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Pandemie
Ökonomen: Wirtschaftliche Folgen sorgen für mehr Tote in Indien als Corona selbst

Nach strengen Lockdowns leidet das Land unter einer extremen Wirtschaftsflaute. Volkswirte haben nun berechnet, wie viele Leben dadurch verloren gehen.

21.08.2020 | von Mathias Peer

Untersuchung in einem Slum in Mumbai © dpa

Bangkok Verzweiflung über seine wirtschaftliche Situation trieb Ompal S. in den Tod. Die Angehörigen des 55 Jahre alten Zuckerrohrbauern berichten, dass dieser seine Ernte nicht loswurde, weil die lokale Zuckerfabrik den Rohstoff wegen eines Lockdowns nicht mehr annahm.

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Der fünffache Familienvater entschied sich deshalb für den Suizid – und löste in seiner Heimat, Indiens bevölkerungsreichstem Bundesstaat Uttar Pradesh, eine Protestwelle von Bauern aus, die sich angesichts der Coronakrise im Stich gelassen fühlten.

Die prominente Oppositionspolitikerin Priyanka Gandhi gab der Regierung indirekt eine Mitverantwortung an dem Tod: Sie warf den Behörden vor, die Probleme der Bauern zu ignorieren.

Der Vorfall zeigt, wie sehr die schwere Wirtschaftsflaute, die Indien als Folge der Coronakrise getroffen hat, das Land auch fernab der Virus-Hotspots erschüttert. Einnahmeausfälle und steigende Arbeitslosigkeit treiben Millionen Menschen unter die Armutsgrenze – mit schwerwiegenden Auswirkungen auf die Lebensmittel- und Gesundheitsversorgung.

Die Entwicklung ist aus Sicht von Ökonomen höchst gefährlich: Sie warnen davor, dass die wirtschaftlichen Folgen der Coronakrise zu mehr Toten führen könnten als die Infektion mit dem Sars-CoV-2-Virus.

Rund drei Millionen Infizierte

Offiziell hat Indien bisher drei Millionen Infektionsfälle und 55.000 Corona-Tote gemeldet. Ökonomen der State Bank of India, des größten Kreditinstituts des Landes, verweisen in einer neuen Untersuchung darauf, dass die wirtschaftlichen Opfer die Sterblichkeitsrate jedoch signifikant steigen lässt.

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Sie haben dafür berechnet, wie viele Menschen bei einem Rückgang der Wirtschaftsleistung um zehn Prozent zusätzlich sterben im Vergleich zu normalen Zeiten. Ihre Ergebnisse beschreiben sie in ihrem vor Kurzem veröffentlichten Report als besorgniserregend.

Für den Bundesstaat Maharashtra, in dem die Finanzmetropole Mumbai liegt und der einen besonders starken Covid-19-Ausbruch erlebte, gehen sie von aktuell 0,34 Covid-19-Toten pro 1000 Einwohner aus. Gleichzeitig käme es zu 1,28 zusätzlichen Toten aufgrund des Wirtschaftseinbruchs, heißt es in der Studie.

In ärmeren Bundesstaaten wie Uttar Pradesh fällt das Verhältnis laut den Ökonomen noch extremer aus: 0,16 Covid-19-Toten stünden hier statistisch gesehen 3,41 ökonomisch bedingten Todesopfern gegenüber – wieder jeweils pro 1000 Einwohner.

Vor wirtschaftlichen Todesopfern hatten bereits im Mai die Ökonomin Deepa Mani und ihr Kollege Shashwat Alok von der Indian School of Business die Regierung gewarnt: Sie schätzten, dass ein Rückgang der Wirtschaftsleistung um fünf Prozent in Indien zu 47.000 bis 62.000 zusätzlichen Toten führen würde. Ein 30-prozentiger Einbruch hätte nach ihrem Modell 330.000 bis 430.000 Tote zur Folge.

Grundlage ihrer Berechnungen ist das Absinken der Sterblichkeitsrate, das in Indien in den vergangenen Jahrzehnten bei wirtschaftlichem Wachstum zu beobachten war. In wirtschaftlich schlechten Zeiten treiben hingegen nicht nur ökonomisch motivierte Suizide die Sterblichkeit nach oben. Auch vermehrte Todesfälle durch Krankheiten wie Tuberkulose und eine erhöhte Kindersterblichkeit stehen in direktem Zusammenhang mit steigender Armut.

