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Untersuchungsausschuss in Berlin
KPMG-Manager belastet Wirecard – und indirekt auch EY

Forensikexperte Geschonneck erhebt schwere Vorwürfe gegen den Zahlungsdienstleister – und rückt dessen Abschlussprüfer in ein schlechtes Licht.

26.11.2020| Update: 26.11.2020 - 22:49 Uhr | von Bert Fröndhoff

Alexander Geschonneck © KPMG

Berlin Vor dem Wirecard-Untersuchungssauschuss hat der Sondergutachter KPMG das Management des insolventen Zahlungsdienstleisters erneut schwer belastet – und indirekt auch die Abschlussprüfer von EY. Man habe zu keinem Zeitpunkt ausreichende Prüfungsbelege für wichtige Sachverhalte von dem Unternehmen und seinem Abschlussprüfer EY bekommen, sagte der KPMG-Partner Alexander Geschonneck auf der Sitzung des Untersuchungssauschusses in Berlin.

KPMG hat von November 2019 bis April 2020 ein Sondergutachten über die Bilanzen von Wirecard erstellt und schwere Versäumnisse und Fehler im Rechnungswesen des Unternehmens festgestellt. Geschonneck leitete diese Untersuchung und unterstrich am Donnerstag in Berlin, bei dem Sondergutachten von Wirecard massiv behindert worden zu sein. Der Manager leitet als Partner den Bereich Compliance & Forensic bei KPMG, also die Aufdeckung krimineller Wirtschaftshandlungen.

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Die fehlenden Nachweise betreffen vor allem die Existenz der Treuhandkonten in Asien. Dort sollten angeblich 1,9 Milliarden Euro Guthaben von Wirecard liegen, sie entpuppten sich aber im Juni dieses Jahres als Luftbuchung. Der Kern der Vorwürfe gegen den Wirecard-Abschlussprüfer EY lautet, die Existenz dieser Konten nicht tief genug geprüft zu haben.

Geschonneck betonte, dass nach den Standards von KPMG keine ausreichenden Nachweise für das Guthaben auf diesen Konten vorgelegt worden seien. In der Bilanz 2019 von Wirecard geht es um ein Treuhandkonto auf den Philippinen, dessen Guthaben nicht existierte. Für dieses Geschäftsjahr hat EY auch das Bilanztestat verweigert.

Pikant aber ist: Für die Wirecard-Bilanz 2018 hat EY ein uneingeschränktes Testat ausgestellt. In diesem Geschäftsjahr unterhielt Wirecard ein Treuhandkonto in Singapur, auf dem ebenfalls hohe Beträge gelegen haben sollen. Geschonneck sagte vor dem Untersuchungsausschuss, auch für dieses Konto sei KPMG von keiner Seite ein ausreichender Nachweis vorgelegt worden – nicht vom Unternehmen und auch nicht vom Abschlussprüfer.

Druck auf EY erhöht sich weiter

Später präzisierte er diese Aussage noch: Die Aussage über das Fehlen ausreichender Nachweise über Wirecard-Konten gelte für die Jahre 2016 bis 2018 – also alles Jahre, in denen EY ein uneingeschränktes Testat erteilt hat.

Dies ließ die Ausschussvertreter aufhorchen: Sie wollten wissen, ob KPMG bei der Prüfung der Treuhandkonten anders gearbeitet hätte als EY, wenn man selbst damals Abschlussprüfer gewesen wäre. Auf diese hypothetische Frage antwortete Geschonneck: „Über die Prüfungshandlungen von EY müssen Sie diese Gesellschaft fragen. Wir haben in der Sonderuntersuchung nichts weiter gemacht, als einfach nach den bei uns geltenden Standards vorzugehen – mit dem Ergebnis, dass keine ausreichenden Nachweise vorliegen.“

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EY war bisher zugutegehalten worden, dass ein Sondergutachter durch die ihm zur Verfügung stehenden Ermittlungsmethoden tiefgehender vorgehen kann, als dies einem Abschlussprüfer möglich ist. Geschonneck aber verneinte vor dem Ausschuss, beim Prüfen der Konten in Asien forensisch, also anders als ein Abschlussprüfer, vorgegangen zu sein. „Wir haben mit Methoden gearbeitet, mit denen jeder Abschlussprüfer sonst auch arbeitet.“

In einer Videokonferenz mit EY am 23. April hätten sich KPMG und EY dazu ausgetauscht – also etwa zur Fertigstellung des Sonderberichts. „Wir haben dargelegt, was wir an Nachweisen haben wollen, und der Abschlussprüfer hat dargelegt, was er hat. Uns hat das für unseren Bericht nicht gereicht“, berichtete Geschonneck.

Ergebnis des Gesprächs sei gewesen, dass der damalige Aufsichtsratschef von Wirecard eine erneute Prüfung der Kontennachweise veranlasste. Mitte Juni dann gestand Wirecard ein, dass das Guthaben auf dem Konto in Manila nicht existiert.

