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Wirtschaftsentwicklung
200 Milliarden Euro Schaden – Energie-Embargo würde Deutschland in Rezession treiben

Ein Lieferstopp russischer Energie hätte laut den führenden Instituten eine Schrumpfung der deutschen Wirtschaft zur Folge. Kann Deutschland das verkraften?

13.04.2022 | von Martin Greive, Stefan Menzel und Julian Olk

Abgesperrte Nord-Stream-2-Anladestation (Archivbild) © dpa

Berlin Es ist eine illustre Runde, die sich am Dienstagabend im Nato-Konferenzsaal des Bundeskanzleramts getroffen hat. Die Konzernchefs der größten Unternehmen waren dabei, ob Airbus, Allianz, BASF, Bosch, Siemens oder Mercedes, berichten Unternehmenskreise. Sie hatten einiges zu besprechen bei der Präsenzveranstaltung mit Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) und Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne).

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Wie ist die Lage in der Ukraine und in Russland, wie steht es um die beschlossenen Sanktionen, wie laufen die Gespräche mit den Verbündeten? Scholz dankte der deutschen Wirtschaft danach für ihre Unterstützung. Das wohl heikelste Gesprächsthema kam aber sicherlich auf, als es um die Frage ging, ob Deutschland und die EU ein komplettes Energieembargo gegen Russland verhängen sollten. „Die Unternehmen beschrieben bestehende Herausforderungen angesichts hoher Energiepreise, insbesondere für die energieintensive Industrie“, hieß es in einer Mitteilung der Bundesregierung.

Deutschland steht in diesem Punkt unter enormem inländischem wie internationalem Druck. Mehrere europäische Staaten und ein breites Bündnis aus Wissenschaftlern und Prominenten fordern ein Embargo, um auf den Angriffskrieg von Russlands Präsident Wladimir Putin zu reagieren und ihm den Geldhahn zuzudrehen. Die Bundesregierung sperrt sich gegen diesen Schritt aber vehement.

Deutschland ist abhängig von russischem Gas

Zwar trägt Berlin den bereits beschlossenen Importstopp für russische Kohle mit, auch einem Ölembargo ist man nicht vollkommen abgeneigt. Aber die große Abhängigkeit von russischem Gas sorgt dafür, dass die Regierung weiter gegen ein komplettes Embargo ankämpft. Mehr als die Hälfte des Erdgases in Deutschland kommt aus Russland. Ein Wegfall würde laut Scholz und seinem Kabinett zu enormen gesamtwirtschaftlichen Schäden führen. Vizekanzler Habeck sieht gar den sozialen Frieden als gefährdet an.

Doch Berechnungen der fünf führenden deutschen Wirtschaftsinstitute bringen die Bundesregierung nun noch weiter in Bedrängnis. In ihrer aktuellen gemeinsamen Konjunkturprognose haben die Ökonominnen und Ökonomen ermittelt, welche Folgen ein komplettes Embargo hätte.

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Das Ergebnis: Ein Lieferstopp würde die deutsche Volkswirtschaft schrumpfen lassen. „Die deutsche Wirtschaft dürfte in diesem Fall kommendes Jahr in eine scharfe Rezession geraten“, heißt in der gemeinsamen Konjunkturprognose für das Bundeswirtschaftsministerium, die dem Handelsblatt in Auszügen vorliegt.

Konjunktur: Bruttoinlandsprodukt würde um 2,2 Prozent sinken

Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) sinkt im Szenario eines sofortigen Embargos um 2,2 Prozent im Jahr 2023 – ein Schaden von 200 Milliarden Euro im Vergleich zum Szenario ohne Embargo. Am stärksten wäre der wirtschaftliche Einbruch demnach im zweiten Quartal 2023 mit einem Minus von fünf Prozent. Die Anzahl an Arbeitslosen würde im Vergleich zum Vorjahr um 418.000 Personen wachsen. Die Arbeitslosenquote würde seit Langem wieder die Marke von sechs Prozent erreichen, so die Prognose.

Binnenhafen © dpa

Die Gemeinschaftsdiagnose soll am Mittwoch offiziell vorgestellt werden. Erarbeitet wurde das Gutachten federführend vom RWI in Essen, vom DIW in Berlin, vom Ifo-Institut in München, vom IfW in Kiel und vom IWH in Halle.

Zwar prognostizieren die Forscherinnen und Forscher eine Rezession durch ein Embargo. Sie fällt mit rund zwei Prozent aber deutlich geringer aus, als manche bislang vermutet haben. Hinzu kommt: 2022 würde die Wirtschaft trotz Embargos laut Gemeinschaftsdiagnose noch wachsen, die Prognose für das BIP liegt für das laufende Jahr bei plus 1,9 Prozent. Mit 7,3 Prozent wäre die Inflationsrate zwar hoch. Sie würde 2023 immerhin auf fünf Prozent absinken, so die Schätzung.

