ABO
Anzeige

Chiphersteller
So profitiert Infineon vom Boom der Stromtankstellen

In Deutschland und in den USA entstehen immer mehr Schnellladesäulen. Das treibt das Geschäft des Dax-Konzerns mit Leistungshalbleitern.

31.05.2021 | von Joachim Hofer

Stromtankstelle © imago images/Michael Gstettenbauer

München Für Infineon bietet die derzeit steigende Zahl von Ladesäulen ein gutes Geschäft: Während der Dax-Konzern an einer herkömmlichen Tankstelle keinen Cent verdienen kann, enthält eine Schnelllade-Station für Elektrofahrzeuge mit 350 Kilowatt Leistungshalbleiter für bis zu 3000 Dollar. Eben solche Halbleiter bietet der Dax-Konzern an.

Anzeige

An Aufträgen für Strom-Tankstellen dürfte es Deutschlands größtem Chiphersteller in den nächsten Jahren nicht mangeln: US-Präsident Joe Biden hat gerade angekündigt, eine halbe Million Ladestationen aufzubauen und dafür 15 Milliarden Dollar in die Hand zu nehmen. In der Bundesrepublik will Verkehrsminister Andreas Scheuer ein flächendeckendes Netz an Schnellladesäulen in den nächsten zwei Jahren errichten.

„Wir erleben einen immensen Nachfrageschub in der Elektromobilität“, sagte Peter Wawer, Chef der Industriesparte von Infineon, dem Handelsblatt. Davon profitiert der Konzern gleich doppelt. Denn das Unternehmen verdient einerseits an den Elektroautos selbst. Der Wert der Halbleiter in einem strombetriebenen Fahrzeug ist etwa doppelt so hoch wie bei einem herkömmlichen Fahrzeug.

Darüber hinaus sind aber auch die Stromtankstellen hochattraktiv für Infineon. Selbst in den schwächsten Ladepunkten mit nur 20 Kilowatt Leistung stecken Leistungshalbleiter für bis zu 90 Dollar. Es ist ein Geschäft, das in diesem Jahr richtig Fahrt aufnimmt.

Bis 2023 sollen in Deutschland mit staatlicher Förderung Ladesäulen mit einer Leistung von über 150 Kilowatt an 1000 zusätzlichen Standorten entstehen. „Gerade das schnelle Laden mit über 150 Kilowatt ist für eine uneingeschränkte Reichweite von E-Autos entscheidend“, sagte Scheuer jüngst.

Infineon soll profitabler werden

Leistungshalbleiter zur Stromversorgung sind das Kerngeschäft von Infineon. Die Münchener erzielen damit mehr als die Hälfte ihrer Erlöse. Neue, dynamische Geschäftsfelder wie die Stromtankstellen sind enorm wichtig für den Konzern. Denn Vorstandschef Reinhard Ploss hat den Investoren ein strammes Wachstum versprochen. Der Umsatz soll jährlich über einen Branchenzyklus hinweg um gut neun Prozent steigen. Zudem soll der Konzern profitabler werden: Ploss strebt eine operative Marge von 19 Prozent an. Vergangenes Jahr waren es 13,7 Prozent.

Anzeige
Weiterlesen...

Besonders attraktiv sind für Infineon Stromtankstellen, die ihre Energie selbst erzeugen. Denn auch für die Solaranlagen braucht es Leistungshalbleiter. Der Autohersteller Audi will demnächst eine solche Anlage testen, die durch Batterien in den Ladesäulen und Photovoltaik auf dem Dach unabhängig vom Stromnetz ist.

Für die Industriesparte von Infineon ist das neue Geschäft besonders relevant. Denn es ist der einzige Bereich, dessen Umsatz im jüngsten Quartal stagnierte. Insgesamt sind die Erlöse des Konzerns um gut ein Drittel im Vergleich zum Vorjahr in die Höhe geschossen. Das kräftige Plus lag allerdings auch an der Übernahme des US-Rivalen Cypress im April 2020.

Die Aussichten für die Industriesparte sind grundsätzlich nicht schlecht. Denn mit der Elektromobilität geht in wichtigen Absatzmärkten wie den USA auch der Wechsel zu erneuerbaren Energien einher. So stecken in einem Windrad Leistungshalbleiter im Wert von 2000 bis 3500 Dollar je Megawatt. Eine Windturbine erbringt eine Leistung zwischen einem und sechs Megawatt an Land und bis zu 14 Megawatt auf dem Meer. „Die angekündigten US-Investitionen in die Infrastruktur für erneuerbare Energien werden sich bemerkbar machen und zahlen auf unsere Strategie ein. Da reden wir über große Zahlen“, ist Divisionschef Wawer überzeugt.

Der Infineon-Kurs hinkt hinterher

Vorstandschef Ploss hat jüngst zum zweiten Mal in diesem Jahr die Prognose erhöht. Das liegt nicht zuletzt am Boom der neuen, umweltfreundlichen Anwendungen. Der Ingenieur stellt einen Umsatz von elf Milliarden Euro in Aussicht – 200 Millionen mehr, als er im Februar vorhergesagt hatte. Die operative Marge soll noch im laufenden Geschäftsjahr auf 18 Prozent steigen, 0,5 Prozentpunkte mehr als bisher angekündigt.

Infineon kann allerdings gar nicht so viel liefern, wie die Kunden bestellen. Die Auftragsfertiger in Fernost kommen mit der Produktion nicht hinterher. Infineon werde das im Geschäftsjahr bis zu 200 Millionen Euro Umsatz kosten, fürchtet Finanzvorstand Sven Schneider.

Irrationale Doppel- und Dreifachbestellungen von Kunden im Zuge der Halbleiterknappheit dürften im kommenden Quartal enden, urteilt unterdessen Berenberg-Analystin Tammy Qiu. Die Lieferprobleme dürften aber generell noch bis ins zweite Halbjahr kommenden Jahres anhalten.

Das bereitet den Investoren Sorgen. Seit Jahresbeginn ist der Kurs trotz der insgesamt guten Geschäftsaussichten lediglich um rund drei Prozent auf derzeit rund 32 Euro geklettert. Der Dax hat währenddessen mehr als zehn Prozent zugelegt.

Weiterlesen...

Anzeige
ICO/Audio-Play@1,5x stop „@1x