ABO
Anzeige

Cloud Computing
Munitionssuche im Meer und Clouds für alle: Wie die Gaia-X-Projekte aussehen

Die digitale Infrastruktur Gaia-X soll die europäische Wirtschaft von amerikanischen IT-Konzernen unabhängiger machen. Vier Konzepte zeigen, wie das funktioniert.

15.07.2021 | von Christof Kerkmann

Algen am Strand © dpa

Düsseldorf Bislang ist das europäische Cloud-Projekt Gaia-X kaum mehr als eine Idee. Eine digitale Infrastruktur soll Wirtschaft und Staat in Europa zu mehr Souveränität über ihre Daten verhelfen – wie genau, ist bislang offen, und konkrete Beispiele sind rar.

Anzeige

Das ändert sich jetzt. Denn das Bundeswirtschaftsministerium hat in einem Förderwettbewerb aus 131 Vorschlägen elf Vorhaben ausgewählt, die ab diesem Jahr insgesamt 122 Millionen Euro erhalten. Fünf weitere beginnen im nächsten Jahr. Das Ziel dieser „Leuchtturmprojekte“ sei, den Mehrwert von Gaia-X zu zeigen, erklärte Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU).

Was sich Wirtschaft und Forschung von der digitalen Infrastruktur versprechen, zeigen die Bewerbungen. Oft geht es darum, Daten-Plattformen zu schaffen, um sie dann kollektiv zu nutzen – mit transparenten und einheitlichen Standards. Das ist beim bislang wohl ambitioniertesten Projekt Catena-X so. Es soll die Lieferketten der Autoindustrie vernetzen.

Die üppigen Fördermittel dürften die Unternehmen stärker motivieren, so komplexe Vorhaben umzusetzen. Auch ohne öffentliches Geld arbeiten aber einige Unternehmen an Projekten für Gaia-X, zum Beispiel das Informationstechnikunternehmen Hewlett Packard Enterprise.

Das Handelsblatt zeigt einige der Vorhaben im Überblick.

Das Meer in Daten: Marispace-X

Allein in Nord- und Ostsee liegen 1,6 Millionen Tonnen Munition und rosten vor sich hin – eine tickende Zeitbombe. Denn dabei treten immer mehr giftige Stoffe ins Wasser aus. Der Ausbau der Windenergie wird zudem durch das explosive Erbe mehrerer Kriege erschwert. Daher ist es essenziell, die Munition aufzuspüren und zu identifizieren.

Anzeige

Was ist Gaia-X?

Große Ambitionen

Bei der Ankündigung von Gaia-X im Sommer 2020 sprach Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier von einem „Moonshot“, einer Art Mondmission also. Der Erfolg sei „zentral für Deutschland, für Frankreich und für Europa, wenn es um wirtschaftliche Stärke und Souveränität geht“, betonte er.

Zentrale Infrastruktur

Ohne eine Cloud geht im digitalen Zeitalter wenig. Eine IT-Infrastruktur für Software, Speicher und Rechenleistung, die von überall aus erreichbar ist und sich nutzen lässt, bildet die Grundlage für zahlreiche Anwendungen. Das gilt besonders für die Entwicklung künstlicher Intelligenz, von der sich viele Branchen einen Innovationsschub versprechen.

Amerika dominiert

Den Markt fürs Cloud-Computing dominieren mit Abstand die Anbieter aus den USA: Amazon Web Services (AWS), Microsoft und Google. Die Politik fürchtet abhängig zu werden – und postuliert, dass es eine „vertrauenswürdige, souveräne digitale Infrastruktur für Europa“ brauche. Hinzu kommt die Sorge, dass die europäische Wirtschaft durch unzureichende Datennutzung ins Hintertreffen gerät, gerade der Mittelstand.

Europa verbindet

Das Konzept für Gaia-X sieht vor, Dienste verschiedener Unternehmen zu einem „homogenen, nutzerfreundlichen System“ zu vernetzen. Das Projekt soll die verbindenden Elemente entwickeln: technische Standards, Schnittstellen für den Datenaustausch, ein Identitätsmanagement, Abrechnungssystem sowie eine Benutzeroberfläche. Die Daten können also bei verschiedenen Unternehmen gespeichert sein, übrigens auch den großen Cloud-Konzernen – wenn sie die Standards einhalten.

