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Asien
Wie Vietnam zum Überraschungssieger im Kampf gegen Corona wurde

Das Schwellenland führt der Welt vor, wie sich Covid-19 eindämmen lässt: Vietnam liegt im Vergleich zu Ländern in Europa weit vorne – weil die Behörden viel früher reagierten.

22.04.2020 | von Mathias Peer

Ein Poster in Hanoi warnt vor dem Coronavirus © Reuters

Bangkok Es waren gerade einmal sechs Infektionsfälle in einem Dorf 40 Kilometer außerhalb von Vietnams Hauptstadt Hanoi. Für die lokalen Behörden reichte das aber aus, um einen radikalen Schritt zu gehen: Die 10.000-Einwohner-Gemeinde Son Loi wurde komplett abgeriegelt, für 20 Tage durfte niemand den Ort verlassen.

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Mit dieser Entscheidung vom 13. Februar war Vietnam das erste Land außerhalb Chinas, das angesichts der Coronavirus-Krise eine Massenquarantäne verhängte. Während man in deutschen Städten noch dicht aneinandergedrängt den Karneval feierte, hatte das Schwellenland in Südostasien bereits in den Krisenmodus geschaltet.

Die frühe Entschlossenheit macht sich für Vietnam nun bezahlt: Am Mittwoch meldeten die Gesundheitsbehörden des 100-Millionen-Einwohner-Landes den sechsten Tag in Folge keinen einzigen neuen Coronavirus-Fall.

Die Gesamtzahl der bestätigten Infektionen liegt bei 268. Todesfälle als Folge einer Covid-19-Erkrankung gab es bisher nicht. Damit gilt Vietnam unter Experten als einer der wenigen Lichtblicke im globalen Kampf gegen die Pandemie – und kann auch darauf hoffen, die Krise wirtschaftlich vergleichsweise gut zu verkraften.

Während großen Teilen Asiens ein Abrutschen in die Rezession droht, kann Vietnam aus Sicht von Ökonomen nach wie vor mit einem spürbaren Wirtschaftswachstum rechnen. Sowohl der Internationale Währungsfonds (IWF) als auch die Asiatische Entwicklungsbank (ADB) gehen in ihren im April veröffentlichten Jahresprognosen davon aus, dass das Land in diesem Jahr unter Südostasiens Volkswirtschaften das stärkste Wachstum erzielen wird.

Auch China und Indien, die den Wettkampf um den Titel als Asiens Wachstumsmotor lange unter sich austrugen, dürfte Vietnam hinter sich lassen: Zwar leidet das Exportland unter der globalen Nachfrageschwäche. Der IWF geht dennoch davon aus, dass die vietnamesische Wirtschaft in diesem Jahr um knapp drei Prozent zulegen wird. Die ADB stellt gar fast fünf Prozent in Aussicht.

Auch mit Blick auf die Viruseindämmung äußern sich internationale Beobachter optimistisch: Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) lobte Vietnams Regierung am Dienstag für ihren Umgang mit der Viruskrise. Auch die Disziplin der Bevölkerung bei der Umsetzung von Social-Distancing-Maßnahmen habe geholfen, sagte der zuständige WHO-Direktor Takeshi Kasai.

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Ungünstige Ausgangslage

Auf den ersten Blick wirkt Vietnams Erfolg fast zu gut, um wahr zu sein: Vor zwei Monaten, am 21. Februar, hatten sowohl Vietnam als auch Deutschland insgesamt jeweils 16 bestätigte Coronavirus-Fälle. In Deutschland ist die Gesamtzahl seither beinahe um den Faktor 10.000 gestiegen, in Vietnam lediglich um den Faktor 17.

Dabei war die Ausgangslage für Vietnam nicht gerade günstig: Das Land liegt in unmittelbarer Nachbarschaft zum ersten Virusepizentrum China, Chinesen machen auch ein Drittel der Touristen in Vietnam aus.