Mani und Alok sind sich bewusst über die Grenzen ihres Modells und die schwierige Vergleichbarkeit mit den Covid-19-Todesfällen. Sie verweisen dabei unter anderem auf die Dunkelziffer in den indischen Statistiken. Aus Sicht von unabhängigen Beobachtern könnte die Zahl der Menschen, die an dem Coronavirus gestorben sind, deutlich höher sein als offiziell gemeldet.

Das Grundargument der Ökonomen bleibt davon aber unberührt: In einem Aufsatz verweisen sie darauf, dass die Vorstellung, zuerst Menschen vor dem Covid-19-Tod zu bewahren und in einem zweiten Schritt die Wirtschaft zu retten, nicht funktioniere. Die Regierung müsse vielmehr die Pandemie und die wirtschaftliche Entwicklung gleichzeitig im Blick behalten, um so viele Leben wie möglich zu bewahren. „Wir brauchen einen datengetriebenen Ansatz, um Menschenleben und die Wirtschaft gleichzeitig zu schützen“, forderten sie.

Indien könnte bald Brasilien überholen

Doch derzeit scheint Indien beides nicht zu gelingen: Die Zahl der Covid-19-Infektionen nahm zuletzt pro Tag um rund 70.000 zu – das Virus breitet sich damit so schnell aus wie nirgendwo sonst auf der Welt. Ein Abflachen der Kurve ist derzeit nicht in Sicht.

Experten rechnen deshalb damit, dass Indien in Kürze Brasilien als das Land mit den zweitmeisten Fällen der Welt überholen könnte. Mittelfristig würde Indien auch an den USA vorbeiziehen, wenn der Trend anhält. Mehrere Minister im Kabinett von Regierungschef Narendra Modi sind bereits an Covid-19 erkrankt – darunter der einflussreiche Innenminister Amit Shah.

Eine Untersuchung von 15.000 Menschen auf Antikörper in der Hauptstadt Neu-Delhi legt nahe, dass dort bereits 30 Prozent der Bevölkerung mit dem Coronavirus infiziert waren. Die Pandemie ließ sich aber nicht auf die Großstädte beschränken. Mehr als die Hälfte der neuen Infektionsfälle wird inzwischen in ländlichen Gegenden gemeldet.

Gleichzeitig zeigen sich die wirtschaftlichen Schäden immer deutlicher, die unter anderem durch Indiens extrem strengen monatelangen Lockdown entstanden sind. Volkswirte gehen davon aus, dass das Bruttoinlandsprodukt in dem im Juni zu Ende gegangenen Quartal im Vergleich zum Vorjahr um rund 20 Prozent gesunken ist.

Die Ausgangsbeschränkungen, die Modi seinem Land verordnet hatte, schlugen in dem Zeitraum besonders zu Buche. Offizielle Zahlen der staatlichen Statistiker werden am 31. August erwartet.

Mit Blick auf das gesamte Finanzjahr, das in Indien im März endet, werden die Prognosen immer pessimistischer. Die Ökonomen der Bank Barclays hatten ursprünglich ein Minus von drei Prozent vorhergesagt. Nun gehen sie davon aus, dass die Wirtschaft des Landes um sechs Prozent schrumpfen wird.

Die Weltbank warnt davor, dass untere Einkommensschichten von der Entwicklung besonders stark betroffen sind: Sie führte in zehn indischen Bundesstaaten eine Umfrage unter in Armut lebenden Haushalten durch. Im Durchschnitt hätten diese während des Lockdowns 60 Prozent ihres Einkommens verloren, lautete das Ergebnis.

Indien sei es in den vergangenen Jahren zwar gelungen, die Zahl der in Armut lebenden Menschen stark zu verringern, heißt es in dem Bericht der Organisation. „Doch unsere vorübergehende Analyse zeigt, dass diese Erfolge infolge der Covid-19-Lockdowns zu verschwinden drohen.“

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