Prinzipien für mehr Souveränität

Ein Ziel von Gaia-X ist mehr digitale Souveränität. Dabei geht es nicht darum, Europa von anderen Teilen der Welt abzukoppeln. Unternehmen und Bürger, so die Hoffnung, bekommen aber eine größere Kontrolle über ihre Daten. Einerseits durch Datenschutzregeln, andererseits durch Interoperabilität, die es erleichtert, den Anbieter zu wechseln.

Grundlage für ein Ökosystem

Ein weiteres Ziel von Gaia-X ist, dass ein Ökosystem von digitalen Diensten entstehen soll. Unternehmen sollen es dank der Standards leichter haben, datengetriebene Produkte und Geschäftsmodelle zu entwickeln, auch über die Grenzen der eigenen Organisation hinweg. Dafür steht exemplarisch Catena-X, das die Lieferkette der Autoindustrie digital abbilden soll.

Marispace-X soll das leisten: Ein Konsortium von Unternehmen und Forschungseinrichtungen will mit dem Projekt eine Plattform für die Sammlung, Verwaltung und Auswertung von Daten aus dem Meer aufbauen. So soll etwa die Munition leichter kartografiert werden.

Schon jetzt sammeln etliche Unternehmen und Forschungseinrichtungen Daten im Meer. Angesichts der Fortschritte bei der Sensortechnologie erwarten Experten einen exponentiellen Anstieg der Datenmengen. Eine offene Plattform wie Gaia-X erleichtere das Zusammenspiel der Akteure, erklärt Konsortialführer Ionos, das zum United-Internet-Konzern gehört.

Bislang gebe es kaum einheitliche Standards und Datenformate, die in Cloud-Technologien verarbeitet werden können. „Marispace-X hat daher das Ziel, in erheblichem Maße die Offenheit im gesamten maritimen Umfeld zu fördern.“ Die Software wollen die Akteure im Open-Source-Format entwickeln. Open Source heißt: Der Quellcode des Projekts ist offen. So könnten auch andere Unternehmen und Forschungseinrichtungen die Daten frei nutzen.

Außerdem will das Konsortium weitere Anwendungen ermöglichen. Satellitenbilder und Sensordaten aus dem Wasser sollen helfen, Seegraswiesen und Algen zu entdecken, die im Sinne des Klimaschutzes CO2 binden. Viele Algen können mit bloßem Auge gar nicht entdeckt werden. Mithilfe von Sensoren soll ein digitales Abbild des Meeresbodens entstehen, das die Inspektion und Vermessung ebenso erleichtert wie die Baumaßnahmen.

Zu dem Konsortium zählen neben Ionos unter anderem die Universitäten in Kiel und Rostock, das Fraunhofer-Institut für Graphische Datenverarbeitung und das Geomar-Zentrum für Ozeanforschung. Die Förderquote des Projekts liegt bei rund 70 Prozent.

Datenspende für die Gesundheit: Health-X Dataloft

Zwölf Organisationen unter Führung der Charité in Berlin wollen gemeinsam eine Plattform für den Datenaustausch im Gesundheitswesen aufbauen: Health-X Dataloft. Vier Szenarien sind geplant, darunter auch die Sekundärnutzung von Daten. Patienten sollen ausgewählte klinische Daten pseudonym oder anonym an Forschungseinrichtungen spenden können.

Die Daten im Blick © Getty Images

Ihre Gesundheitsdaten sind für viele Patienten aber so intim, dass sie sie oft mit niemandem außer dem Arzt teilen wollen. Eine breite Datenanalyse könnte helfen, mehr über die Krankheiten zu erfahren, was der Allgemeinheit dienen würde.

Bei Health-X Dataloft arbeiten sie auch an personalisierten Gesundheitsdiensten. Ein digitaler Assistent soll mithilfe Künstlicher Intelligenz dabei helfen, auf Basis des Erbguts zu überprüfen, wie gut Patienten Medikamente vertragen. Auch akute Probleme durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen sollen mit der KI frühzeitig erkannt werden.

Das Prinzip ist immer das gleiche: Gaia-X soll die Systeme der verschiedenen Organisationen miteinander verknüpfen. Und der Datenschutz soll dabei stets eine große Rolle spielen. Die Kontrolle liege immer bei den Bürgern, betonen die Initiatoren. Beteiligt sind daran auch die Bundesdruckerei, die Fraunhofer-Gesellschaft, das Hasso-Plattner-Institut, Siemens Healthineers und Ionos.

