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Kommentar
Sinkende Kaufprämien werden die E-Revolution nicht aufhalten – doch es gibt ein Problem

Für die Autoindustrie spielt die Höhe der Kaufprämien kaum eine Rolle. Allerdings werden Elektroautos für Autofahrer mit mittleren Einkommen auf absehbare Zeit teurer.

31.07.2022 | von Roman Tyborski

Elektroautofertigung von VW in Emden © dpa

Die Bundesregierung wird im kommenden Jahr die Kaufprämien für Elektroautos senken. Und schon warnen erste Stimmen vor einem Absacken der Nachfrage nach batterieelektrischen Fahrzeugen. Auch der Verband der Automobilindustrie (VDA) malt ein Schreckensszenario: Die Förderkürzung gefährde die Transformation.

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Die Warnungen sind übertrieben. Der Elektroautomarkt in Deutschland ist robust. Die sinkenden Kaufprämien werden kaum Einfluss auf die Nachfrage haben. Und auch die deutsche Autoindustrie wird ihre langfristigen Pläne nicht über den Haufen werfen. Die Entscheidungen bei Volkswagen, Mercedes und BMW zur Antriebsart sind gefallen.
Insgesamt werden die drei Autohersteller die Verbrenner-Produktion bis ins kommende Jahrzehnt kontinuierlich herunterfahren. Gleichzeitig stellen sie ihre Fabriken um oder bauen neue auf, um die hohe Nachfrage nach Elektroautos in Europa bedienen zu können. Dafür geben sie Milliarden aus.

Die Kaufprämien spielen bei solch langfristigen Überlegungen nur eine untergeordnete Rolle. Die Unternehmen reagieren auf die Marktnachfrage. Und hier ist die Lage eindeutig, wie Zahlen des Kraftfahrtbundesamts zeigen. Die Neuzulassungen von Benzin- und Dieselfahrzeugen gehen seit Monaten zurück. Allein im Juni sanken die Zulassungen um 22 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat. Gleichzeitig steigen die Zulassungen von batterieelektrischen Fahrzeugen.

Elektroautos haben die besseren Kaufargumente auf ihrer Seite. Sie sind zwar in der Anschaffung teilweise noch teurer als Verbrenner, bei den Betriebskosten schlagen sie jedoch ihre fossilen Pendants bereits jetzt. Die Entwicklung der neuen Antriebsform steht zudem am Anfang, während der Verbrenner ausentwickelt ist – da kommt nichts mehr. Das heißt: Der Kostenvorteil wird in Zukunft noch größer.

FDP entfernt sich von Industrie-Realität der Autobauer

Daran ändert auch der von der FDP durchgesetzte Tankrabatt nichts, der ohnehin am 1. September 2022 ausläuft. Fahrer von Verbrennern werden sich dann wieder an Literpreise jenseits der zwei Euro gewöhnen müssen. Auch deswegen ist eine Klimaabgabe für Diesel- und Benzinfahrzeuge, die die Grünen um Wirtschaftsminister Robert Habeck ins Spiel gebracht haben, obsolet.

Denn eine Verlängerung des Milliarden verschlingenden Tankrabatts ist angesichts des viel größeren Gasproblems, auf das Deutschland mit der nahenden Heizperiode zusteuert, politisch nur schwer durchsetzbar. Der Kostennachteil der fossilen Antriebsart gegenüber batteriebetriebenen Fahrzeugen wird auch ohne diese Abgabe entstehen.

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Die Autoindustrie weiß ohnehin: Die Klimavorgaben der Europäischen Union kann sie nur erreichen, wenn sie mehr Elektroautos produziert. Ab 2035 ist für den Verbrenner dann endgültig Schluss, dann darf in der EU kein Neuwagen mehr mit Benzin- oder Dieselantrieb mehr zugelassen werden.

Derzeit ist die Marktnachfrage aber vor allem von einer kaufkräftigen Kundschaft geprägt, die auch ohne Kaufprämie ein Elektroauto kaufen würde. Das liegt zum Teil auch am Angebot. Denn vor allem die deutschen Hersteller konzentrieren sich auf teure Elektroautos mit hohen Margen.

Sie argumentieren mit den hohen Batteriekosten, die sich im Moment nur für große Autos wirklich rechnen. Diese Rechnung mag für die Industrie aufgehen, für die Masse der Autokunden aber nicht. Die Klimavorgaben insgesamt werden sie aber nur dann einhalten können, wenn auch Haushalte mit mittleren und niedrigen Einkommen ihre Verbrenner durch batteriebetriebene Fahrzeuge ersetzen.

Die Kaufprämie sollte genau diese Haushalte entlasten. Möglicherweise werden diese Menschen nun sogar ihre alten Autos mit Verbrennungsmotor weiterfahren.

Damit ist die von der FDP durchgesetzte Senkung der Kaufprämien zweischneidig. Die deutsche Autoindustrie, die sich ohnehin aus der Klein- und Kompaktklasse verabschiedet, kann mit weniger Förderung leben.

Mercedes, BMW, Audi und Volkswagen sehen ihre Produkte nicht mehr für die Masse, dafür reichen in den nächsten Jahren schon die Rohstoffe nicht mehr. Für kleine und mittlere Einkommen wird das Elektroauto aber das, was es zu Beginn der Massenmobilisierung im letzten Jahrhundert schon war: ein schwer zu verwirklichender Traum.

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