Gleichzeitig hat das Schwellenland mit einem Pro-Kopf-Einkommen von 2600 Dollar im Jahr deutlich weniger Ressourcen für sein Gesundheitssystem. Ist unter diesen Voraussetzungen den Erfolgszahlen, die das kommunistische Regime in Hanoi vermeldet, wirklich zu trauen?

John MacArthur, der die amerikanische Seuchenschutzbehörde CDC in Südostasien vertritt, holt für seine Antwort auf die Frage erst ein wenig aus: Er erklärt, wie eng er und seine Kollegen mit den lokalen Gesundheitsbehörden zusammenarbeiten, sie beraten, gemeinsam Infektionsketten verfolgen und Daten auswerten.

„Das ermöglicht uns, ein Gespür dafür zu bekommen, ob die Zahlen stimmen oder ob sie nur auf mangelnde Tests zurückzuführen sind“, sagte er vor wenigen Tagen in einem Pressebriefing und stellte dann seinen vietnamesischen Kollegen ein äußerst positives Zeugnis aus: „Wir haben zu diesem Zeitpunkt keinerlei Hinweise, dass diese Zahlen nicht stimmen würden.“

Insgesamt hat Vietnam nach offiziellen Angaben rund 200.000 Tests durchgeführt – mehr als jedes andere Land in Südostasien. Nach einem Virusausbruch in einem Dorf in der Nähe von Hanoi mit 13 Fällen testeten die Behörden im April mehr als 13.000 potenzielle Kontaktpersonen. Fast alle Tests wurden bereits ausgewertet, teilte das Gesundheitsministerium am Montag mit – und brachten bisher nur negative Ergebnisse.

„Politische Entschlossenheit auf höchster Ebene“

Insgesamt zeigte sich das sonst eher verschlossene Regime in Hanoi in der Coronavirus-Krise ungewohnt offen und transparent. Die Regierung veranstaltet tägliche Pressekonferenzen und veröffentlicht detaillierte Lageberichte.

Premierminister Nguyen Xuan Phuc rief die Bevölkerung mit Kriegsrhetorik zu einer „Frühjahrsoffensive“ gegen das Virus auf. „Es gab in Vietnam schon früh politische Entschlossenheit auf höchster Ebene“, sagt CDC-Experte MacArthur als Erklärung für Vietnams Erfolg bei der Eindämmung.

Bereits im Januar hatte Vietnam seine Grenze zu China dichtgemacht und die Schulen geschlossen. Anfang Februar, bei lediglich einer Handvoll Infektionen, rief die Regierung einen nationalen Epidemiefall aus. Später riegelte sich das Land komplett für Touristen ab.

Zehntausende vietnamesische Rückkehrer aus dem Ausland mussten unmittelbar nach ihrer Einreise in staatliche Quarantäne-Einrichtungen. Die Metropolen Hanoi und Ho-Chi-Minh-Stadt wurden trotz Vietnams vergleichsweise niedriger Fallzahlen unter einen Lockdown gestellt.

Im Vergleich zu anderen Erfolgsbeispielen in der Virusbekämpfung etwa in Taiwan oder Südkorea, wo die Regierung auf Massentests setzte, war Vietnams Vorgehen relativ günstig: „Vietnam hat einen budgetfreundlichen Ansatz gewählt, der sich als ebenso effektiv herausgestellt hat“, kommentierte die vietnamesische Sozialwissenschaftlerin Hong Kong Nguyen. „Der Erfolg des Landes bietet ein Vorbild, dem andere Entwicklungs- und Schwellenländer folgen sollten.“

Die Erfolge in der Virusbekämpfung bringt die Regierung in Hanoi nun auch in die Lage, sich international großzügig zeigen zu können: Anfang April spendete sie eine halbe Million medizinische Gesichtsmasken an Länder, die sie offenbar nötiger haben. Deutschland war eines der Empfänger-Länder.

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