Mit dieser denkwürdigen Aussage erhöht sich der Druck auf EY in der Causa Wirecard weiter. Denn auch von anderer Seite droht dem Unternehmen Ungemach: In einem Schreiben an die Generalstaatsanwaltschaft Berlin erhebt die Wirtschaftsprüferaufsicht Apas nun Vorwürfe gegen die Bilanzkontrolleure, wie das Handelsblatt exklusiv berichtete. Demnach soll es Hinweise auf Straftaten der bei Wirecard beteiligten Akteure von EY geben. EY wies dies als haltlos zurück.

„Für den Abschlussprüfer EY sind die Aussagen von Herrn Geschonnek über fehlende Nachweise von zentralen Kundenbeziehungen, Umsätzen und Kontonachweisen ein desaströses Zeugnis“, sagte Daniel Bayaz, Obmann der Grünen-Bundestagsfraktion im Untersuchungsausschuss.

EY-Mitarbeiter schweigen

Der Abschlussprüfer sieht sich zahlreichen Klagen von Anlegern ausgesetzt, bei denen es um Milliardenbeträge geht. Zwar haftet EY gegenüber Wirecard nur in Höhe der festgeschriebenen vier Millionen Euro. Doch wenn den Prüfern der Gesellschaft Vorsatz und Straftaten nachgewiesen werden, fällt nicht nur diese Grenze.

Dann ergibt sich für die Anleger-Klägeranwälte ein aussichtsreicher Weg zu Schadensersatzforderungen wegen sittenwidriger Schädigung. Es würden massive Zahlungen im Raum stehen. Das ist der Grund, warum EY sich öffentlich mit jeder weiterführenden Aussage zurückhält, die möglicherweise justiziabel sein wird.

Am Abend traten die vom U-Ausschuss geladenen EY-Prüfer noch an. Sie hatten bereits vorab erklärt, von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch zu machen. Grund: Zwei der vier geladenen EY-Mitarbeiter sehen sich aktuell nicht wirksam von ihrer gesetzlich verankerten Verschwiegenheitspflicht entbunden.

Christian Orth, bei EY für die Qualitätssicherung verantwortlich, unterstrich seine Bereitschaft: „Glauben Sie mir, ich möchte aussagen. Aber ich werde und kann das nur bei Rechtssicherheit tun.“ Der Insolvenzverwalter von Wirecard hat die EY-Prüfer von der Verschwiegenheitspflicht befreit.

Allerdings bezweifeln die Anwälte der vor den Untersuchungsausschuss geladenen EY-Mitarbeiter, ob dies ausreicht. Denn Gerichte haben in ähnlichen Fällen diese Frage sehr unterschiedlich bewertet. Für die Aussage der EY-Prüfer bedarf es einer BGH-Entscheidung, die nun wohl angestrebt wird.

Orth referierte in seinem Eingangsstatement über die Prinzipien und Grenzen der Abschlussprüfung und erläuterte dies am Beispiel eines fiktiven „Computerladens“ – womit er unzweifelhaft auf Wirecard anspielte. Er beschrieb auch die Problematik bei der Prüfung von Treuhandkonten, bei denen der Mandant keine Geschäftsbeziehungen zum Geldinstitut hat.

„Ein unwürdiges Schauspiel“

Doch jede konkrete Frage zu Fall Wirecard wies Orth zurück. Auch Stefan Heissner, Forensik-Chef von EY, berief sich auf die Verschwiegenheitspflicht. Mitglieder des Untersuchungsausschusses nannten das Vorgehen der EY-Prüfer eine „Verweigerungshaltung“, die sie nicht durchgehen lassen wollen. Der CSU-Finanzexperte Hans Michelbach nannte den Auftritt der Prüfer „ein unwürdiges Schauspiel mit einer fadenscheinigen Begründung“.

Gegen die beiden aktuellen und früheren EY-Mitarbeiter, die für die Abschlussprüfung bei Wirecard verantwortlich waren, ermittelt die Apas, sie müssen sich also vor dem Ausschuss nicht selbst belasten. Sie werden auch nicht nach einem entsprechenden BGH-Entscheid über die Verschwiegenheitspflicht aussagen müssen.

KPMG-Partner Geschonneck ist kein ausgebildeter Wirtschaftsprüfer, er sah sich nach Rücksprache mit seinem Anwalt nicht an die Verschwiegenheitspflicht gebunden. Insofern gehörte ihm am Donnerstag im Sitzungssaal allein die Bühne.

Die Ausschussmitglieder befragten ihn auch ausgiebig zum Wirecard-Management und dem Umgang mit dem Sonderprüfungsbericht. Der Wirecard-Vorstand hatte den Bericht laut Geschonneck bereits am 22. April vorgelegt bekommen, eine Ad-hoc-Mitteilung dazu gab es aber erst sechs Tage später. Wirecard teilte mit, es seien keine Belege für Bilanzmanipulation gefunden worden.

„Diese Mitteilung entsprach überhaupt nicht unserer Sicht auf die Dinge“, erklärte Geschonneck dazu in Berlin. „Unser Bericht hat ein deutliches Bild gezeichnet und sprach für sich.“

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