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Konjunktur
Ökonomen korrigieren Prognosen – Vier Gründe für das schwache Wachstum in Deutschland

Auch das IfW senkt die Konjunkturprognose. Damit kommt Deutschlands Wirtschaft überraschend langsam aus der Krise. Nur ein Forschungsinstitut ist optimistischer.

23.09.2021 | von Julian Olk

Hamburger Hafen © Imago Images

Berlin Nach der Rezession kommt der Aufschwung. Auf diese Weisheit konnte sich die deutsche Wirtschaft stets verlassen. Das gilt auch für die Coronakrise. Doch dieses Mal belasten Lieferengpässe und Konsumzurückhaltung die konjunkturelle Lage.

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Mit dem Institut für Weltwirtschaft (IfW) senkt am Donnerstag auch das letzte der fünf großen Wirtschaftsforschungsinstitute seine Konjunkturprognose. Die Kieler gehen für 2021 nur noch von einem Plus des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von 2,6 anstatt von 3,9 Prozent Wachstum aus. Das Ifo-Institut senkte seinen Ausblick am Mittwoch von 3,3 auf 2,5 Prozent.

Im Durchschnitt rechnen die fünf Institute in diesem Jahr mit einem Prozentpunkt weniger Wachstum als bislang angenommen. Eine Rückkehr auf das Vorkrisenniveau erwarten sie daher nicht in diesem Jahr, sondern erst zu Beginn von 2022.

Das Handelsblatt-Research-Institut (HRI) hat hingegen seine Prognose bestätigt. Schon im Juni hatte es die konjunkturellen Probleme stärker eingepreist und ein BIP-Wachstum von 2,7 Prozent bestätigt. „Der von manchen prognostizierte Post-Corona-Boom dürfte der vierten Pandemiewelle zum Opfer fallen“, heißt es in der HRI-Prognose.

Für den Pessimismus gibt es vier Gründe, bei denen sich inzwischen alle Institute einig sind. Nur bei der Wirkungsstärke gibt es einen Ausreißer.

1. Industrielle Spaltung wegen Lieferengpässen

Als Hauptgrund für die Probleme nennen alle Institute fehlende und teure Vorleistungen sowie Rohstoffe. Die Corona-Pandemie belastet nach wie vor die globalen Lieferketten. Gleichzeitig ist die Nachfrage nach Autos, elektronischen Geräten oder Verpackungsmaterial stark gestiegen. Hinzu kommen Strapazen wie Fabrikbrände oder die Schiffsblockade im Suezkanal. Die Auftragsbücher der Unternehmen sind zwar prall gefüllt, sie kommen mit der Produktion aber nicht hinterher.

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„Derzeit schrumpft die Produktion der Industrie als Folge von Lieferengpässen bei wichtigen Vorprodukten“, sagte Timo Wollmershäuser, Konjunkturchef am Ifo-Institut. Die Konjunktur sei gespalten. Die Auftragseingänge im verarbeitenden Gewerbe liegen auf einem Rekordhoch und 16 Prozent höher als vor der Krise. Die Produktion jedoch ist im gleichen Zeitraum um 1,5 Prozent zurückgegangen.

Wie lange die Probleme anhalten, weiß niemand. Doch insbesondere die Chipkrise, unter der die Automobilindustrie besonders leidet, wird so schnell nicht behoben sein. Dafür braucht es neue Kapazitäten. Die Unternehmen können Fabriken nicht innerhalb weniger Wochen aufbauen.

Der Großteil der Probleme dürfte aber nach und nach verschwinden – die Auguren rechnen zum Jahreswechsel oder spätestens im Frühjahr damit. Doch eine kurzfristige Besserung in diesem Jahr sehen sie nicht. IfW-Präsident Gabriel Felbermayr sagt: „Die Lücke zwischen Auftragseingängen und Industrieproduktion klafft immer weiter auseinander und nimmt gegenwärtig vor allem aufgrund fehlender Vorprodukte historisch nicht gekannte Dimensionen an.“

Doch nicht alle Prognostiker halten das für ein solch großes Problem. Das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) hat seine BIP-Prognose zwar auch nach unten korrigiert, allerdings um gerade einmal zwei Zehntel auf 3,5 Prozent. „Die Rückhaltung der Kollegen aufgrund der Lieferengpässe halten wir für übertrieben“, sagt RWI-Konjunkturchef Torsten Schmidt. Es handle sich vor allem um temporäre Effekte, die sich in den nächsten Monaten größtenteils abbauen dürften.

