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Energiekrise
Netzagentur schlägt Alarm: Private Haushalte und Gewerbe verbrauchen mehr statt weniger Gas

Der Gasverbrauch von Haushalten und Gewerbe lag in der vergangenen Woche um 14,5 Prozent höher als in den Vorjahren. Netzagentur-Präsident Klaus Müller nennt die Zahlen „sehr ernüchternd“.

29.09.2022 | von Klaus Stratmann

Klaus Müller © dpa

Berlin Die Sparappelle der Politik haben bislang noch nicht die erhoffte Wirkung erzielt: Nach Angaben der Bundesnetzagentur lag der Gasverbrauch von Haushalten und Gewerbe in der letzten Woche, in der die Temperaturen spürbar gesunken sind, „deutlich über dem durchschnittlichen Verbrauch der Vorjahre“. Die Zahlen seien „sehr ernüchternd“, sagte Klaus Müller, Präsident der Bundesnetzagentur, am Donnerstag.

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„Ohne erhebliche Einsparungen auch im privaten Bereich wird es schwer, eine Gasmangellage im Winter zu vermeiden“, sagte Müller. Einsparungen seien auch bei weiter sinkenden Temperaturen nötig, ergänzte er.

Deutschland könne angesichts der gut gefüllten Speicher gut über den Winter kommen, sagte Müller weiter. Dazu müssten aber drei Voraussetzungen erfüllt sein. „Erstens müssen die angestoßenen Projekte zur Erhöhung der Gasimporte realisiert werden. Zweitens muss die Gasversorgung in unseren Nachbarländern ebenfalls stabil bleiben. Und drittens muss Gas eingespart werden, auch wenn es zum Winter hin noch kälter wird“, sagte Müller. Dabei komme es auf jeden Einzelnen an.

Bundesnetzagentur: Gasverbrauch liegt über Vorjahreswerten

Der Füllstand der Speicher beträgt aktuell 91,5 Prozent. Dieser Wert liegt über den durchschnittlichen Vorjahreswerten. Allerdings ist die Versorgungslage auch wesentlich angespannter, weil kaum noch Gas aus Russland kommt.

Die deutschen Gasimporteure bemühen sich mit Unterstützung der Politik darum, mehr verflüssigtes Erdgas (Liquefied Natural Gas, kurz LNG) zu beschaffen, um wenigstens einen kleinen Teil der Mengen zu ersetzen, die Russland nicht mehr liefert. Zugleich wird in Deutschland eine LNG-Importinfrastruktur aufgebaut.

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Deutschland kann LNG mangels eigener Terminals bislang nur über Terminals in Ländern wie Belgien oder den Niederlanden importieren. Das soll sich kurzfristig ändern. Die ersten beiden mobilen LNG-Terminals – sogenannte Floating Storage and Regasification Units (FSRU) – könnten in Deutschland noch im bevorstehenden Winter in Betrieb gehen.

Bundesnetzagentur fordert Reduzierung des Gasverbrauchs um 20 Prozent

Nach Angaben der Bundesnetzagentur bewegte sich der Gasverbrauch von Haushalten und Gewerbe bis Mitte September zum Teil deutlich unter den durchschnittlichen Verbräuchen der Vorjahre. In der vergangenen Woche jedoch lag er mit 483 Gigawattstunden (GWh) um 14,5 Prozent über dem durchschnittlichen Wert von 422 GWh der Jahre 2018 bis 2021.

Laut Bundesnetzagentur war die Woche allerdings deutlich kälter als die Vergleichswoche der Vorjahre. Die Regulierungsbehörde betont aber, die erforderlichen Einsparerfolge müssten unabhängig von den Temperaturen erzielt werden.

Die Bundesnetzagentur geht im Moment davon aus, dass zur Vermeidung einer Gasmangellage ein Rückgang des Verbrauchs um mindestens 20 Prozent erforderlich ist. Das entspricht der Einsparvorgabe der EU.

Angesichts der von Russland künstlich verursachten Gasknappheit hatten sich die EU-Staaten verpflichtet, ihren Gasverbrauch ab August um mindestens 15 Prozent zu verringern. Als Referenz dient der Durchschnittsverbrauch der letzten fünf Jahre. Deutschland, das über die letzten Jahre besonders abhängig von russischem Gas war, muss seinen Gasverbrauch demnach sogar um 20 Prozent senken.

Private Verbraucher tragen bisher wenig zum sinkenden Gasverbrauch bei

Die Bundesregierung hatte noch im August zwei Verordnungen auf den Weg gebracht, die dabei helfen sollen, den Gasverbrauch zu reduzieren. Sie umfassen beispielsweise eine Temperaturhöchstgrenze von 19 Grad in öffentlichen Gebäuden sowie die Pflicht zur jährlichen Überprüfung von Heizungsanlagen.

Die privaten Haushalte und kleineren Gewerbekunden sind in Deutschland für rund 40 Prozent des Gasverbrauchs verantwortlich. Die privaten Verbraucher trugen bisher wenig zum sinkenden Gasverbrauch bei. Das liegt jedoch daran, dass Gas hier vorwiegend zum Heizen verwendet wird. Wie viel Gas tatsächlich eingespart wird, wird sich daher erst in der gerade beginnenden Heizperiode zeigen.

Die großen Industriekunden benötigen rund 60 Prozent des Gases. Der Verbrauch dieser großen Verbraucher sank im August um 22 Prozent und lag nach Angaben der Netzagentur auch in der letzten Woche mit 1170 GWh deutlich unter dem durchschnittlichen Verbrauch der Vorjahre von 1679 GWh.

In Kernbereichen der Industrie, insbesondere in energieintensiven Branchen, dürfte der Rückgang nach Branchenangaben noch deutlich stärker sein. Hier ist es wegen der hohen Gaspreise bereits zu Werksstilllegungen gekommen.

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