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Morning Briefing
Aufgeregt: Das fatale Gerede vom Handelskrieg 

Europa und die USA streiten über Subventionen für US-Unternehmen. Frankreichs Wirtschaftsminister Bruno Le Maire fordert im Handelsblatt-Interview eine koordinierte Antwort.

07.11.2022 | von Christian Rickens

Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

das Wort „Handelskrieg“ mutet martialisch an, wenn man bedenkt, dass vor unserer Haustür ein echter Krieg tobt. Beim aktuellen Streit zwischen Europäern und den USA geht es „nur“ um angeblich unfaire Subventionen für US-Unternehmen. Doch das merkt man den Wortmeldungen aus der Politik nicht an. „Wir sind mit den Amerikanern im Gespräch, dass wir jetzt nicht in eine Art Handelskrieg einsteigen“, hatte Wirtschaftsminister Robert Habeck am Donnerstag in Berlin gesagt.

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Nun bedient sich der französische Finanz- und Wirtschaftsminister ähnlich scharfer Rhetorik. Im Interview mit dem Handelsblatt und drei weiteren europäischen Zeitungen sagt Bruno Le Maire: „Ich fordere eine koordinierte, vereinte und starke Antwort gegenüber unseren amerikanischen Verbündeten.“

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Hintergrund des Streits ist der Mitte August von US-Präsident Joe Biden unterzeichnete „Inflation Reduction Act“ (IRA). Mit 400 Milliarden Dollar unterstützt die US-Regierung die heimische Industrie im Bereich klimaneutrale Technologien – darunter auch Batterie-Technik.

Käufer erhalten die maximale Förderung in den USA nur, wenn das Auto im Land zusammengebaut wurde. © Reuters

Es ist vor allem ein Passus im IRA, der Europas Autolobby auf die Zinne bringt: Die US-Regierung will die Abhängigkeit von China verringern, indem Elektroautos nur noch dann mit maximal 7500 Dollar Steuernachlass gefördert werden, wenn sie in den USA zusammengebaut wurden. Auch die Batterien müssen demnach überwiegend in den USA gefertigt worden sein. EU-Hersteller fürchten Nachteile auf dem amerikanischen Markt. Die europäische Seite drängt darauf, dass auch Elektrofahrzeuge aus der EU von den Steuervorteilen in den USA profitieren. Europa müsse ähnlich behandelt werden wie die amerikanischen Nachbarn Mexiko und Kanada, so das Ziel.

Le Maire fordert nun einen Gegenschlag der für Außenhandelsfragen zuständigen EU-Kommission: etwa neue Regeln bei den Einfuhren aus den USA, die strikter die europäischen Interessen beim Umweltschutz durchsetzen. Auch eine Klage bei der Welthandelsorganisation (WTO) schließt der Minister nicht aus.

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Immerhin reden beide Seiten miteinander: Ein erstes Treffen einer gemeinsamen „US-EU-Taskforce zum Inflationsbekämpfungsgesetz“ fand am Freitag statt, weitere Termine sollen im Wochentakt folgen. Clemens Fuest, Chef des Wirtschaftsforschungsinstituts ifo, mahnt zur Gelassenheit: „Der IRA hat protektionistische Elemente, die für die EU nicht akzeptabel sind. Man sollte deswegen allerdings weder gleich einen Handelskrieg beginnen noch in einen Subventionswettlauf einsteigen.“

Vorschlag: In einem ersten Schritt sprechen alle Beteiligten nur noch von einem Handelsstreit – und sparen sich das Wort „Krieg“ für das auf, was in der Ukraine geschieht.

Die Weltklimakonferenz der Vereinten Nationen (COP27) findet vom 6. November bis 18. November 2022 im ägyptischen Badeort Scharm el-Scheich statt. © dpa

Immerhin zeigt der IRA, dass die USA endlich loslegen mit Investitionen in klimaschonende Technologien. Nach vier Jahren Totalausfall unter Donald Trump sind die USA mit US-Präsident Joe Biden „wieder ein ernst zu nehmender Partner in der internationalen Klimadiplomatie“, analysiert meine Kollegin Silke Kersting.

Heute Nachmittag wird Bundeskanzler Olaf Scholz seine Rede auf der Weltklimakonferenz im ägyptischen Scharm el-Scheich halten. Zu bejubeln gibt es wenig. Die bisherigen Zusagen der Staaten in Sachen Klimaschutz bleiben weit hinter dem zurück, was nötig wäre, um die Erderwärmung auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen. Auf dieses Ziel hat sich die Weltgemeinschaft geeinigt. Doch aktuell nimmt sie eher Kurs auf eine Erwärmung von 2,5 Grad. Das zeigen Zahlen des Umweltprogramms der Vereinten Nationen.

