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Kommentar
Sagt die Tourismusmesse ITB ab! – Veranstalter sollten das Coronavirus ernst nehmen

Messen und Großveranstalter müssen mehr Verantwortung übernehmen, um das Coronavirus einzudämmen. Alles andere könnte schlimme Folgen haben.

26.02.2020 | von Christoph Schlautmann

ITB © dpa

Am Dienstag startet in Berlins Messehallen ein gefährlicher Feldversuch – mit einem möglicherweise fatalen Ergebnis: 10.000 Aussteller aus 180 Ländern wollen sich vier Tage lang von 160.000 Besuchern auf der Internationalen Tourismusbörse (ITB) umringen lassen. Und zwar so, dass keiner der Beteiligten das tückische Coronavirus aus seiner Heimat einschleppt und unter den Besuchern verteilt.

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Man müsse sich ja auf dem Stand nicht die Hand schütteln, rät die Messeleitung. Auch Desinfektionsmittel auf den Toiletten seien reichlich vorhanden.

Gelingt der Versuch ohne Neuinfektionen auf der ITB, würde sich die seit Jahresbeginn ausbreitende Corona-Epidemie als Hysterie entlarven. Doch was, wenn der aus China eingewanderte Krankheitserreger vor den Messetoren keinen Halt macht? Würden die Messehallen dann zum Quarantänezentrum? Vielleicht sogar ganze Stadtteile Berlins abgeriegelt? Und welche Botschaft ginge in solch einem Fall von der Touristikschau aus, die Urlaubern eigentlich Reiseziele in fernen Ländern schmackhaft machen will? Dass es dieses Jahr auf Balkonien am sichersten ist?

Der Fatalismus und die Risikobereitschaft, die manche Großveranstalter angesichts der drohenden Corona-Epidemie immer noch an den Tag legen, erzeugt bestenfalls Kopfschütteln. Und das nicht nur in Deutschland. Auch der Genfer Autosalon, vom 5. bis 15. März veranstaltet von der kantonseigenen Palexpo, denkt nach eigener Auskunft nicht über eine Verschiebung nach. Bislang.

In die Schar der Uneinsichtigen reiht sich ebenso die Deutsche Fußball Liga ein. Keine 24 Stunden nach den ersten Infektionsfällen in Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg beeilte man sich dort mit dem Hinweis, dass die Bundesliga-Spiele durch das neue Coronavirus keinesfalls gefährdet seien.

Wirtschaftliche Interessen überwiegen

Bislang, so scheint es, stechen wirtschaftliche Interessen Gesundheitsbedenken vielerorts noch aus. Dass es etwa auf der ITB nur wenige Absagen von Ausstellern gibt – lediglich sechs Stornierungen aus China wurden bekannt –, beleuchtet die Misere: Wer öffentlich seinen Rückzug erklärt, unterschreibt damit faktisch einen Warnhinweis an potenzielle Urlaubsgäste. Aus Italien, das 401 Messestände gebucht hat, meldete sich deshalb bis heute kein einziger Tourismusanbieter ab.

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Umso bedeutender ist jetzt die Verantwortung der Messegesellschaft, die dem Land Berlin gehört. Sie sollte die ITB für dieses Jahr abblasen.

Vorbilder gäbe es zuhauf. Schon am Dienstag verkündete die Eisenwarenmesse in Köln, die Veranstaltung auf das Frühjahr 2021 zu verschieben. Auch die „Light + Building“ in Frankfurt, die traditionell zahlreiche Messegäste aus China und Italien erwartet, wurde von März auf September verlegt.

Verantwortungsvoller als die Berliner Messegesellschaft zeigte sich der Mobile World Congress (MWC) in Barcelona. Die weltweit größte Handymesse wurde, nachdem Aussteller wie die Deutsche Telekom, Vodafone oder der Netzausrüster Nokia ihre Absage signalisiert hatten, schon vor zwei Wochen für dieses Jahr gestrichen.

Auch Unternehmen zogen bereits Konsequenzen und stoppten die Produktion, schlossen die Werkstore vorübergehend. Ihr Ziel: Ansteckungsgefahren so klein wie möglich zu halten.

Sicherheitsnetz mit großen Löchern

In Berlin dagegen wächst ein schlimmer Verdacht. Die ITB müsste den Ausstellern im Fall einer kompletten Absage die Kosten erstatten. Am Ende entstünde sicher ein Millionenverlust. Deutlich niedriger fiele das Minus wohl aus, wenn die ITB lange genug auf Stornierungen entnervter Messekunden wartet. Denn wer aus Angst vor einer Corona-Infektion den Messestand vorzeitig aufgibt, bleibt selbst auf den Kosten sitzen.

Doch solche Großveranstaltungen sind spätestens seit dem vergangenen Wochenende kaum mehr vertretbar. Hielten viele die Epidemie in der vergangenen Woche noch für eine Gefahr, die mit schärferen Gesundheitskontrollen asiatischer Gäste in den Griff zu bekommen ist, stellt sich heute die Sicherheitslage anders dar. Mit Hunderten Infektionen und mehreren Todesfällen in Italien ist die Lungenkrankheit in Europa angekommen.

Das ist keine Panik mehr. Schon wenige Tage nach den ersten Krankheitsfällen in der Lombardei infizierte ein Tourist aus Mailand ein 430-Betten-Hotel in Teneriffa. Eine Reisende aus dem norditalienischen Bergamo trug das Virus kurz darauf nach Sizilien. Am Dienstag registrierten Behörden in Deutschland eine Infektion, die durch einen Kontakt in Italien zustande kam.

Noch klammern sich Großveranstalter wie die ITB an fragwürdige Sicherheitskonzepte. Auf Anweisung der Gesundheitsbehörden wolle man Aussteller, die sich innerhalb der vergangenen 14 Tage in China, im Iran, in Italien oder Südkorea aufhielten, den Zutritt zum Messegelände verwehren. Gleiches gelte für Standbetreiber, die Kontakt zu einer infizierten Person hatten oder Anzeichen typischer Symptome wie Fieber, Husten oder Atembeschwerden zeigen.

Um den Bann durchzusetzen, verlangt die Messegesellschaft von allen Ausstellern dazu eine schriftliche Erklärung. Ein Sicherheitsnetz mit größeren Löchern ist kaum vorstellbar.

Mehr: Die Berliner Gesundheitsbehörde lässt nur Standpersonal ohne Corona-Kontakte auf die Reisemesse. Für 160.000 Fachbesucher gilt diese Vorgabe jedoch nicht.

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