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Insight Innovation
Ein Labor für Start-ups: Diese Klinik in Israel zeigt, wie Zukunft in der Medizin gelingt

Das Sheba-Krankenhaus ist eines der globalen Zentren für medizinische Innovation. Ein Vorbild für Deutschland, das seine Kliniken modernisieren will.

26.06.2021 | von Pierre Heumann

Medizin der Zukunft © Julius Brauckmann, Getty Images

Tel Aviv Die Ziele von Caresyntax sind hochgesteckt. Das deutsche Start-up will eine Art „Autopiloten“ für Chirurgen entwickeln: Eine Software analysiert die Risikofaktoren einer Operation und erkennt, welche Schritte zu welchen Situationen im Operationssaal führen könnten – und gibt entsprechende Handlungsanweisungen.

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Zumindest ist das das Leitbild von Chef Björn von Siemens, der das Medizintechnikunternehmen 2013 gründete. Um Chirurgen hilfreich zur Hand gehen zu können, entwickelt und testet Caresyntax seine Software im Sheba Medical Center in der Nähe von Tel Aviv. Warum geht die Berliner Firma mit inzwischen 170 Angestellten dorthin? Wegen der Offenheit für die Nutzung der Daten und der Technologie“, erklärt der Urururenkel von Werner von Siemens.

Es ist nur ein Beispiel unter vielen. Das Sheba-Krankenhaus ist eines der Zentren für medizinische Innovation in der Welt. Wiederholt wählte das US-Magazin „Newsweek“ das Krankenhaus mit zu den zehn besten der Welt. Bei der Einfahrt wird man deshalb mit einem „Unter den Top Ten“-Poster begrüßt.

In Teilen gleicht das Krankenhaus einem Innovations-Hub, zum Medical Center gehören 70 Start-ups – jährlich werden durchschnittlich sechs weitere gegründet. Wir wollen in der Medizin weltweit führend sein und die Forschung maßgeblich beeinflussen“, sagt Shebas Forschungschef Eyal Zimlichman.

Allein in der Pandemie registrierte Sheba 13 Patente und entwarf fünf neue Produkte wie ein wegweisendes Beatmungsgerät oder ein Testgerät für das Coronavirus, das nicht nur bei Luftfahrtgesellschaften auf starkes Interesse stößt – denn es kann in Sekunden mit guter Genauigkeit sagen, ob jemand das Covid-19-Virus hat oder nicht.

Mit Corona rückten auch in Deutschland die Krankenhäuser und ihre Modernisierung in den Fokus. Ab dem 30. Juni messen die Klinikbetreiber mit einem Reifegradmessmodell“ die Digitalisierung ihres Hauses. Es geht um viel Geld: Mit dem Krankenhauszukunftsgesetz stellt der Bund drei Milliarden bereit, die Länder sollen weitere 1,3 Milliarden Euro aufbringen.

Kinderklinik des Sheba Medical Centers © David Shay / CC0

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Vorbild könnte das israelische Krankenhaus sein. Wie schafft es Sheba, nicht nur so viel Neues zu erdenken, sondern es auch in die Anwendung zu bekommen? Die Antwort darauf ist nicht nur für Gesundheitspolitiker oder Chefärzte interessant, sondern für alle Unternehmer, Firmengründer oder Politiker. Sheba lebt eine Innovationskultur, die erfolgreich ist.

Ärzte werden finanziell beteiligt

Agil, schnell und flexibel: Der Erfolg der Innovationshochburg hat viel mit der Denke der Forscher und Ärzte zu tun. Sie verbinden Kommerz und Forschung und haben dadurch einen monetären Anreiz an Resultaten. So trägt Zimlichman zwei Titel: Chefarzt und Chefinnovator von Sheba.

Zentraler Innovationsmotor ist das vor zwei Jahren gegründete Forschungszentrum ARC. Das Kürzel steht für „Accelerate, Redesign, Collaborate with Partners“, also „beschleunigen, neugestalten und mit Partnern zusammenarbeiten“.

