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Energie
Wofür Erdgas in Deutschland gebraucht wird

Fast kein anderes Land ist so abhängig von russischem Gas wie Deutschland. Auch weil hierzulande noch sehr viel Gas verbraucht wird. Aber wofür eigentlich?

08.03.2022 | von Silke Kersting und Kathrin Witsch

Erdgas © REUTERS

Berlin, Düsseldorf Wenn Moskau mit einem Erdgas-Lieferstopp droht, ist das vor allem für Deutschland ein Problem: Mehr als die Hälfte des Gasverbrauchs hierzulande wird mit Importen aus Russland gedeckt. Diese Energieabhängigkeit ist auch kurzfristig nicht zu ändern. 

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Für den kommenden Winter ist die Versorgung erst einmal gesichert. Schließlich hat Deutschland die größten Erdgasspeicher Europas. Aber Deutschland verbraucht auch das meiste Gas von allen europäischen Mitgliedstaaten – und zwar nicht nur fürs Heizen. Hier sind Antworten auf die wichtigsten Fragen zum Gasverbrauch in Deutschland. 

Wofür wird Erdgas in Deutschland benötigt?
Erdgas wird in Deutschland vor allem für die Bereitstellung von Wärme und Warmwasser verwendet. Wer über die Energiewende spricht, redet meist über Strom oder den Verkehr. Dabei macht die Wärme- und Kälteerzeugung knapp die Hälfte der in Deutschland verbrauchten Energie aus. 

Gas ist hierzulande der meistgenutzte Energieträger, wenn es ums Heizen geht. Laut einer Auswertung des Branchenverbands BDEW wird noch rund die Hälfte aller Wohnungen in Deutschland mit Gas beheizt. Ein Viertel aller Wohnungen heizt mit Öl.

Der Gebäudesektor ist einer der größten Energieverbraucher. Etwa 75 Prozent der Wohngebäude hierzulande sind mit einer Öl- oder Gasheizung ausgestattet, rund ein Drittel der klimaschädlichen Treibhausgase in Deutschland lässt sich dem Gebäudesektor zuordnen. Laut Umweltbundesamt stammen bislang erst 15,6 Prozent der Energie im Bereich Wärme aus erneuerbaren Energien.

Erdgas kommt aber auch für die Stromerzeugung und als Kraftstoff für den Verkehr zum Einsatz.

Wofür dient Erdgas in der Industrie?

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Die Industrie verbraucht nach dem Verkehr am meisten Energie. 31 Prozent der von der Industrie verwendeten Energie ist Erdgas. Es ist damit der wichtigste Rohstoff für die Industrie, zum Beispiel für die Erzeugung von Kunststoff, Düngemitteln oder Klebstoffen. Fast 70 Prozent der verbrauchten Industrie-Energie werden für die Erzeugung der sogenannten Prozesswärme verbraucht. Diese kommt überwiegend aus fossilen Quellen. 

Felddüngung © imago images/Westend61

Erdgas wird dabei meist für spezialisierte Prozesse eingesetzt, etwa zum Schmelzen, Glühen, Härten, Verformen, Trocknen und Einbrennen. Es kommt in den unterschiedlichsten Branchen zur Verwendung wie der Metall-, Zement-, Glas-, Keramik-, Lebensmittel- und Textilindustrie oder in Trocknungsanlagen und Spritzwerken.

Wie viel Strom wird aus Erdgas gewonnen?

2021 wurden in Deutschland aus Erdgas knapp 90 Milliarden Kilowattstunden (KWh) Strom gewonnen. Zum Vergleich: Aus erneuerbarer Energie wurden 2021 rund 230 Milliarden KWh elektrische Energie bereitgestellt, 117 Milliarden davon aus Windkraft. Strom aus Erdgas spielt also eine geringere Rolle. Allerdings gilt das als wesentliche Möglichkeit zum Ausgleich der Schwankungen der erneuerbaren Energiequellen.

Ist Erdgas umweltfreundlich?

Erdgas gehört wie Öl und Kohle zu den fossilen Energieträgern, verursacht aber weniger CO2-Emissionen. Erdgas gilt deswegen als unverzichtbar für den Weg zur Klimaneutralität 2045.

Wäre eine kurzfristige Umstellung der Heizungsanlagen möglich?

Gibt es deutsche Erdgasquellen?

Ja, vor allem in Niedersachsen. Derzeit werden aus heimischer Erdgasproduktion 5,2 Prozent des Gasverbrauchs abgedeckt. 2001 hatte die deutsche Erdgasförderung noch 21 Prozent der Nachfrage im Land entsprochen.

Dabei könnte die Erdgasversorgung aus heimischer Förderung für einige Jahre sogar um zehn bis 20 Prozent gesteigert werden, erklärte der Verband für Erdgas, Erdöl und Geoenergie (BVEG) vor Kurzem. Nötig sei allerdings die gesellschaftliche, politische und behördliche Unterstützung, die derzeit aber fehlt.

Welche Folgen hätte ein Wegfall von russischem Gas?

Ein Ausfall von Gaslieferungen, der nicht vollständig kompensiert werden könnte, hätte aller Voraussicht nach Versorgungseinschränkungen bei Industriebetrieben zur Folge. „Wenn es hart auf hart kommt, sind Rationierungen möglicherweise nicht zu vermeiden“, sagte jüngst Klimaökonom Ottmar Edenhofer. „Aber die Heizungen in privaten Haushalten werden in Betrieb bleiben. Dagegen werden Anwender in der Industrie Einschränkungen in Kauf nehmen müssen.“

Wo soll Erdgas in Zukunft herkommen? 

Mehr als die Hälfte des Gases bezieht die Bundesrepublik aus Russland. Die andere Hälfte kommt im Wesentlichen aus Norwegen und den Niederlanden. Seit Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine sucht die Politik unter hohem Druck nach Wegen, Deutschland aus der Abhängigkeit zu befreien. 

Weil sich die Niederlande perspektivisch aus der Erdgasförderung verabschieden und Norwegen am Rande seiner Kapazitäten ist, setzt Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) auf verflüssigtes Erdgas aus den USA, Katar und anderen Exportnationen.

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