2. Das Exportgeschäft leidet

Die Lieferprobleme haben Auswirkungen in beide Richtungen. Während die deutschen Unternehmen manche Waren nicht herstellen können, werden sie andere nicht los. Denn das Exportgeschäft ist trotz Abflauen der Infektionszahlen in den Ländern der wichtigsten Handelspartner weiter beschränkt.

Nachdem im dritten Quartal des vergangenen Jahres das Auslandsgeschäft um 17,5 Prozent gestiegen und im Vorquartal ein Fünftel durch die Pandemie weggefallen war, wächst der Export jetzt nur langsam. Im zweiten Vierteljahr 2021 war es ein halbes Prozent. Insbesondere der Warenverkehr mit China ist weiter eingeschränkt.

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) rechnet nicht damit, dass es wieder zu Einbrüchen wie im vergangenen Winter kommt. „Das Infektionsgeschehen hat sich zuletzt global deutlich entschleunigt, sodass die Weltwirtschaft im dritten Quartal wieder auf Erholungskurs kommen dürfte“, sagt Geraldine Dany-Knedlik, die im DIW die Weltkonjunktur verantwortet. Der Export dürfte zulegen, ein starkes Anziehen ist dennoch nicht zu erwarten. Das Ifo-Institut beispielsweise geht weiter von Wachstumsraten im niedrigen einstelligen Prozentbereich aus.

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3. Kein Konsumfeuerwerk trotz Rekordersparnissen

Die Coronakrise hat nicht nur im Handel, sondern auch auf den Sparbüchern der Bürger für einen nie da gewesenen Effekt gesorgt. Weil der Einzelhandel geschlossen und Dienstleister ebenso vom Lockdown betroffen waren, wurden Ersparnisse angehäuft. 2020 lag die Sparquote – also der Anteil des Geldes, den die privaten Haushalte von ihrem verfügbaren Einkommen zurückgelegt haben – auf einem Rekordhoch von 16,1 Prozent. Das Kieler IfW schätzt, dass sich während der Pandemie eine Kaufkraft von 200 Milliarden Euro angestaut habe.

Der logische Effekt wäre: Die Geschäfte öffnen wieder und die Menschen geben massiv ihr Geld aus. Doch das ist nicht der Fall, zumindest nicht in der Form, wie gespart wurde. Die Entwicklung des privaten Konsums steigt laut den Prognosen der Institute nur moderat. Nach einem Wachstum von 3,2 Prozent im zweiten Quartal dieses Jahres rechnet zum Beispiel das IWH mit 3,7 Prozent im dritten und 1,3 Prozent im vierten Quartal.

Die Einschätzungen der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) bestätigen das. Die Konjunktur- und Einkommenserwartungen der Verbraucher seien zwar deutlich besser als im vergangenen Jahr. „Nur die Bereitschaft, größere Anschaffungen zu tätigen, hat bei den Verbrauchern im Vergleich zum Vorjahr abgenommen“, heißt es in der aktuellen GfK-Analyse. Die Forscher rechnen für das laufende Jahr mit stagnierenden privaten Konsumausgaben.

Für den Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) überwiegt dieser Effekt sogar die Lieferengpässe. Der Verband revidierte seine Prognose von 3,5 auf drei Prozent BIP-Wachstum. „Anlass für unsere Korrektur ist die erwartete Stagnation der privaten Konsumausgaben 2021“, sagte Hauptgeschäftsführer Joachim Lang.

