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Kommentar
Eine Frage der Moral: Der Staat hilft den Konzernen – die ihren Aktionären

Adidas und Daimler zahlen ihren Aktionären Dividende nach einem katastrophalen Coronajahr. Sie hätten auch der Gesellschaft etwas zurückgeben sollen.

25.02.2021 | von Dieter Fockenbrock

Adidas © AFP

Adidas zahlt wieder Dividende und Daimler macht Milliardengewinne. Beide Konzerne haben staatliche Corona-Hilfen in Anspruch genommen: Der Sportartikler Adidas nahm vorübergehend öffentliche Bürgschaften in Anspruch, Daimler entlastete seine Firmenkasse durch Kurzarbeit in großem Stil.

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Sollten wir nun „Skandal“ rufen? Plündern deutsche Konzerne erst die Staatskasse, um danach ihre Aktionäre zu beglücken? Was die beiden Unternehmen – stellvertretend für viele andere in Deutschland – gemacht haben, ist zweifellos rechtens. Es weckt aber Zweifel an Beteuerungen des Führungspersonals, ihre Unternehmen in der Mitte der Gesellschaft zu verankern statt allein im Portemonnaie der Investoren.

Daimler-Chef Ola Källenius und Adidas-Vorstandsvorsitzender Kasper Rorsted haben die ihnen anvertrauten Konzerne bis jetzt erfolgreich durch die Corona-Pandemie gesteuert. Dafür gebührt ihnen Lob. Der Glaubwürdigkeit unseres Wirtschaftssystems haben sie allerdings einen Bärendienst erwiesen. Es waren eben nicht (allein) die Selbstheilungskräfte des Marktes, mit denen die jüngsten Erfolgsmeldungen erklärbar wären. Es waren die massive Rückendeckung des Staates und damit auch wir Steuerzahler, die Adidas wie Daimler gestützt haben.

Können, dürfen, ja müssen wir dafür Dankbarkeit erwarten? Die Frage ist nicht leicht zu beantworten. Denn Källenius wie Rorsted haben genau das getan, was ihnen als Vorstandsvorsitzende einer Aktiengesellschaft aufgetragen ist. Sie haben gekämpft um ihre Unternehmen – und dabei alle Mittel genutzt, die ihnen zur Verfügung stehen. Sollten wir ihnen das nun vorwerfen? Sicher nicht.

Ein Blick zurück hilft, die Dinge einzuordnen. Vor einem Jahr herrschte Weltuntergangsstimmung. Die Börse ist ein verlässliches Barometer. Adidas-Aktien waren von zuvor über 300 Euro auf 167 Euro abgestürzt. Die Papiere des Autobauers Daimler fanden erst bei 22 Euro Halt nach zuvor 60 Euro. Anleger, so sah es aus, hatten die Unternehmen fast aufgegeben.

Geschäfte blieben im ersten Lockdown geschlossen, Adidas auf seinen Turnschuhen sitzen. Daimler musste seine Produktion einstellen, von Verkauf war ohnehin keine Rede mehr. Beide Firmen standen exemplarisch für die katastrophale Lage vieler Unternehmen in Corona-Zeiten.

Für den Staat war es nur selbstverständlich, alles nur Erdenkliche zu unternehmen, um einen Kollaps der Wirtschaft zu verhindern. Adidas griff beherzt auf drei Milliarden Euro Überbrückungskredit der staatlichen KfW-Bank zu. In Anspruch genommen hat die Firma dann aber nur 500 Millionen davon. Und die dank erstarkter Finanzkraft auch schon wieder zurückgezahlt.

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Daimler schickte Tausende von Automobilwerkern in die Kurzarbeit. Das Argument, man habe auch jahrelang in die Sicherung eingezahlt, zieht nicht. Kurzarbeit in diesem gigantischen Umfang ist nur einer Sonderregelung in Corona-Zeiten zu verdanken. Zu einem großen Teil steuerfinanziert, versteht sich.

Die Bundesagentur kostete die Kurzarbeit insgesamt 22 Milliarden Euro im vergangenen Jahr. Zum Vergleich: 2019 waren es 131 Millionen Euro.

Aktienkurse haben sich erstaunlich erholt

Adidas wie Daimler sind auf das Erstaunlichste genesen. Abzulesen am aktuellen Börsenkurs: Adidas liegt bei 290 Euro, Daimler bei 65 Euro. Der Sportartikelkonzern aus dem Frankenland entschied sich, seine eigentlich (wegen der Inanspruchnahme von Staatshilfe) gestrichene Dividendenzahlung wiederaufzunehmen: 585 Millionen Euro stehen für das Geschäftsjahr 2020 bereit. Daimler will seine Anteilseigner mit 1,4 Milliarden Euro beglücken. Das ist sogar mehr als im Corona freien Jahr zuvor.

Bei Daimler ließe sich sogar eine Gegenrechnung aufmachen, denn Källenius war immerhin so offen, die Ersparnis des Konzerns durch Kurzarbeit zu beziffern. Es sind 700 Millionen Euro. Dazu kämen noch 800 Millionen Euro weitere Ersparnis durch die gesetzlich verlängerte Abschreibungsdauer auf Sachanlagen.

Kurzum: Daimlers Dividende finanziert sich von selbst. Und Adidas? Wäre ohne das Back-up des Staates womöglich nicht mehr in der Lage gewesen, überhaupt über eine Dividende nachzudenken. Doch es soll hier nicht aufgerechnet werden. Die Unternehmen haben nach dem rettenden Strohhalm gegriffen, der ihnen vom Staat hingehalten wurde. Dass Källenius wie Rorsted aber so fix wieder zur Tagesordnung übergehen, als wäre (fast) nichts gewesen, das sollte eine Lehre sein. Kritik an vermeintlich zu harten Bedingungen für steuerfinanzierte Corona-Hilfen darf der Staat getrost abtropfen lassen.

„Unsere Kultur ist geprägt von unserer Überzeugung, dass wir durch Sport Leben verändern können“, beschreibt Adidas seine Firmenkultur. Das heißt aber auch Fair Play. Und Daimler möchte gern „Maßstäbe für nachhaltige Mobilität von morgen setzen“. Das braucht breite gesellschaftliche Akzeptanz. Beide Konzerne haben ihren Aktionären etwas gegeben. Das sei denen gegönnt. Adidas wie Daimler hätten aber auch der Gesellschaft etwas zurückgeben können. Die Chance haben sie verpasst.

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