ABO
Anzeige

Kommentar
Die alte Wirtschaftskraft wird Deutschland auf lange Zeit nicht erreichen

Der Wiederaufschwung nach der Corona-Rezession ist bislang kräftig. Doch die Dynamik lässt bereits wieder nach. Bis Deutschland auf Vorkrisenniveau sein wird, dauert es.

11.09.2020 | von Donata Riedel

Wiederaufschwung © Burkhard Mohr

Berlin Die Rezession in Deutschland ist vorbei. Auf den Rekordeinbruch des Bruttoinlandsprodukts wird – da sind sich die Ökonomen einig – im noch laufenden dritten Quartal ein Rekordwachstum folgen. Steil runter, steil rauf: Die Konjunkturkurve sieht aktuell aus wie der Buchstabe V. Es ist das beste denkbare Szenario, das es in einem Rezessionsjahr geben kann. Bisher.

Anzeige

Denn es zeigt sich schon jetzt: Der Effekt, dass nach dem Ende der Corona-Einschränkungen die meisten wirtschaftlichen Aktivitäten sofort zurückgekehrt sind, hält nicht lange vor. Im Juli und August ließ die Dynamik des Aufschwungs in der Produktion und im Außenhandel bereits wieder nach. Es geht zwar weiter bergauf, aber immer langsamer.

Das Bruttoinlandsprodukt dürfte bis Ende September wieder bei etwa 90 Prozent des Vorjahresniveaus liegen. Und wenn es gut läuft, werden vielleicht bis Weihnachten 92 bis 95 Prozent erreicht.  

Das wäre erstaunlich viel, wenn man sich an die Wirtschaftslage Anfang Mai zurückerinnert. Damals fürchteten sehr viele Ökonomen, dass die Rezession lange dauern und die Konjunkturkurve eher einem U gleichen könnte. Die Lage ist also besser als erwartet.

Gleichwohl steht die Wirtschaft mit einem Niveau von 90 bis 95 Prozent jetzt an einem kritischen Punkt. Die fünf bis zehn Prozent, die noch bis zum Ausgangspunkt vor Corona fehlen, stehen, wenn sie längere Zeit Realität bleiben, für weniger Nachfrage nach Arbeitskräften. Sie stehen für weitere Firmenpleiten. Und sie stehen für sinkende Steuereinnahmen des Staats.

Neue Normalität

Der „Economist“ warnte zu Beginn der Pandemie davor, dass die 90-Prozent-Ökonomie die neue Normalität werden könnte, solange es keinen Impfstoff gibt. Die Zeitschrift meinte damit eine Wirtschaft, in der alles läuft wie vorher – nur nicht in den Bereichen Gastronomie, Hotellerie, Veranstaltungen und Kultur. Diese Branchen leiden tatsächlich noch am meisten, allerdings zusätzlich auch Industriebranchen, denen Exportmöglichkeiten fehlen (Maschinenbau) oder im Strukturwandel festhängen (Autoindustrie).  

Anzeige

Eine solche neue Normalität könnte sich, wenn auch kleiner, als der „Economist“ befürchtet hatte, nun hierzulande einstellen. Sie droht den gerade erst gewonnenen Optimismus zu untergraben mit der Folge, dass weiterhin nur wenig von Unternehmen investiert wird. Ein allgemeines Abwarten in den Firmen aber wäre der direkte Weg in die Stagnation und womöglich in eine zweite, wenn auch mildere Rezession.

Je länger eine 95-Prozent-Wirtschaft Realität bleibt, desto weniger jedenfalls nutzen Überbrückungshilfen. Jede Brücke braucht das gegenüberliegende Ufer. Gerät es außer Sicht, kann die Bundesregierung die Kurzarbeit so lange verlängern, wie sie will: Sie wird Arbeitsplätze so nicht länger retten können.  

Das Szenario der 95-Prozent-Wirtschaft sollte aber kein Grund sein zu verzweifeln. Es muss vielmehr Anlass für Politiker und Unternehmer sein, aus dem akuten Krisenmodus herauszufinden und längerfristig nach vorn zu schauen. Es gibt keinen besseren Zeitpunkt als genau jetzt, den ohnehin vor der Tür stehenden Strukturwandel zu mehr Digitalisierung und mehr Klimaschutz beherzt anzugehen.

Das nächste Rettungspaket braucht nicht neue riesige Milliardensummen, sondern Ideen, wie der Staat Unternehmen bei der Neuaufstellung unterstützen kann: etwa bei der Qualifizierung der Arbeitnehmer.

Digitalisierung notwendig

Vor allem aber müssen es die Regierungen von Bund, Ländern und Gemeinden endlich schaffen, sich selbst zu digitalisieren. Die Verwaltungen auf allen Ebenen müssen schneller werden. Und: Da in diesem Jahr die Investitionen so stark eingebrochen sind wie nie zuvor, muss es der Staat jetzt schaffen, die gefühlt seit Jahrzehnten diskutierten Investitionen in Infrastruktur und Bildung endlich umzusetzen.

Es darf aber nicht nur darum gehen, die 100-Prozent-Ökonomie schnell zu erreichen. Das Ziel muss ambitionierter sein: ein Land, das 2022 innovativer, digitaler und dynamischer ist als 2019 und technologisch auf Augenhöhe mit den USA und China agieren kann.

In dieser Phase der Wiederbelebung der Wirtschaft darf sich der Staat jedenfalls nicht seiner Mittel berauben, indem er zu früh Sparprogramme auflegt, um zur Schuldenbremse zurückkehren zu können. Laut Steuerschätzung werden die Steuereinnahmen erst 2023 wieder das Niveau von 2019 erreichen.

Bis dahin würde eine Schuldenvermeidung als oberstes Ziel der Haushaltspolitik nur die schwierige Phase vom neuen Normal bis zum selbsttragenden Aufschwung einer runderneuerten Volkswirtschaft verlängern. Denn die Rezession ist zwar vorbei. Die Krise aber noch lange nicht.  

Weiterlesen...

Anzeige
ICO/Audio-Play@1,5x stop „@1x