Um diese Entwicklung nachvollziehen zu können, muss beim privaten Konsum zwischen zwei Bereichen unterschieden werden. Ifo-Experte Wollmershäuser erklärt, dass kontaktintensive Dienstleistungen wie Restaurantbesuche und der Gang zum Kosmetikstudio nun nachgeholt werden.

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Doch beim Warenkonsum sehe das anders aus. Wollmershäuser rechnet gar damit, dass „der temporär künstlich erhöhte Absatz von Waren wieder zurückgeht“. Der Grund: Zwar musste im vergangenen Jahr zeitweise auch der Einzelhandel schließen. Doch dafür war die Nachfrage bei Online-Shops umso größer. Und der starke Absatz von krisenbedingten Anschaffungen, etwa Computer und Zubehör für das Homeoffice, geht mit der abflauenden Krise auch wieder zurück.

4. Unsicherheit der Pandemie

Das Konsumverhalten hängt entscheidend davon ab, wie die Auguren die weitere Entwicklung der Corona-Pandemie einschätzen. Die Forscher sind sich einig: Ein weiteres Dichtmachen von Kleidungsgeschäften, Restaurants oder Kultureinrichtungen wird es nicht geben. Dany-Knedlik vom DIW sagt: „Wegen des wachsenden Impfschutzes der Bevölkerung wird die Wirtschaft im kommenden Winter voraussichtlich weit weniger belastet als zuvor.“

Doch steigende Infektionszahlen sind ein Unsicherheitsfaktor für die Vorhersagen. Gibt es einen Lockdown für Ungeimpfte? Welchen Effekt wird es haben, wenn es ab Mitte Oktober keine kostenlosen Bürgertests mehr geben wird? Und vor allem: Wie handeln die Menschen? Die Verhaltensforschung zeigt, dass ein Großteil ausbleibender Kunden in der Coronakrise nicht auf staatlich angeordnete Lockdowns zurückzuführen ist. Vielmehr haben die Leute sich entschieden, zu Hause zu bleiben, um sich nicht anzustecken. Es ist unklar, inwieweit sich diese Verhaltensweisen durch Beschwichtigungen der Politiker und Impfungen nun erledigen.

Bei dieser Frage zeigt sich eine bemerkenswerte Uneinigkeit zwischen den Instituten. Während vier der Institute kurzfristig weiter mit einer gewissen Zurückhaltung der Menschen rechnen, nimmt auch hier das RWI eine andere Entwicklung an. Erkenntlich wird das in der Entwicklungsprognose für den Bereich Handel, Verkehr und Gastgewerbe. Dabei handelt es sich neben dem verarbeitenden Gewerbe und den öffentlichen Dienstleistungen um einen der drei wichtigsten Sektoren der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung.

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Während die meisten anderen Institute bei Handel, Verkehr und Gastgewerbe nur mit leichten Zuwächsen rechnen, prognostiziert das RWI ein Plus von 5,3 Prozent im dritten Quartal und 3,2 Prozent im vierten Quartal. RWI-Konjunkturchef Schmidt erwartet: „Die Öffnungen werden jetzt voll sichtbar und der Konsum ordentlich steigen.“ Sein Kieler Pendant widerspricht. „Vorsichtsmaßnahmen zum Infektionsschutz bremsen nach wie vor den privaten Konsum“, sagt IfW-Konjunkturdirektor Stefan Kooths. So viel ist jetzt schon klar: Mindestens einer von beiden wird seine Voraussage revidieren müssen.

Guter Ausblick auf 2022

Einigkeit herrscht insoweit, dass das schwächere Wachstum im laufenden Jahr 2022 nachgeholt wird. „Für 2022 stehen die Chancen gut, dass die Wirtschaft ihren Weg in die Normalität wieder aufnimmt“, sagt Oliver Holtemöller, Vizepräsident des IWH. Allein sein Institut hat sich mit 3,6 Prozent BIP-Wachstum für 2022 nach unten korrigiert, allerdings nur leicht. Die anderen vier großen Institute haben ihre Erwartungen nach oben geschraubt – auf bis zu 5,1 Prozent Wachstum.

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