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Expertenrat – Prof. Dr. Curt Diehm
Die neue Corona-Wirklichkeit: Warum die zweite Welle ausbleiben wird

Das Corona-Gespenst geht auch in Deutschland wieder um. Doch viel wahrscheinlicher ist eine dauerhafte Welle auf niedrigem bis mittlerem Niveau.

05.08.2020 | von Curt Diehm

Selfie mit Schutzmasken © dpa

Wir hatten es uns schon wieder bequem gemacht auf unseren Sofas vor den Bildschirmen. Die schlechten Nachrichten zur Coronakrise waren scheinbar weit weg, so wie Syrienkrieg und Arktiseisschmelze. Die Schreckensmeldungen zu Corona spielten sich ab in der Ferne, in den USA, Brasilien oder Indien. Wir waren endlich wieder nur noch Zuschauer.

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Es kehrte eine allgemeine Gelassenheit zurück und das Wissen, dass wir auch beim Umgang mit dem Coronavirus besser sind als andere Länder. Selbst den heimtückischen Erreger hatten wir weitgehend im Griff. In der Wirtschaft keimte Optimismus. Vielleicht werden die Einbrüche doch nicht so gravierend und wir kommen schnell aus dem Tal.

Diese Haltung erfährt seit einigen Tagen einen spürbaren Knacks. Freizeit- und Reiseverhalten sowie einzelne Hotspots in der Nahrungsmittelproduktion tragen zu einer Sommer-Miniwelle bei. Das ist zwar bei Weitem noch keine zweite Corona-Welle, aber ein deutliches Warnzeichen. Das Corona-Gespenst geht auch in Deutschland wieder um.

Mehrere Faktoren machen mich jedoch optimistisch, dass wir uns auf keine wirkliche zweite Welle zubewegen – auch nicht im Herbst.

Es ist in Deutschland gut gelungen, die Infektionskurve abzuflachen. Die komplette Absage von Großveranstaltungen, Homeoffice, die Einhaltung von Abstandsregeln, das Tragen von Schutzmasken in Geschäften und im öffentlichen Raum, nicht in Gruppen zu singen, weiterhin Fitnessstudios zu meiden, sich viel im Freien aufzuhalten – all diese Maßnahmen haben Tausenden von Menschen das Leben gerettet. Eine Übersterblichkeit gab es nur kurzzeitig im April.

Die Menschen haben gelernt, mit der neuen Wirklichkeit umzugehen, und tun dies weitgehend diszipliniert. Die Unternehmen leisten mit detaillierten Maßnahmenkatalogen während der Arbeitszeit einen großen Beitrag. Die Politik reagiert rasch, um Hotspots zu isolieren. Es funktioniert.

Wir sind schlauer als vorher

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Auch Mediziner wissen inzwischen deutlich mehr darüber, wie sie Covid-Patienten behandeln müssen. Wir werden nicht mehr Teile von Krankenhäusern nutzlos lahmlegen, um Intensivbetten freizuhalten. Wichtiger als Beatmungsgeräte sind oft ausreichend viele geschulte Schwestern und Pfleger, die Erkrankte richtig lagern. Hilfreich ist auch, dass die Zahl derer, die das Virus unterschätzen, in Deutschland in der Minderheit ist. Auch ich habe erst mit der Zeit erkannt, wie heimtückisch Sars-CoV-2 sein kann.

Unzählige Studien zu Corona machen uns schlauer. Eine beispielsweise hat jüngst ermittelt, dass Senioren die Quarantänen psychisch viel besser überstanden haben als vielfach befürchtet. Hieraus ergeben sich möglicherweise Spielräume, wenn wieder strengere Maßnahmen getroffen werden müssen.

Hingegen scheinen nach neuen Erkenntnissen Jugendliche im pubertierenden Alter unter den Corona-Maßnahmen besonders zu leiden. Wenn wir diese Signale nicht ernst nehmen und in der Pandemie-Prävention nicht berücksichtigen, könnte uns das ganze Jahrgänge bescheren, die langfristig soziale und psychische Traumata mit sich schleppen.

Neben Hygiene, Mundschutz und Abstand lautet die große Chance, eine zweite Welle zu verhindern: testen, testen, testen. Das ist ein weiterer Schlüssel, den wir einsetzen können.

Unklarheiten bleiben weiterhin

Andere Dinge verstehen wir leider immer noch nicht – etwa die Dynamik der Antikörper. Sind wir immun, wenn wir Covid-19 einmal gehabt haben? Und selbst wenn: Eine nennenswerte Immunität der Bevölkerung hat sich noch längst nicht eingestellt.

Die Zahl der Infizierten liegt in nahezu allen Ländern deutlich unter zehn Prozent. Damit ist eine Herdenimmunisierung weit entfernt, selbst in Ländern wie Schweden oder Holland, wo mit dem Virus liberaler umgegangen wird. Weitgehende Immunität kann uns also derzeit nicht helfen, eine zweite Welle zu verhindern.

Nach wie vor bleibt unklar, wie es mit einem Impfstoff weitergeht. Es gibt zwar aktuell positive Nachrichten von Phase-II-Studien, aber das ist noch längst nicht der Durchbruch. Nur zur Erinnerung: Nach 17 Jahren ist kein wirksamer Impfstoff gegen Sars 1 entwickelt worden. Solange es keinen Impfstoff gibt, müssen wir beunruhigt bleiben, die Situation exakt beobachten und auf Warnungen wie jene des Robert Koch-Instituts hören.

Gemeinsam mit vielen Virologen und Immunologen glaube ich dennoch nicht an eine ausgeprägte zweite Welle. Wir werden vermutlich eher noch lange mit einer dauerhaften Welle auf niedrigem bis mittlerem Niveau leben müssen.

Für Coronaviren als Krankheit mit Erkältungssymptomen sind Herbst und Winter natürlich eine deutlich bessere Spielwiese als jetzt. Disziplin und gezielte lokale Maßnehmen sollten aber ausreichen, um einen Flächenbrand zu vermeiden.

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