Zudem würde die Teuerung dafür sorgen, dass die Schuldenquote – das Verhältnis von staatlichen Schulden zur Wirtschaftskraft – 2023 auf 63,3 Prozent sinkt, heißt es aus Regierungskreisen.

Zwar betonen Ökonominnen und Ökonomen dieser Tage immer wieder die eingeschränkte Aussagekraft ihrer Berechnungen für ein Gas-Embargo, weil es kaum Vergleichswerte für so eine Situation gibt. Auch die Autoren der Gemeinschaftsdiagnose machen deutlich, dass ihre Zahlen keine Handlungsempfehlung für die Politik sind. Doch die Schreckenswarnungen von Scholz, Habeck und den anderen Regierungsmitgliedern gingen eher von einem BIP-Minus von fünf Prozent oder noch mehr aus.

Im Wirtschaftsministerium bezieht man sich dabei vor allem auf die Analyse des gewerkschaftsnahen Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK). Das hatte berechnet: Wenn kein Gas mehr aus Russland käme und immerhin die Hälfte der entstehenden Lücke durch alternative Lieferanten geschlossen werden könnte, würde das BIP im laufenden Jahr um sechs Prozent geringer ausfallen – ein Schaden von 230 Milliarden Euro. Sollte weniger als die Hälfte der Versorgungslücke geschlossen werden, sei der Schaden so hoch, dass er nicht mehr zu berechnen wäre.

Kein Ende der Diskussion über die Zahlen in Sicht

Allerdings mehren sich inzwischen die Prognosen, die sich wie die Gemeinschaftsdiagnose in einer geringeren Größenordnung bewegen. Den Anfang hatte Anfang März die viel beachtete „Bachmann-Studie“ gemacht. Benannt ist sie nach Rüdiger Bachmann, einem deutschen Volkswirt, der an der katholischen US-Universität Notre Dame lehrt. Beteiligt waren außerdem Wissenschaftler wie Ifo-Forscherin Karen Pittel oder Benjamin Moll von der London School of Economics.

Bundesagentur für Arbeit © imago/Ralph Peters

Ein Lieferstopp von russischem Gas würde die deutsche Wirtschaftsleistung demnach um 0,5 bis drei Prozent dämpfen – ein „handhabbarer“ Einbruch, wie einige der Studienautoren sogleich verlautbaren ließen und seitdem anhand ihrer Studie keinen Zweifel hegen, dass die Bundesregierung unbedingt versuchen müsse, Putin mit einem Energieboykott zu stoppen.

Ausgerechnet am selben Tag veröffentlichte die nationale Akademie der Wissenschaften, die Leopoldina, eine Untersuchung zu einem Lieferstopp. Auch ihr Ergebnis lautete: Deutschland kann sich das Embargo erlauben. Kritiker werfen den Studienautoren Realitätsferne vor, weil zahlreiche Effekte fehlen würden, vor allem zusammenbrechende Lieferketten als Folge der fehlenden Energie aus Russland.

Berechnungen: Gas-Embargo für Deutschland verkraftbar

Erweiterte Berechnungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) und vom Bonner Ökonomen Christian Bayer auf Grundlage der Bachmann-Studie kommen allerdings auch bei einem Minus von drei Prozent für die Wirtschaftsleistung heraus. Und der Sachverständigenrat der Wirtschaftsweisen hatte am Ende seiner Berechnung, die vergangene Woche veröffentlicht wurde, ein Minus von zwei Prozent im Gutachten stehen.

In der Gemeinschaftsdiagnose haben die fünf Institute mögliche Gasengpässe für die Industrie mit einem eigenen Modell berechnet. „Auf der Nachfrageseite berücksichtigt die Analyse mögliche Einsparpotenziale und auf der Angebotsseite zusätzliche Liefermengen“, heißt es.

Die daraus entstandene Konjunkturprognose ist dennoch nicht das Ende der Diskussion. Die Aussagekraft der genannten Zahlen ist wie bei allen ökonomischen Berechnungen eingeschränkt. Eine Krise wie jene dieser Tage hat es noch nie gegeben, und angesichts der unterschiedlichen Ergebnisse muss es auch Modelle geben, die danebenliegen. Außerdem sind nicht nur die Folgen für Deutschland entscheidend, sondern auch, inwieweit ein Lieferstopp für Gas Putin in Bedrängnis bringt. Auch das ist unter den Ökonominnen und Ökonomen umstritten.

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