Eine Cloud für alle: Sovereign Cloud Stack

Gaia-X soll von der gesamten Wirtschaft angewendet werden – vom Gesundheitswesen bis zur Autoindustrie. Dafür braucht es eine technische Grundlage, die in einem Projekt der Open Source Business Alliance (OSBA) entstehen soll: Sovereign Cloud Stack (SCS) heißt es. Der Bundesverband für digitale Souveränität wird dafür mit 14,9 Millionen Euro vom Bund gefördert.

Die OSBA entwickelt ein System, das ein Unterbau für Cloud-Anwendungen sein soll, etwa um Daten zu speichern oder Programme zu installieren. Auch für das Projekt Sovereign Cloud Stack gilt Open Source, also ein offener Quellcode. Das garantiert Transparenz, soll Unabhängigkeit fördern und Abhängigkeiten verhindern.

Die Bausteine für eine leistungsfähige Cloud-Umgebung gebe es bereits, sagt Projektleiter Kurt Garloff. Er hat bereits bei der Deutschen Telekom und dem Linux-Anbieter Suse Cloud-Plattformen aufgebaut. Es gelte aber, „sie konsistent zusammenzubauen und die Qualität und Sicherheit mit kontinuierlichen Testprozessen abzusichern“.

Die Hoffnung ist: Wird der Aufbau derartiger Plattformen einfacher, können mehr Unternehmen Cloud-Dienste anbieten.

Die OSBA, die 170 Unternehmen in Deutschland vertritt, koordiniert mit einem kleinen Projektteam die Arbeit. Die verschiedenen Jobs schreibt die Organisation aus. Eine erste Version des SCS steht am heutigen Donnerstag zur Verfügung – zunächst mit begrenztem Funktionsumfang, aber produktiv nutzbar. Erweiterungen danach sind geplant.

Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier © dpa

Auch andere Unternehmen wollen die Grundlagentechnologie zur Verfügung stellen. So hat Hewlett Packard Enterprise (HPE) ein Paket auf den Markt gebracht, mit dem Kunden Gaia-X-Dienste selbst aufbauen können. Der amerikanische IT-Konzern wird es an die Standards und Schnittstellen der digitalen Infrastruktur anpassen.

Eigene Sprachmodelle für Europa: Open GPT-X

Als im vergangenen Jahr das Sprachmodell GPT-3 herauskam, war das für viele KI-Forscher wie ein Sputnik-Moment. Das System von Open AI aus San Francisco erzeugte Texte auf erstaunlich hohem Niveau. „Wir laufen Gefahr, dass die Amerikaner und Chinesen diese großen Sprachmodelle bereitstellen und wir Europäer in einem weiteren Bereich die digitale Souveränität verlieren“, warnt Jörg Bienert, Vorsitzender des KI-Bundesverbandes.

Das Projekt Open GPT-X will mit öffentlicher Förderung eigene Sprachmodelle aufbauen, auf die europäische Unternehmen und Forschungseinrichtungen zugreifen können. Die Infrastruktur von Gaia-X soll es ermöglichen, die Systeme mehrerer Partner zu einer großen Recheninfrastruktur zusammenzuschalten, die für das Training der Algorithmen nötig ist.

Dabei hilft beispielsweise ein einheitliches Anmeldesystem. Zudem achte man auf europäische Werte, betont Projektleiter Dr. Nicolas Flores-Herr vom Fraunhofer-Institut IAIS. So wolle man die Verzerrung von Ergebnissen, im Fachjargon Bias genannt, vermeiden.

In dem Projekt wird etwa erforscht, wie sich die Sprachsteuerung in Fahrzeugen verbessern lässt. Oder wie sich die Mediatheken von Fernseh- und Radiosendern besser durchsuchen lassen. Dafür ist der Westdeutsche Rundfunk (WDR) als Partner beteiligt. Ein erhoffter Nebeneffekt: Die europäische Wirtschaft soll lernen, wie sie große Machine-Learning-Projekte aufzieht, also Maschinenparks, Daten und Algorithmen koordiniert.

Weiterlesen...

Anzeige
ICO/Audio-Play@1,5x stop „@1x