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Hygienekonzept
Umweltbundesamt empfiehlt mobile Luftfilter für Schulen – mit Einschränkungen

Der Streit über mobile Luftfilter in Schulen eskaliert. Die Länder wollen die Geräte nicht zahlen und verweisen auf die angebliche Skepsis des Umweltbundesamtes. Doch die Behörde widerspricht.

07.07.2021 | von Barbara Gillmann

Luftfilter im Klassenraum © dpa

Berlin Im Zuge der sich ausbreitenden Delta-Variante des Coronavirus nimmt der Streit um Luftfilter in Schulen an Schärfe zu. Sie sollen Viren absaugen und so Schüler und Lehrer schützen, sind aber bisher kaum verbreitet. Der Bund fördert lediglich fest installierte Anlagen. Die Lücken könnten mobile Luftfilter schließen, empfehlen Virologen – zumindest dort, wo generell nicht richtig gelüftet werden kann oder winterliche Temperaturen dies nicht zulassen.

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Viele Bundesländer und Kommunen lehnen die Finanzierung solcher mobiler Luftfilter für Klassenzimmer bisher jedoch ab. Zur Begründung verweisen sie auf eine entsprechende Empfehlung des Umweltbundesamtes (UBA) vom Februar dieses Jahres, wonach mobile Filter „nur als Ergänzung“ sinnvoll seien.

Das Amt jedoch stellt nun klar: „Natürlich helfen mobile Luftfilter gegen Viren – wenn es sich um geprüfte Geräte handelt und sie richtig im Klassenraum aufgestellt sind“, sagte Heinz-Jörn Moriske, Geschäftsführer der Innenraumlufthygiene-Kommission des UBA, dem Handelsblatt. „Das Aufstellen und Einrichten sollte aber von Fachleuten gemacht werden. Es ergibt keinen Sinn, wenn Eltern ungeprüfte Geräte im Baumarkt kaufen und willkürlich im Raum verteilen.“

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Mobile Luftreiniger hätten den Nachteil, dass sie zwar Viren herausfiltern oder mit UV-Licht deaktivieren, aber weder Kohlendioxid noch Schimmel oder Feuchtigkeit entfernen, stellt Moriske klar. „Das heißt, sie verbessern nicht die allgemeine Luftqualität und wären nach der Pandemie im Prinzip überflüssig beziehungsweise erst in einer nächsten Pandemie wieder von Nutzen.“ So ähnlich hatte das Amt dies auch in den früheren Empfehlungen formuliert. In Kürze soll eine neue Stellungnahme zu mobilen Filtern veröffentlicht werden.

Besser als mobile Filter seien stationäre Luftreinigungsanlagen, die die Luft austauschen und sowohl Viren abtransportieren als auch Frischluft zuführen. „Diese können in kurzer Zeit, etwa in den Sommerferien, eingebaut werden“, sagte Moriske. Und sie hätten den Vorteil, dass sie auch nach der Pandemie dauerhaft die Luftqualität in den Klassenräumen verbesserten.

Homeschooling nach den Sommerferien vermeiden

Mit Blick auf den Schulbeginn nach den Sommerferien und die grassierende Delta-Variante hatten zuletzt Schüler, Eltern und Lehrer vehement Luftfilter für die Klassenzimmer gefordert. Auch die Kanzlerkandidatin der Grünen, Annalena Baerbock, fordert massive Investitionen, um sämtliche Schulen in Deutschland gegen Corona zu wappnen: „Es muss eine Luftfilteranlage für jeden Klassenraum in diesem Land zur Verfügung gestellt werden.“

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Bayern will tausende Klassenzimmer mit Luftfiltergeräten ausstatten

Das koste Geld, aber „ich nehme nicht hin, dass wir wieder in eine Situation geraten, wo ein Teil der Kinder von zu Hause aus lernen muss, nur weil keine Vorsorge geleistet wurde“. Manche Kinder hätten so sehr unter der Situation gelitten, dass sie das ABC verlernt oder psychische Folgen davongetragen hätten.

Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte diese Woche im CDU-Bundesvorstand angemahnt, die Länder müssten für einen sicheren Schulanfang nach den Sommerferien sorgen, es dürfe nicht erneut zu Schließungen kommen. Sie verwies dabei explizit auf das Förderprogramm des Bundeswirtschaftsministeriums für Lüftungsanlagen. 

Dieses Programm förderte bis vor Kurzem allerdings nur die „Um- und Aufrüstung“ vorhandener stationärer Anlagen. Solche gibt es aber nach UBA-Angaben bisher in lediglich zehn Prozent der Schulen. Daher finanziert Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) seit wenigen Wochen im Rahmen des Programms „Corona-gerechte stationäre raumlufttechnische Anlagen“ nun auch Neuinstallationen.

Doch bis sich dies in der Fläche bemerkbar macht, dürfte es dauern. Bis 1. Juli waren laut Bundeswirtschaftsministerium gerade einmal 176 Anträge für den Neueinbau eingegangen, bisher wurden 84 Zusagen mit einem Volumen von rund 21 Millionen Euro verschickt. 

Für die schneller realisierbare Alternative, die mobilen Luftfilter, müssen weiterhin die Länder aufkommen, die mehrheitlich allerdings wenig geneigt sind, dafür eigene Programme aufzulegen, wie eine Handelsblatt-Umfrage gezeigt hatte. Auch der Präsident des Deutschen Städtetages, Burkhard Jung, sieht keine Notwendigkeit für den Einbau solcher Luftfilter, sagte er im ZDF. 

In zehn bis 25 Prozent aller Klassenräume kann nicht richtig gelüftet werden

UBA-Direktor Moriske jedoch fordert schnelle Lösungen: „Es ist Eile geboten, denn in zehn bis 25 Prozent aller Klassenräume kann nicht richtig gelüftet werden.“ Das hätten Untersuchungen in Rheinland-Pfalz und Berlin gezeigt.

In den übrigen Räumen könne zwar auch im nächsten Winter durch regelmäßiges Stoßlüften die Virenlast massiv reduziert werden. „Wenn Kommunen oder Schulen jedoch entscheiden, bei großer Kälte nur in den Pausen zu lüften, geht es auch nicht ohne zusätzliche Luftreinigung.“

Einige Länder handeln: So hat Hamburgs Schulsenator Ties Rabe (SPD)  zugesagt, dass alle Schulen bis zum Ferienende mobile Geräte bekommen sollen. Und in Berlin wurden gut 7000 Geräte angeschafft und größtenteils auch schon an die Schulen ausgeliefert.

Doch selbst wenn massenhaft Filter angeschafft und eingebaut werden, sind Masken nicht überflüssig, warnt Moriske: „Masken sind auch dann nötig, wenn mobile oder stationäre Anlagen vorhanden sind – denn selbst diese schützen nicht vor Ansteckung von Kindern, die direkt nebeneinander sitzen.“



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