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Innovationen
Nach der Industrie jetzt die Wissenschaft – Deutschland geht auf Distanz zu China

Analog zu Unternehmen planen auch Hochschulen ein Decoupling von Forschungsgigant China. Dafür fordern sie die Hilfe der Politik – und eine abgestimmte Chinastrategie des Kabinetts.

24.06.2022 | von Barbara Gillmann und Dana Heide

Forschung aus China © imago images/ITAR-TASS

Berlin, Peking Alicia Hennig hat schlechte Erfahrungen mit dem chinesischen Forschungssystem: Als die deutsche Wirtschaftsethikerin mit einem chinesischen Kollegen an einem Aufsatz schrieb, machte der kurzerhand aus einem taiwanesischen Unternehmen ein chinesisches – ganz nach Pekings Propagandavorgabe, wonach Taiwan Teil der Volksrepublik ist. Dass das der große Rest der Welt, auch inklusive Deutschland, anders sieht, störte den chinesischen Kollegen nicht.

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Solche und ähnliche Fälle passieren deutschen und anderen ausländischen Wissenschaftlern, die mit China kooperieren oder dort forschen, häufig. Ihre Gastuniversitäten schreiben ihnen vor, was sie im Unterricht sagen und was sie in ihre Papiere schreiben dürfen. Wer sich öffentlich kritisch äußert, wird zurechtgewiesen.

Wissenschafts- oder Meinungsfreiheit existieren im autokratischen China nicht – auch nicht für ausländische Wissenschaftler.

Und davon gibt es viele. Nach Angaben der Bundesregierung gab es zuletzt fast 1400 Hochschulkooperationen mit China. 2020 arbeiteten gut 3700 chinesische Wissenschaftler in Deutschland – das war Platz drei hinter Italien und Indien.

Die wenigsten deutschen Forscher sprechen so offen wie Hennig. Doch Experten warnen schon seit Jahren vor zunehmender Ideologisierung der Forschung in der Volksrepublik. In China sind Forschungsinstitute de facto der Kommunistischen Partei (KP) unterstellt, ideologische Eingriffe daher Alltag.

Forschung für Chinas Militär

Besonders brisant: Alle Forschungsergebnisse stehen durch die enge Bindung der Forschung an den Staat potenziell auch dem Militär zur Verfügung. „Wir müssen davon ausgehen, dass jegliche Forschung, insbesondere in Wissenschaft und Technologie, die die Partei in ihr Militär oder andere spezifische Bereiche ihrer Wirtschaft einfließen lassen will, auch dort landet“, sagt Didi Kirsten Tatlow, Chinakennerin und Autorin eines Buchs zum Thema.

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Seit Ausbruch des Ukrainekriegs hat sich die Lage noch verschärft. Mit Russland wurden viele Forschungskooperationen auf Eis gelegt. Damit wird die Frage nach dem Umgang mit dem autokratischen China noch drängender.

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Konkrete Antworten für Wirtschaft und Forschung soll die neue Chinastrategie der Bundesregierung noch 2022 geben. „In sensiblen Bereichen müssen wir klare Grenzen ziehen“, sagte Bundesforschungsministerin Bettina Stark-Watzinger im Gespräch mit dem Handelsblatt. Das betreffe alle Dual-Use-Fälle, bei denen militärischer Nutzen nicht ausgeschlossen ist, und Künstliche Intelligenz, die China zur Überwachung seiner Bürger missbrauche. Aber eben auch „generell überall dort, wo wir China helfen würden, einen Vorteil im Systemwettbewerb zu erringen.“

Mit Blick auf die 19 von Peking ideologisch gelenkten Konfuzius-Institute in Deutschland empfiehlt die Liberale: „Wenn ich Uni-Präsidentin wäre, gäbe es bei mir kein Konfuzius-Institut.“ 

Präsident Xi: „Technologische Innovation ist das wichtigste Schlachtfeld“  

Es geht also nicht nur um den Ernstfall eines Kriegs zwischen China und Taiwan, bei dem wohl auch die USA militärisch involviert wären. Es geht auch um den Technologiewettbewerb. Und um die Frage, ob und wie sich die Wissenschaft – analog zur Wirtschaft – von China abkoppeln sollte. 

