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Gas-Umlage
Was Sie als Verbraucher zur Gasknappheit im Herbst wissen müssen

Sowohl der Gaspreis als auch die Sorgen über die Energiesicherheit in Deutschland steigen. Wie steht es aktuell um die Gasversorgung? Die wichtigsten Fragen und Antworten.

16.08.2022 | von Nils Buske

Gasverbrauch in Deutschland © dpa

Politik und Verbraucherzentralen warnen seit Wochen, dass den deutschen Gaskunden einiges bevorsteht. Während Russland die ursprüngliche Gasliefermenge nach Deutschland drastisch reduziert hat, treibt die Bundesregierung  alternative Lösungswege voran. Was bereits klar ist: Gasrechnungen werden sich erhöhen – sehr wahrscheinlich sogar vervielfachen. Wie das Bundeswirtschaftsministerium am Montag nun verkündete, ist auch die Höhe der Gas-Umlage beschlossen: 2,419 Cent pro Kilowattstunde mehr kommen ab dem 1. Oktober auf Haushaltskunden und Unternehmen zu. 

Verbraucher sind entsprechend verunsichert, worauf sie sich in den kommenden Monaten einstellen müssen. Wie hoch sind die Gas-Füllstände im Land? Was kostet die Kilowattstunde und wie schnell können die Preise noch galoppieren? Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick. 

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Wie hoch ist der Gaspreis aktuell?

Kurze Verträge abschließen, um bald einen günstigeren zu bekommen - das galt unter Verbrauchern lange als gute Strategie. Bei Erdgas wurde so etwas zuletzt aber böse bestraft, denn die Teuerung nahm rasant zu: Bis August schnellten die Durchschnittspreise für Haushalte um rund 184 Prozent nach oben, wie das Vergleichsportal Verivox mitteilt. Kostete Gas für eine Nutzenergie von 20.000 Kilowattstunden im August 2021 noch 1258 Euro, sind es im August 2022 schon 3568 Euro. Umgerechnet kostet eine Kilowattstunde Gas aktuell knapp 18 Cent.

Wie viel Gas verbraucht man im Monat?

Der Gasverbrauch eines Haushaltes hängt in erster Linie von der Wohnfläche ab. In Deutschland gibt es Mittelwerte, die zur groben Orientierung dienen. Dabei lässt sich der Gasverbrauch sowohl in Kilowattstunden (kWh) als auch in Kubikmetern (m³) messen. Eine Faustregel besagt: Mehrfamilienhäuser verbrauchen durchschnittlich 140 kWh / 14 m³ Gas pro Quadratmeter im Jahr für Heizung und Warmwasser. Der durchschnittliche Gasverbrauch eines Einfamilienhauses wird auf ca. 160 kWh / 16 m³ pro Quadratmeter Wohnfläche im Jahr geschätzt.

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Exemplarisch bedeutet das: Eine 80 Quadratmeter große Wohnung in einem Mehrfamilienhaus verbraucht im durchschnitt 12.800 kWh Gas pro Jahr. Bei einem derzeitigen Gaspreis von rund 18 Cent resultiert daraus eine Gasrechnung von etwa 2.304 Euro.

Wie hoch ist aktuell der Füllstand der Gasspeicher in Deutschland?

Den Daten der Bundesnetzagentur zufolge liegt der Gesamtspeicherstand in Deutschland derzeit bei 74,39 Prozent (Stand: 12. August 2022). Der Füllstand des Speichers Rehden, dem größten deutschen Speicher, beträgt 52,28 Prozent.

Eine neue Verordnung sieht vor, dass die deutschen Speicher am 1. September zu mindestens 75 Prozent gefüllt sein müssen. Am 1. Oktober sollen es mindestens 85 Prozent und am 1. November mindestens 95 Prozent sein. 

Deutschland besitzt nach den USA, der Ukraine und Russland die viertgrößten Speicherkapazitäten weltweit. In den deutschen Speichern lassen sich 23 Milliarden Kubikmeter Erdgas lagern.

Wird Gas Ende 2022 wieder günstiger? Wie könnte es weitergehen mit dem Gaspreis?

Fakt ist: Die Gaspreise steigen aufgrund hoher Nachfrage und geringerem Angebot bereits seit Herbst 2021 kontinuierlich – und das Ende des Anstiegs ist wohl noch nicht erreicht. Für den August und September kündigten laut Verivox 52 örtliche Gas-Grundversorger Preiserhöhungen um durchschnittlich 50 Prozent an. „Sollten die Gaslieferungen weiter gedrosselt werden oder sogar ganz wegfallen, ist sogar eine Verdreifachung realistisch”, hieß es. 

Strom würde dann ebenso noch einmal teurer. Check24 spricht für die beiden nächsten Monate von insgesamt 98 bekannten Fällen mit Gastarif-Erhöhungen in einer Größenordnung von jeweils über 51 und 57 Prozent - etwa eine Million Haushalte seien davon betroffen. Sicher ist also, dass eine weitere Verknappung die Energiepreise zusätzlich antreiben dürfte. Das Ausmaß hängt von den tatsächlichen Liefereinschränkungen ab. Eine Entspannung der Situation ist nicht in Sicht. Auch der Präsident der Bundesnetzagentur, Klaus Müller, warnte, dass sich die Gaspreise für Verbraucher ab 2023 nochmal verdreifachen könnten.

