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Softwarehersteller
Teile der SAP-Belegschaft fordern kompletten Rückzug aus Russland-Geschäft – Konzernspitze wägt ab

Der Softwarehersteller stoppt den Verkauf in Russland, Bestandskunden werden aber weiter bedient, was intern für Unmut sorgt. Auch andere IT-Konzerne müssen abwägen.

10.03.2022 | von Christof Kerkmann

SAP © imago/photothek

Düsseldorf Nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine veröffentlichte SAP-Chef Christian Klein eine emotionale Botschaft: Der Krieg sei „unmenschlich und ungerechtfertigt“, schrieb er in einem Blogeintrag. Der Softwarehersteller unterstütze die internationalen Sanktionen – und werde das Geschäft in Russland einstellen.

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Zwei Tage später ergänzte der Konzern allerdings: Bestandskunden werde man „im Rahmen der vertraglichen Verpflichtungen“ weiter bedienen, zumindest sofern Sanktionen und Exportkontrollen das zuließen. Auch die Cloud-Dienste von SAP bleiben somit weiter im Einsatz.

Bei Teilen der Belegschaft sorgt diese Entscheidung für Diskussionen. In internen Foren sah sich der Vorstand um Konzernchef Christian Klein mit der Frage konfrontiert, ob SAP sich nicht vollständig aus Russland zurückziehen sollte, auch wenn die Sanktionen das momentan nicht erforderten.

Die Abwägungen, die derzeit zahlreiche internationale Konzerne treffen müssen, haben bei Softwareherstellern und Cloud-Dienstleistern besonders weitreichende Folgen: Sie stellen die technische Infrastruktur der Wirtschaft, mit der Unternehmen Maschinen vernetzen und Lieferketten steuern, Kunden erreichen und Mitarbeiter bezahlen.

Klassische Lizenzsoftware läuft zwar lokal. Allerdings stellen die Hersteller Updates zur Verfügung, um Sicherheitslücken zu schließen oder rechtliche Neuerungen abzubilden. Zudem bieten sie Unterstützung bei technischen Problemen. Ohne diese – zumeist teure – Wartung drohen mit der Zeit Probleme.

Noch größer sind die Einflussmöglichkeiten der Cloud-Dienste: Diese laufen vollständig in den Rechenzentren der IT-Konzerne. Wenn diese die Geschäftsbeziehungen aufkündigen, haben Kunden innerhalb kurzer Zeit keinen Zugriff mehr. Die russische Wirtschaft nutzt die Cloud bislang jedoch zögerlich.

Management verweist auf gültige Verträge

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Kann? Ja. Aber muss SAP diesen Einfluss nicht nutzen, um den Druck auf Russland zu erhöhen? Einige Mitarbeiter sehen das so. Sie berufen sich auf die Ethikrichtlinie des Konzerns, die unter anderen die Einhaltung der Menschenrechte in der eigenen Geschäftstätigkeit und entlang der Wertschöpfungskette postuliert.

SAP-CEO Christian Klein © dpa

In der internen Diskussion verweist das Management um Vorstandschef Klein dagegen darauf, dass die russischen Unternehmen gültige Verträge haben. Zudem, so lautet ein Argument, könne die Beendigung der Geschäftsbeziehungen unerwünschte Nebenwirkungen haben, in Russland und darüber hinaus.

Zu den Kunden zählen beispielsweise Krankenhausbetreiber und Arzneihersteller, die für die Versorgung der Bevölkerung essenziell sind, außerdem Lebensmittelhersteller und Energiekonzerne, die auch ins Ausland liefern. Auf eine Handelsblatt-Anfrage verwies SAP auf den Blogeintrag von Vorstandschef Klein.

Auch die wirtschaftliche Bedeutung des russischen Marktes dürfte indes Teil der Überlegungen gewesen sein. Im Geschäftsbericht 2019 wies SAP für die Tochtergesellschaft, die Russland und die Nachfolgestaaten der Sowjetunion bedient, einen unkonsolidierten Umsatz von 483 Millionen Euro aus. Aktuellere Zahlen liegen nicht vor. Zu den Kunden zählen laut früheren Unternehmensmeldungen Konzerne wie Aeroflot und die Sberbank.

Microsoft, IBM und andere bleiben ebenfalls präsent

Andere Softwarehersteller verzichten ebenfalls auf einen vollständigen Rückzug. So hat Microsoft angekündigt, den Verkauf neuer Produkte und Dienstleistungen zu stoppen, sich jedoch – anders als SAP – nicht zum Bestandskundengeschäft geäußert.

Zwischen den Zeilen zu lesen ist: Es läuft weiter. Weitere Maßnahmen werde man unternehmen, „wenn sich die Situation weiterentwickelt“, erklärte Microsoft-Präsident Brad Smith.

Bei Amazon Web Services und IBM scheint das Bild ähnlich zu sein, die Mitteilungen der Unternehmen sind jedoch spärlich. Google Cloud äußerte sich bislang nicht. Wie sensibel das Thema ist, lässt sich an Oracle sehen: Der IT-Konzern kündigte Anfang März über Twitter an, die Arbeit in Russland zu beenden, nannte auf Nachfrage aber keinerlei Details und löschte den Tweet später wieder.

Offensiv mit der Präsenz in Russland geht dagegen der Internetdienstleister Cloudflare um. „Eine willkürliche Beendigung des Dienstes würde der russischen Regierung wenig schaden, würde aber den Zugang zu Informationen außerhalb des Landes einschränken und diejenigen, die uns als Schutzschild für ihre Kritik an der Regierung benutzt haben, deutlich angreifbarer machen“, erklärte Konzernchef Matthew Prince in einem Blogeintrag.

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