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Kommentar
Robinhood, der gierige US-Broker

Eine neue Generation von Brokern revolutioniert das Trading – aber die Kunden sind längst nicht immer die Gewinner. Die Behörden greifen zu Recht ein.

18.12.2020 | von Michael Maisch

Robinhood © AFP

Der Name ist Programm. Als eine Art Rächer der Enterbten ist der US-Broker Robinhood angetreten, um den Wertpapierhandel in den USA zu demokratisieren. Keine Gebühren für die Investoren und eine schicke App – mit diesem Programm lehrte Robinhood der etablierten Konkurrenz das Fürchten.

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Ein Wisch reicht, und die Aktie ist gekauft – Trading für die Generation Tinder, Instagram und Snapchat. Aber selbstlos ist Robinhood nicht, im Gegenteil: Langfristig könnte die angezettelte Revolution der Wertpapierkultur mehr schaden als nützen.

Einen Teil seines Geldes verdient der Broker damit, dass er die Orders seiner Kunden gegen eine Gebühr an andere Finanzfirmen wie die Hochfrequenzhändler Virtu oder Citadel Securities weiterleitet.

Diese umstrittene Praxis hat Robinhood jetzt eine Strafe von 65 Millionen Dollar der US-Wertpapieraufsicht eingebrockt, weil der Broker diese Deals nicht offengelegt und seine Kunden damit getäuscht habe. Aber das ist nicht der einzige Riss in der Erfolgsstory.

Die Wertpapieraufsicht des Bundesstaats Massachusetts wirft Robinhood vor, dass die Firma den Handel mit Aktien und komplexeren Wertpapieren spielerisch einfach macht und damit die Fürsorgepflicht gegenüber seinen Kunden verletzt.

Gamification heißt diese Strategie im Fachjargon. Services werden wie ein Videospiel aufgebaut, für jeden Fortschritt werden die Kunden belohnt, sodass sie sich immer weiter auf die vorbereitete Reise zu immer höheren Umsätzen für die Anbieter machen.

Robinhood begrüßt seine Kunden zum Beispiel beim ersten abgeschlossenen Trade mit einem virtuellen Konfettiregen. Alles so schön einfach und bunt hier – aber genau das ist das Problem.

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Immer häufiger ist von Anfängern im Wertpapiergeschäft zu hören, die sich mit Robinhood kräftig verspekuliert haben. Es kam sogar zu einem Selbstmord, weil ein unerfahrener 20-jähriger Trader irrtümlich glaubte, er hätte mit seinen komplexen Deals Hunderttausende Dollar an Schulden angehäuft.

Junge, oft unbedarfte Kunden, die in Coronazeiten gelangweilt zu Hause mit Wertpapieren zocken – Trading à la Robinhood hat tatsächlich einen Hauch von Glücksspiel. Natürlich hat jeder erst einmal das Recht, sich nach seiner eigenen Fasson zu ruinieren. Aber vielleicht brauchen Broker wie Robinhood tatsächlich einen Beipackzettel oder einen Warnhinweis wie auf Zigarettenschachteln.

Denn es drohen Langfristschäden für die Wertpapierkultur: Wer mit Aktien oder komplexeren Deals einmal so richtig auf die Nase gefallen ist, der droht dauerhaft die Lust am Wertpapiersparen zu verlieren. Wer sich noch an den Neuen Markt im Deutschland der späten 1990er-Jahre erinnert, der kennt die traurige Geschichte.

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