Der Kölner Energieversorger Rheinenergie hat bereits angekündigt, dass die Erdgaspreise für Kunden des Unternehmens um mehr als 116 Prozent gestiegen sind. „Wir haben auf der Gaseinkaufsseite Mehraufwendungen von über 700 Millionen Euro“, rechtfertigt Rheinenergie-Vertriebsvorstand Achim Südmeier die Entscheidung im Podcast Handelsblatt Green. Man sei gezwungen, diese jetzt an seine Kunden weiterzugeben, die Lage sei „sehr angespannt“. 

Warum wird Gas für Endverbraucher so teuer?

Angesichts des Ukraine-Kriegs hat sich der internationalen Rohstoffgroßhandel dramatisch entwickelt. Über die Pipeline Nord Stream 1 erreichen Deutschland aktuell lediglich 20 Prozent der vereinbarten Menge. Nicht-russisches Gas, das Länder und Konzerne sich kurzfristig noch beschaffen können, ist oft nur gegen deutliche Aufschläge zu haben. Viele Großeinkäufer müssen die erhöhten Preise dann an die Versorger und diese dann an die Endkunden weitergeben. Mehr als 20 Millionen Haushalte in Deutschland heizen mit Gas.

Zusätzlich dazu wird ab dem 1. Oktober noch eine Gas-Umlage für höhere Kosten sorgen. Damit will die Bundesregierung Gas-Importeuren wie Uniper angesichts der hohen Kosten unter die Arme greifen. So können Gashändler trotz bestehender Verträge mit Industrie und Haushalten per Gesetz den Großteil ihrer Mehrkosten weiterreichen. Geplant ist, dass Importeure 90 Prozent der höheren Beschaffungskosten über die Umlage an Unternehmen und Verbraucher weitergeben können. 

Am Montag verkündete das Bundeswirtschaftsministerium die Höhe der Gas-Umlage: 2,419 Cent pro Kilowattstunde mehr kommen ab dem 1. Oktober auf Haushaltskunden und Unternehmen zu. 

Bin ich mit einem langfristigen, recht günstigen Gas-Vertrag abgesichert?

Nein. Auch Verbraucher, die länger laufende Verträge haben, müssen sich auf Extra-Kosten einrichten. Der Preisanstieg wird derzeit noch etwas abgebremst, weil Gasimporteure wie Uniper die Mehrbelastungen nicht an ihre Bestandskunden weiterreichen dürfen. Das ändert sich mit der Gas-Umlage. 

Was wären die Folgen für die Speicher und die Gasversorgung im Winter, wenn Putin den Gashahn komplett zudreht?

Präzise abschätzen lässt sich das nicht. Fest steht allerdings: Sollte überhaupt kein Gas durch Nord Stream 1 und über andere Wege fließen, würde sich die Gasknappheit auch mit Blick auf die kalte Jahreszeit nochmals verschärfen. Schon vor Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine waren die Speicherstände niedriger als in den Vorjahren. Die Bundesregierung hatte ein Gasembargo im Frühjahr abgelehnt. 

Eine Neuauflage der viel zitierten Bachmann-Studie zeigt jedoch: Gelinge es der Bundesrepublik zwischen heute und April 2023 weitere 25 Prozent im Vergleich zu den Vorjahren einzusparen – das entspreche 210 Terawattstunden – könne Deutschland den Winter ohne russisches Gas bewältigen. Die Studienautoren sehen die Einsparpotentiale vor allem in der Stromerzeugung sowie bei Haushalten, zum Beispiel wird eine Absenkung der Raumtemperaturen um bis zu 2,5 Grad Celsius diskutiert. 

Was sind die Lieferalternativen zu russischem Gas?

Weitere wichtige Gas-Quellen sind für die Bundesrepublik Norwegen mit gut 20 Prozent und die Niederlande mit etwa 11 Prozent. Tempo kommt jetzt auch ins Thema LNG. Das unter hohem Druck tiefgekühlte, per Schiff transportierte verflüssigte Erdgas bezieht Deutschland bisher vor allem aus den USA. Erste Import-Terminals sollen nun möglichst schon rund um den Jahreswechsel in Wilhelmshaven und Brunsbüttel starten, weitere Anlandestellen folgen. Die Förderung eigenen deutschen Gases kann bestenfalls fünf Prozent des heimischen Verbrauchs decken. Es gibt aber Pläne, in der Nordsee ein neues Feld anzuzapfen.

Wie kann ich Gas als Verbraucher sparen? 

Ramona Pop vom Bundesverband der Verbraucherzentralen berichtet, dass „zunehmend Menschen mit Sorgen, Existenznöten und Verzweiflung” zur Beratung kämen. „Schockartige Preissteigerungen” müssten verhindert werden, echte Entlastungen seien nötig, sagte sie in Richtung Bund. Verbraucherinnen und Verbraucher sollten nun „Energie sparen, sparen, sparen und - falls finanziell möglich - vorsichtshalber Rücklagen für Nachzahlungen bilden”. Das gelingt mitunter über reduziertes Heizen sowie kältere und kürze Duschzeiten. Zudem könne etwa der Kauf von Spar-Duschköpfen helfen. Reduzieren Verbraucher zugleich ihren Stromverbrauch, tragen sie indirekt dazu bei, dass in Gaskraftwerken weniger Gas zur Stromerzeugung eingesetzt werden muss.

Mit Agenturmaterial. 

Erstveröffentlichung: 20. Juli 2022, 15:36 Uhr

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