettbewerber.

Dennoch sieht sich Infineon in einer guten Position. „Wir haben das größte Portfolio am Markt“, behauptet Industriedivisionschef Wawer. Einer der bekanntesten SiC-Kunden des Konzerns ist der Autoproduzent Hyundai.

Analysten bewerten Infineon positiv. Die Credit Suisse hat das Kursziel für die Aktien Anfang Juni leicht auf 43 Euro angehoben. Die Schweizer rechnen damit, dass sich die Papiere besser als der Markt entwickeln. Analyst Jakob Bluestone erhöhte seine Umsatz- und Gewinnschätzungen bis ins Jahr 2023 und begründete dies mit einem beschleunigten Wachstum in der Industriesparte. Derzeit notieren die Papiere bei rund 33 Euro, ein Plus von mehr als 50 Prozent binnen Jahresfrist.

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