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Tierseuche
Afrikanische Schweinepest erreicht Deutschland

Ein in Brandenburg aufgefundenes totes Tier ist laut amtlichen Analysen mit dem Virus infiziert gewesen. Bei den Schweinebauern wächst die Sorge vor den wirtschaftlichen Auswirkungen.

10.09.2020| Update: 10.09.2020 - 08:28 Uhr | von Silke Kersting

Schutzzäune gegen Afrikanische Schweinepest © dpa

Berlin Die für Haus- und Wildschweine hochansteckende und meist tödliche Afrikanische Schweinepest (ASP) hat Deutschland erreicht. Ein in Brandenburg unweit der Grenze zu Polen aufgefundenes totes Wildschwein ist mit dem Virus infiziert gewesen, bestätigte am Donnerstag Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU).

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Am Mittwochabend hatte ihr Ministerium bereits bekanntgegeben, dass es in Brandenburg einen amtlichen Verdachtsfall gebe. Der Kadaver des Wildschweins war wenige Kilometer von der deutsch-polnischen Grenze entfernt im Landkreis Spree-Neiße gefunden worden.

Für Menschen gilt die Tierseuche als ungefährlich. „Schweinefleisch kann weiter bedenkenlos verzehrt werden“, sagte der Präsident des Deutschen Bauernverbands, Joachim Rukwied. Für Schweine ist die Seuche jedoch fast immer tödlich.

Noch ist nicht klar, ob es sich um einen Einzelfall handelt oder sich die Seuche bereits ausgebreitet hat. „Es kommt jetzt darauf an, das infizierte Gebiet so bald wie möglich zu begrenzen, um eine Weiterverbreitung der Seuche zu verhindern“, sagte Thomas Christoph Mettenleiter, Präsident des Friedrich-Loeffler-Instituts (FLI), das als nationales Referenzlabor Verdachtsfälle abklärt und auch Proben des Kadavers in der Nacht zu Donnerstag untersucht hat.

Vorläufig laufen nun in zwei Landkreisen in Brandenburg Krisenmaßnahmen an. In einem Radius von 15 Kilometern wird ein Gefahrengebiet eingerichtet, das bis nach Polen reicht. In dem Gebiet gibt es auch Schweinehalter. Der Abstand zu einem größeren Betrieb beträgt nach Angaben der brandenburgischen Landesregierung etwa sieben Kilometer.

Seit 2007 breitet sich der Erreger, aus Afrika kommend, in Europa aus und bedroht Millionen Haus- und Wildschweine. In Polen grassierte die Seuche schon länger. Bereits Ende 2019 sprach das Friedrich-Loeffler-Institut von einem hohen Risiko, dass die Schweinepest durch migrierende, das heißt wandernde Wildschweine von Polen auch nach Deutschland gelangen könnte.

Als Ursache für die Verbreitung in Europa gilt auch das Wegwerfen von Speiseabfällen, die den Erreger enthalten. Selbst über Blut an Stiefeln kann sich der hochresistente Erreger ausbreiten. Deswegen galten in den vergangenen Jahren bereits verschärfte Hygieneregeln etwa bei der Jagd von Wildschweinen. Eine Impfung gegen das Virus gibt es bislang nicht.

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Sorge vor Exportstopp nach Asien

Die wirtschaftlichen Folgen sind abhängig davon, inwieweit die Märkte geöffnet bleiben und ob und wie sich der Erreger ausbreitet. Doch bei den Schweinehaltern mehren sich die Sorgen. Der Deutsche Bauernverband (DBV) wies bereits im vergangenen Jahr darauf hin, dass ein Ausbruch in Deutschland dazu führen würde, dass Schweinefleischerzeugnisse nicht mehr in Drittländer, also in Länder außerhalb der EU, exportiert werden dürften. China und andere asiatische Länder verhängen in der Regel Importverbote für Fleisch aus Regionen, in denen die Schweinepest festgestellt wurde.

Genau das könnte jetzt eintreten: „Es droht eine Umsatzeinbuße, die einen dreistelligen Millionenbetrag pro Monat erreichen könnte“, sagte Udo Hemmerling, Vize-Generalsekretär des DBV, dem Handelsblatt. Agrarministerin Klöckner warnte vor voreiligen Schlussfolgerungen. Man sei mit China im Gespräch, so die CDU-Politikerin.

Für Deutschland wären Restriktionen beim Export ein schwerer Schlag: Das Land ist nach den USA zweitgrößter Schweinefleischexporteur der Welt. Der Exportanteil ist zwischen 1996 und 2018 von sieben auf 45 Prozent gestiegen. Nach Asien werden vor allem Teile vom Schwein geliefert, an denen deutschen Verbrauchern wenig liegt: Ohren, Pfötchen, Innereien. Würde deutsches Fleisch für Asien gesperrt werden, müssten andere Absatzkanäle erschlossen werden, sagte Matthias Quaing von der Interessensgemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands (ISN). „Das würde dann im Inland mit Sicherheit zu Preisdruck führen.“ Immerhin: Da das Virus für den Menschen ungefährlich ist, geht er aktuell nicht davon aus, dass sich das Kaufverhalten in Deutschland ändert.

Innerhalb Europas wird mit weit weniger Auswirkungen gerechnet als im Verhältnis zu Drittländern: „Der Handel innerhalb der EU kann weitgehend aufrechterhalten werden“, sagte Agrarministerin Klöckner. Der Handel werde nur in dem Gebiet eingeschränkt, das zum Restriktionsgebiet erklärt werde.

Erhöhte Wachsamkeit seit Jahren

Um ein Einschleppen der Tierseuche zu verhindern, hatte bei den deutschen Behörden bereits seit Jahren erhöhte Wachsamkeit geherrscht. Vorbereitet wurden auch rechtliche und organisatorische Regeln und Schutzvorkehrungen für den Fall eines Ausbruchs. „Wir haben uns in den vergangenen Monaten intensiv auf den möglichen Ernstfall vorbereitet“, sagte der agrarpolitische Sprecher der CSU im Bundestag, Artur Auernhammer. Jetzt müssten Schweinebestände konsequent gegenüber Wildschweinen abgesichert werden.
 Der Bauernverband forderte Politik und Behörden auf, die Vorsorge zu verstärken und alles daranzusetzen, die Seuche aus Deutschland zu verdrängen. Dazu gehöre die Bejagung von Schwarzwild und ein stabiler Zaun, sagte DBV-Präsident Rukwied. „Wir brauchen zwingend eine wildschweinfreie Zone an der polnischen Grenze.“

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