ARC bringt rund 60 Ärzte, Industriemanager, Forscher, Investoren sowie Topkliniken und -firmen zusammen, darunter zum Beispiel die Mayo-Clinic, das Universitätsspital Zürich, Microsoft oder Astra-Zeneca, fallweise den Pharmakonzern Roche. Im nächsten Jahr sollen auch zwei Krankenhäuser aus Deutschland dazustoßen.

An der Zukunft arbeiten ARC-Forscher derzeit in sechs Innovationshubs mit mehr als 70 Projekten. Dazu gehören unter anderem die frühzeitige Krebsdiagnose, Künstliche Intelligenz, Telemedizin, Präzisionsmedizin, Operationen durch Roboter oder Rehabilitation. Bis 2030 wollen wir mit Innovationen die Gesundheitsversorgung auf eine neue Grundlage stellen“, sagt Zimlichman.

Die Kommerzerfolge der Forscher steuern mit 70 Prozent den größten Teil des ARC-Budgets bei, dessen Höhe Zimlichman vage mit zig Millionen Schekel“ angibt. Der Wechselkurs der israelischen Währung liegt bei 100 Schekel zu 25 Euro. Laut dem Forschungschef werden die restlichen 30 Prozent des Budgets durch private Zuwendungen gedeckt.

Dass der Profit als Anreizsystem seinen europäischen Berufskollegen fremd ist, stellt Zimlichman oft auf seinen Reisen und Vorträgen in Europa fest. Für die EU hat er denn auch einen Rat: Forschern die Beteiligung am Erlös von Patenten zu erlauben.

Medtronic © AP

Mit diesem Anreiz, den Sheba erstmals vor zehn Jahren ermöglicht hat, habe man nur gute Erfahrungen gemacht. Damals kaufte Medtronic, der US-Medizintechnikkonzern, das erst fünf Jahre alte Start-up Ventor Technologies mit 24 Angestellten und bezahlte dafür 325 Millionen Dollar. Drei Ärzte des Sheba Medical Centers hatten den Senkrechtstarter gegründet, der Transkatheter-Herzklappentechnologien zur Behandlung von Aortenklappenfehlern entwickelt.

Es stellte sich die Frage, wie die 325 Millionen aufzuteilen seien. Der Schlüssel, den eine Kommission damals entwarf, gilt bis heute. 35 Prozent des Erlöses gehen an den oder die Erfinder, zehn Prozent an die Regierung, und 55 Prozent werden dem Krankenhaus überwiesen. „Mit diesen Geldern finanzieren wir neue Forschungsvorhaben und treiben Innovationen voran“, sagt Zimlichman.

Ein digitalisiertes Gesundheitssystem

Ein wichtiger Faktor für den Erfolg von Sheba hat weniger mit dem Krankenhaus zu tun: Das Gesundheitssystem von Israel ist komplett digitalisiert. Seit 2004 sind medizinische Informationen auf Servern gespeichert und stehen Forschern aus der ganzen Welt als umfassende Analysebasis zur Verfügung. Dabei handelt es sich um anonymisierte Patientendaten.

Björn von Siemens nutzt das im Vergleich zu Europa freundlichere regulatorische Big -ata-Umfeld für Caresyntax. Die Plattform der Berliner Firma soll es Chirurgen ermöglichen, sich optimal auf die Operation einzelner Patienten und ihrer Besonderheiten vorzubereiten. Außerdem gibt sie den Ärzten eine Checkliste mit Verfahren vor, die sie abhaken müssen.

Kameras von Caresyntax verfolgen die Operation, die Software versorgt Chirurgen mit Echtzeitinformationen wie die Herzfrequenz. Die Idee: Durch maschinelles Lernen verbessert sich die Technologie und identifiziert Frühwarnzeichen, die Ärzten möglicherweise nicht bewusst sind. Die Algorithmen von Caresyntax arbeiten mit Daten von Sheba, die aber auf einem Server in Israel bleiben.