Die großen deutschen Forschungsinstitute schlagen bereits Alarm. „Angesichts zunehmend illiberaler Rahmenbedingungen im internationalen Kontext benötigen die DFG und die deutschen Wissenschaftsorganisationen eine systematischere Unterstützung“, sagte die Präsidentin der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), Katja Becker, dem Handelsblatt.

Nach dem Beispiel Frankreichs oder Großbritanniens fordert sie sogar diplomatischen Schutz für Vertreter deutscher Forschungsorganisationen in autokratischen Staaten. Der Bund müsse nun eine ressortübergreifende, kohärente Strategie für „Science Diplomacy“ liefern, meint Becker, die jährlich mit rund 3,3 Milliarden Euro Forschungsprojekte fördert.

Während Berlin noch über die künftige Zusammenarbeit mit China nachsinnt, strebt Staats- und Parteichef Xi Jinping an die Weltspitze: „Wissenschaftliche und technologische Innovation ist zum wichtigsten Schlachtfeld des internationalen strategischen Wettbewerbs geworden“, schrieb der allmächtige Führer in der Parteizeitung „Qiushi“.

„Der Wettbewerb um die Führungsposition in Wissenschaft und Technologie ist intensiver denn je“, so Xi. „Wir müssen uns ein starkes Gefühl der Aufmerksamkeit bewahren und uns ideologisch und fachlich voll vorbereiten“, forderte er die Wissenschaftler auf.

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Inwiefern China in Kooperationen etwa mit deutschen Wissenschaftlern gezielt Wissensklau betreibt, ist sehr schwer nachweisbar. Bislang kam es sehr selten vor, dass solche Fälle vor Gericht landeten. 

Für Aufsehen sorgte der Fall des US-Forschers Charles Lieber. 2021 wurde der Chemiker, Pionier der Nanotechnologie an der Harvard-Universität, für schuldig befunden, hohe Geldsummen von einer chinesischen Universität erhalten zu haben, ohne dies offenzulegen.

Der damalige US-Präsident Donald Trump hatte 2018 die „China Initiative“ gestartet, die Kooperationen chinesischer und amerikanischer Forscher in den USA unter besondere Beobachtung stellte. Kritiker warfen der US-Regierung jedoch vor, dabei rassistisch und exzessiv vorzugehen.

Beratungsstelle des DAAD stößt an ihre Grenzen 

In Deutschland gibt es bei der DFG, Hochschulen, der Leopoldina-Akademie und den Forschungsorganisationen schon länger interne Richtlinien zu China. Der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD), der den internationalen Austausch deutscher Wissenschaftler und Studenten fördert, hat eigens das Kompetenzzentrum Internationale Wissenschaftskooperationen (Kiwi) gegründet. Allein 2021 hat es rund 400 Anfragen von Hochschulen zu China erhalten.

„Das Interesse ist insbesondere bei kleineren Hochschulen sowie Fachhochschulen hoch, die noch wenig Erfahrung mit China haben“, sagt Kiwi-Leiterin Friederike Schröder. Dafür nutze das Kiwi vor allem den „China Defence Universities Tracker“ des Australian Strategic Policy Institute (Aspi), der teilweise bis auf Fakultätsebene eine Risikoeinschätzung abgibt, inwieweit chinesische Hochschulen mit der Volksarmee kooperieren, sowie Informationen des Stockholm International Peace Research Institute (Sipri), das Informationen zu „Dual Use“ und weltweiten Waffentransfers liefert. 