Wie unterschiedlich man diese Zahlen indes interpretieren kann, zeigen zwei Zitate vom Wochenende. „Die Menschheit steuert auf einen Abgrund zu“, sagte Bundesaußenministerin Annalena Baerbock (Grüne). „Mit verheerenden Auswirkungen auf dem einzigen Planeten, den wir haben.“

Achim Steiner, UN-Diplomat und langjähriger Leiter des Umweltprogramms der Vereinten Nationen sagt hingegen im Handelsblatt-Interview: „Ich bin eher optimistisch als pessimistisch: Weltweit stammten 2021 mehr als 81 Prozent des neu ans Netz gebrachten Stroms aus erneuerbaren Quellen.“

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Vielen Umweltaktivisten gilt der globale Flugverkehr als der Wladimir Putin der Klimapolitik: durch und durch böse und Schuld an allem Übel. Natürlich sollte sich jeder Reisende fragen, wieviel CO2 er durch das Fliegen seinem persönlichen Klima-Fußabdruck hinzufügen möchte. Doch um die Dinge ins Verhältnis zu setzen, lohnt es, sich eine Studie der britischen Universität Lancaster in Erinnerung zu rufen: Demnach war die IT- und Telekommunikationsbranche mit ihren wachsenden Netzen und Serverparks schon 2019 für 2,8 Prozent der globalen fossilen Treibhausgasemissionen verantwortlich. Der Flugverkehr brachte es auf lediglich 1,7 Prozent.

Tatsächlich lässt sich beim Datenverkehr viel tun, um den CO2-Ausstoß zu reduzieren, wie die Handelsblatt-Technologie-Reporter Philipp Alvares und Christof Kerkmann recherchiert haben. So sind Kupferkabel auch unter Klimaaspekten aus der Zeit gefallen: Moderne Glasfasernetze bieten nicht nur höhere Geschwindigkeiten, sie benötigen Experten zufolge zudem nur rund zehn Prozent der Energie je übertragenes Gigabyte.

Sie ist die teuerste Aktie der Welt, und doch halten sie Analysten derzeit für unterbewertet. 432.000 Dollar kostet ein Anteilsschein der Klasse A von Berkshire Hathaway. Am Wochenende hat die Holding von Investorenlegende Warren Buffett ihre Quartalszahlen vorgelegt. Wenn man den Wert aller Unternehmensteile inklusive des über 300 Milliarden Dollar schweren Aktienportfolios zusammenzählt, dann müsste das Papier knapp 20 Prozent mehr wert sein, glaubt Whitney Tilson, Gründer des Analysehauses Empire Research. Er rät daher zum Kauf.

Wer es etwas günstiger mag, für den eigne sich die Aktie der Klasse B. Sie hat nur ein Zehntausendstel der Stimmrechte im Vergleich zum Original, kostet mit 287 Dollar aber auch deutlich weniger. „Die Faustregel lautet: In guten Zeiten schneidet Berkshire in etwa so gut ab wie der US-Aktienindex S&P 500, vielleicht sogar etwas schlechter. In stürmischen Zeiten dagegen performt sie besser“ , sagt Tilson. Das hat sich auch in diesem Jahr bewahrheitet. Die Berkshire-Aktie hat 2022 rund fünf Prozent an Wert verloren, der S&P 500 liegt dagegen mehr als 20 Prozent im Minus.

Und dann ist da noch ein verstörendes Beispiel dafür, was Macht mit Menschen machen kann. Der Frankfurter Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) war vor zehn Jahren erstmals an die Spitze der Stadt gewählt worden. Bei seiner Wiederwahl 2018 hatte er sich in der Stichwahl mit über 70 Prozent beeindruckend durchgesetzt. Am Sonntag wurde Feldmann mit einem noch eindeutigeren Ergebnis abgewählt. Nach dem vorläufigen Endergebnis stimmten 95,1 Prozent dafür, dass der 64-Jährige sein Amt abgeben muss. Das nötige Quorum wurde bei dem Bürgerentscheid deutlich übertroffen.

Auslöser der Rücktrittsforderungen und schließlich des Abwahlverfahrens war unter anderem eine Anklage gegen Feldmann wegen Korruptionsverdachts. Hinzu kamen mehrere bizarre öffentliche Fehltritte. So ganz hat wohl bis heute niemand begriffen, was mit dem Vollblutpolitiker Feldmann plötzlich los war – vermutlich nicht einmal er selbst.

Ich wünsche Ihnen einen Tag, an dem Ihr innerer Kompass in die richtige Richtung weist.

Herzliche Grüße

Ihr

Christian Rickens

Textchef Handelsblatt

P.S.: Ich möchte gern eine Einladung an Sie weiterreichen: Beim diesjährigen GIGA Gipfel geht es um technologische Lösungen für Multikrisenzeiten, wie wir sie gerade erleben. Chefredakteur Sebastian Matthes wird dazu am Mittwoch um 19 Uhr mit dem Bestseller-Autor und Organisationspsychologen Adam Grant sprechen – und Sie können live dabei sein und Ihre Fragen einreichen. Hier geht es zur Anmeldung.

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