Die Zusammenarbeit der fünf Caresyntax-Angestellten vor Ort mit den Israelis beschreibt von Siemens als „exzellent“, seiner Meinung nach gehört die Sheba-Klinik ohne Frage zu den innovativsten der Welt. Im Vergleich zu Kliniken in der Schweiz und in Frankreich, mit denen er ebenfalls zusammenarbeite, sei bei den Sheba-Kollegen der Fokus auf der Kommerzialisierung stärker“, sagt von Siemens.

Corona-Test in Sekundenschnelle

Das Gelände von Sheba ist riesig, es ist eine Gesundheitsstadt. 159 Abteilungen und Kliniken verteilen sich auf knapp einen Quadratkilometer, mehr als eine Million Patienten werden hier pro Jahr behandelt.

In der Covid-19-Krise schaltete das Krankenhaus auf „Kampfmodus Covid-19“, sagt Forschungschef Zimlichman. Ärzte in der neu geschaffenen Coronavirus-Kommandozentrale kommunizierten mit Covid-Patienten, überwachten und berieten sie. Der Patient benötigte bloß ein Handy, eine App und eine Internetverbindung.

Aber nicht nur in der Behandlung gab es Innovationen. So wurde zum Beispiel ein neuer Typ von Beatmungsgeräten entwickelt, der innerhalb eines Monats von einem Team mit 150 Mitarbeitern produziert werden konnte. In kürzester Zeit gelang uns, was sonst Jahre gedauert hätte“, sagt Zimlichman.

Test am Flughafen Ben Gurion © Reuters

Entstanden ist auch ein Schnelltest für den Flugverkehr: Das Gerät, das auswertet, ob jemand mit dem Coronavirus infiziert ist, hat bereits die CE-Kennzeichnung erhalten. Das Ergebnis liege schon nach zehn Sekunden vor, und der Test koste lediglich einen Dollar. Zimlichman spricht von einem Meilenstein für Schnelltests“.

Die Testgenauigkeit sei mit 70 bis 80 Prozent zwar etwas geringer als bei Konkurrenzprodukten. Aber mithilfe von KI strebe man eine Erhöhung der Präzision an. „Die Pandemie hat die Notwendigkeit disruptiver Transformationen gezeigt und sie gleichzeitig beschleunigt“, sagt Zimlichman.

Lösungen im Weltall finden

Auf der Suche nach Lösungen für Gesundheitsprobleme auf der Erde gehen israelische Forscher demnächst ins Weltall.  ARC-Forscher bereiten acht Experimente vor, die sie im Februar 2022 dem Astronauten Eytan Stibbe mitgeben, wenn er in seiner Raumkapsel zur International Space Station fliegt.

Von den Experimenten erhofft sich der Leiter des frisch gegründeten Space Lab, Harel Baris, neue Erkenntnisse zur Behandlung alter Krankheiten. Im Gepäck Stibbes wird unter anderem ein Gerät sein, das während des Aufenthalts im All hochauflösende Scans der Netzhaut in bisher nicht gekannter Qualität liefern wird.

Einen Test hat Stibbe bereits absolviert. In Shebas Space Lab hat er neulich sein Blut untersuchen lassen, ohne dass er von einer Nadel gestochen wurde. Er hielt lediglich ein Gerät in der Hand, das die Blutgefäße in seiner Pupille mit Lichtwellen analysierte.

Die Neuheiten sind nicht nur für den wohl bald boomenden Weltall-Tourismus gedacht. Baris erhofft sich einen großen Nutzen für die irdische Medizin. Ohne sich in die Klinik zu bemühen, werde jeder in der Lage sein, sein Blut ohne großen Aufwand zu Hause zu untersuchen – indem er einfach sein Auge scannt.

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