„Daneben geht es natürlich generell um sensible Technologien für den internationalen Wettbewerb“, sagt Schröder: „Hier versuchen wir, deutsche Hochschulen und Forschungseinrichtungen dafür zu sensibilisieren, welches Wissen sie mit einem Regime wie China teilen wollen. Das reicht von der IT über Maschinenbau bis hin zu Psychologie oder Soziologie.“ Und DAAD-Präsident Joybrato Mukherjee sagt: „Eigentlich müssten wir Kiwi ausbauen – oder bald Hochschulen abweisen.“

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Genützt haben all die Richtlinien und Beratungsstellen bisher offenbar nicht genug, wie kürzlich die Recherchen eines europäischen Journalistenverbunds um das Recherchenetzwerk „Correctiv“ zeigten: Danach haben mindestens 48 deutsche Hochschulen und Organisationen wie die Fraunhofer-Gemeinschaft mit militärischen oder militärnahen Einrichtungen in China kooperiert. Das ergab die Auswertung von 350.000 wissenschaftlichen Studien aus den letzten 22 Jahren. 

Experten vermuten, dass alle chinesischen Hochschulen mit KP und Militär in Verbindung stehen

Dabei geht es einmal um die National University of Defence Technology (Nudt), eine militärische Spitzenuniversität in China. Dazu kommen die sogenannten „Seven Sons of National Defense“, die laut dem Australian Strategic Policy Institute zivil erscheinen, aber eng mit Militär und Rüstungsindustrie verbunden sind. Letztendlich müsse man aber ohnehin davon ausgehen, dass „alle chinesischen Hochschulen direkt mit der KPCh und dem Militär in Verbindung stehen“, sagt etwa ein Sprecher der wirtschaftsnahen Exzellenzuniversität RWTH Aachen. 

Deutsche Wissenschaftler stecken dabei in einem Dilemma. Denn vielfach spielt die Forschung Chinas heute in der Weltklasse. Im aktuellen globalen Innovationsranking der World Intellectual Property Organization der UN belegt die Volksrepublik immerhin Platz zwölf. Damit „hat sich auch die Richtung des befürchteten Wissensabflusses geändert“, sagt der RWTH-Sprecher. Weltweit führend ist China etwa in der Elektromobilität oder der Batterieforschung, so der DAAD – entsprechend hoch ist der Mehrwert für die deutsche Seite. 

Dort, wo Wissensabfluss aus Deutschland droht, geschieht das oft aus Versehen. „Nicht wenige Personen, die an Universitäten oder Forschungsinstituten für die wissenschaftliche Zusammenarbeit zuständig sind, sprechen oder lesen kein Chinesisch“, sagt Chinaexpertin Tatlow. Sie fürchtet, dass diese nicht über die politischen Kenntnisse, die Erfahrung mit dem chinesischen System oder andere Qualitäten verfügen, die ihnen helfen zu erkennen, womit sie überhaupt konfrontiert werden.

„Deutschland muss, wie andere europäische Länder auch, eine Infrastruktur aufbauen, zum Beispiel Unternehmen oder Beratungsfirmen, die mit Experten besetzt sind – mit chinesischen Linguisten, die genau sagen können, worum es geht, die in der Lage sind, Institute, Ableger, Partner- oder Tochterinstitute, militärische Zugehörigkeiten und mehr aufzuspüren“, fordert Tatlow. Auch der DAAD fordert, die Hochschulen selbst entsprechend auszustatten. 

Ganz konkrete „rote Linien“, was in Kooperation mit China nicht mehr sein darf, wird jedoch auch die neue Chinastrategie nicht bringen. „Die Wissenschaft ist frei – und hat eine besondere Verantwortung“, sagt die Bundesforschungsministerin und verspricht lediglich „Leitplanken“. Man habe beim Einfrieren der Forschungskooperation mit Russland ja gesehen, dass „man jedes einzelne Projekt kritisch prüfen muss“. 

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