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Pandemie
Hunger, Armut, vernachlässigte Gesundheitsvorsorge: So schlimm sind die Kollateralschäden der Corona-Bekämpfung

Die Pandemie und die Gegenmaßnahmen haben laut UNO 150 Millionen Kinder zusätzlich in Armut gestürzt. Die Nebenwirkungen der Corona-Politik sind groß.

17.09.2020 | von Gregor Waschinski

Frau in Indonesien sucht auf Müllberg nach verwertbaren Dingen © dpa

Berlin Angesichts wieder steigender Infektionszahlen in vielen Ländern ist die Diskussion über die richtige Strategie zur Eindämmung des Coronavirus in vollem Gang. Schließlich sind die Nebenwirkungen einer Konzentration auf die Pandemiebekämpfung enorm.

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Der Virologe Hendrik Streeck etwa hatte dem Handelsblatt jüngst gesagt, dass mit „vielen zusätzlichen Aids- und Hunger-Toten“ auf der Welt zu rechnen sei,, weil wichtige Hilfsprogramme der Vereinten Nationen derzeit auf Eis lägen.

Die Pandemie und die Lockdown-Maßnahmen haben 150 Millionen Kinder zusätzlich in die Armut gestürzt – das ist das Ergebnis eines am Donnerstag veröffentlichten Berichts des UN-Kinderhilfswerks Unicef und der Hilfsorganisation Save the Children.

Unicef-Chefin Henrietta Fore sagte: „Familien, die gerade dabei waren, der Armut zu entkommen, sind wieder hineingezogen worden, während andere mit nie gesehenen Entbehrungen umgehen müssen.“

Auch andere UN-Organisationen machen seit Monaten auf die Kollateralschäden der in der Pandemie ergriffenen Maßnahmen aufmerksam. Fachleute des Welternährungsprogramms WFP rechneten im Juli vor, dass als Folge der Coronakrise bis zu 130 Millionen Menschen in diesem Jahr zusätzlich von Hunger bedroht sein könnten. „Lebensgrundlagen werden in einem noch nie da gewesenen Ausmaß zerstört“, so WFP-Chef David Beasley.

Der Microsoft-Gründer und Stifter Bill Gates sagte diese Woche im Interview mit dem Handelsblatt: „In Afrika erwarte ich deutlich mehr Tote durch die indirekten als durch die direkten Folgen von Covid-19. Es werden keine Masernimpfungen durchgeführt, keine Mückennetze mehr verteilt, HIV-Behandlungen bleiben aus, Medikamente werden nicht ausgegeben.“

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Frauen und Kinder stark betroffen

Anfang September warnten das UN-Entwicklungsprogramm UNDP und die UN-Frauenorganisation UN Women, dass sich die Armut von Frauen und Mädchen weltweit deutlich verschlimmern werde. Von 2019 bis 2021 werde die Armutsrate von Frauen weltweit um 9,1 Prozent steigen.

Der UN-Bevölkerungsfonds (UNFPA) schlug ebenfalls Alarm: Angesichts der heruntergeschraubten nationalen und internationalen Präventionsprogramme wegen der Pandemie sei davon auszugehen, dass bis 2030 zusätzlich rund zwei Millionen Mädchen eine Genitalverstümmelung erleiden würden. Außerdem geht die Organisation in diesem Zeitraum von 13 Millionen zusätzlichen Kinderehen aus.

In Deutschland sind nicht Hunger und Armut, aber medizinische Nebenwirkungen zu erwarten. Im Frühjahr schoben Krankenhäuser Operationen auf, um Intensivbetten für Covid-Patienten frei zu halten – die weitgehend ausblieben. Zudem verzichteten Patienten auf die Behandlung von akuten Beschwerden oder Früherkennungsuntersuchungen.

„Gerade in den ersten Monaten der Corona-Pandemie haben viele Menschen aus Angst vor einer Infektion ärztliche Hilfe zu spät oder gar nicht gesucht“, so Ärztepräsident Klaus Reinhardt.

Diese „Vermeidungseffekte“ lassen sich noch nicht klar beziffern, doch es gibt erste Anhaltspunkte. So verzeichneten die Notaufnahmen laut einer Studie der Helios-Kliniken einen Rückgang von Patienten mit Herzproblemen um rund 30 Prozent. Die Fälle, die in den Krankenhäusern aufschlugen, seien dann aber deutlich schwerwiegender gewesen.

Von der Kaufmännischen Krankenkasse (KKH) veröffentlichte Daten zeigen, dass die Krankschreibungen wegen psychischer Probleme sich bei den dort Versicherten im ersten Halbjahr 2020 um rund 80 Prozent erhöhten.

Die Deutsche Krebshilfe warnte allgemein vor den Folgen verschobener Krebsbehandlungen und anderer Versorgungsmaßnahmen. „In Kürze“ werde man dazu Zahlen vorlegen, hieß es auf Nachfrage bei der Organisation.

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