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Gastbeitrag von Frank Thelen
„Tesla wird Marktkapitalisierung verdoppeln, VW und BMW werden bedeutungslos“

Investor Frank Thelen ist Tesla-Fahrer und Aktionär. Für das Handelsblatt analysiert der Gründer die Erfolgsgeschichte von Elon Musk – und prophezeit VW und Co. eine düstere Zukunft. Ein Gastbeitrag.

22.01.2020 | von Frank Thelen

Der Autor © Dietmar Gust, Euroforum

Tesla ist Stand heute mehr wert als Deutschlands höchstnotierter Autohersteller: Volkswagen. Ja, Aktienkurse können schwanken, aber meine Prognose ist, dass Tesla schon sehr bald seine Marktkapitalisierung verdoppeln wird und Volkswagen und BMW bedeutungslos werden.

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Ich habe bereits in einem Interview mit „Business Insider“ 2016 prophezeit, dass die deutsche Autoindustrie mit Tesla nicht mithalten können wird, wenn sie nicht progressiv und konsequent in neue Technologien investiert. Ich wollte es nicht heraufbeschwören, denn ich wünsche mir ein wirtschaftlich starkes Deutschland, und die Autoindustrie trägt bislang einen wichtigen Teil dazu bei.

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Aber leider hat unsere Autoindustrie aus meiner Sicht alle Chancen vorbeiziehen lassen. Mit dem heutigen Tag hat ein US-amerikanisches Unternehmen, das von den meisten Deutschen lange nur belächelt und kritisiert wurde, den wertvollsten deutschen Autohersteller überholt.

Auch heute behaupten viele noch, Tesla wäre zum Scheitern verurteilt. Neben den jüngsten Entwicklungen am Aktienmarkt möchte ich daher einige Gründe aufzählen, wieso Tesla in meinen Augen die Gesetze der Industrie neu schreibt und VW und BMW darin keine Rolle spielen.

Die Aufholjagd

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Wie sehr Deutschland hinterherhängt, verdeutlicht dieses Bild. Das Cockpit eines Audi e-trons fordert einen Ölwechsel. Lustiger Bug oder Trauerspiel? Immer wieder höre ich: „Frank, Mist, hast ja recht. Aber jetzt legen die Deutschen los und holen auf.“

Hierbei wird unterschätzt, dass es bei technologisch getriebenen Produkten Punkte gibt, an denen man erst mal nicht mehr aufholen kann, oftmals in der Szene als „iPhone-Moment“ bezeichnet. Warum gab es nach Google keine relevante Suchmaschine mehr? Ob Microsoft, EU oder Start-ups: Keiner konnte mehr als zwei bis drei Prozent des Marktes erobern. Die Google-Suchmaschine wird mit jeder Suchanfrage intelligenter, wir alle trainieren sie Hunderte Male pro Tag. Damit wird Google immer schlauer, wir sind immer mehr darauf angewiesen, und keiner kommt gegen diese positive Spirale an.

Ein ähnliches Phänomen haben wir in der Foto-Industrie im Wechsel von Analog- zur Digitalfotografie erlebt. Obwohl diese sogar bei Kodak erfunden wurde, waren die Marktführer (Fujifilm, Kodak und Agfa) so sehr mit ihrem Kerngeschäft beschäftigt, dass heute alle im Fotobereich bedeutungslos sind.

Dieses Risiko hat auch VW-Chef Herbert Diess erkannt. In einer Ansprache an die Führungskräfte des VW-Konzerns Mitte Januar betonte er mehrmals die Bedeutung von Tesla für die Automobilbranche. Wenn VW nicht bald die Transformation zum digitalen Technologiekonzern schaffe, drohe ihm das gleiche Schicksal wie Nokia. Dem kann ich leider nur zustimmen.

Doch in welchen Bereichen haben wir mit dem Fortschritt Teslas bald den iPhone-Moment erreicht?

Daten – der unterschätzte Wert

Tesla hat schon vor langer Zeit begriffen, dass Daten das wichtigste Asset der Industrie sind. Laut einer McKinsey-Studie von 2016 haben Fahrdaten bis 2030 ein Umsatzpotenzial von jährlich 750 Milliarden Dollar.

Autonomes Fahren wird kommen, und aktuell ist Tesla der einzige Autohersteller, der sich mit dem Thema wirklich ernsthaft auseinandersetzt. Tesla füttert seine KI für autonomes Fahren bereits seit vielen Jahren mit den Daten, die die Sensoren der Tesla-Autos täglich in die Cloud übertragen. Laut „Business Insider“ sollen bis 2023 drei Millionen Tesla-Autos auf den Straßen unterwegs sein – und sie alle sammeln nonstop Daten.

Unser Straßenverkehr ist so komplex, dass eine Unmenge an Daten nötig ist, um ein zuverlässiges autonomes Fahren zu programmieren. Deshalb werden nicht nur die äußeren Umstände abgespeichert, sondern auch die Handlungen des Fahrers. Teslas KI lernt das autonome Fahren von den Fahrern selbst, und zwar dauerhaft parallel im Hintergrund. Seit Kurzem fahren sogar drei Fahrer mit: wir, die aktuelle Softwaregeneration und die kommende. Tesla vergleicht diese drei „Systeme“ in Echtzeit.

Und da die KI Zugriff auf alle Fahrdaten hat, entsteht mit der Tesla KI meiner Meinung nach gerade der mit Abstand sicherste und zuverlässigste Fahrer der Welt. Es mag für viele noch nach Science-Fiction klingen, aber wer sich mit der Technologie und den Fakten auseinandersetzt, traut seinem Tesla bald mehr als sich selbst – wenn es ums Autofahren geht.

Tesla entwickelt als einziger Autohersteller eigene KI-Chips, die den Produkten von Herstellern wie Nvidia um Faktoren überlegen sind und in Zukunft vermutlich auch auf der Server-Seite zum Einsatz kommen, um die KI noch effektiver zu trainieren. Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird Tesla auch als einer der Ersten Quantencomputer progressiv einsetzen, was den Abstand noch mal bedeutend vergrößern könnte.

In diesem LinkedIn-Artikel steige ich tiefer in die Themen Daten, Software, Chips und autonomes Fahren ein. Schon im April 2019 war ich überzeugt von dem progressiven Ansatz von Tesla. Der Aktienwert hat sich seitdem mehr als verdoppelt.

Das Supercharger-Netzwerk

Eines der größten Probleme der E-Mobilität ist der flächendeckende Aufbau einer Ladeinfrastruktur. Aktuell ist Tesla der einzige E-Auto-Hersteller, der mit seinem weltweiten Supercharger-Netzwerk eine Lösung für dieses Problem liefert. Elon Musk ist das Risiko eingegangen und hat große Summen in den Auf- und Ausbau dieses Netzwerks investiert.

I’m most proud of the machine that builds the machine.

Elon Musk

Auch wenn das kurzfristig zu hohen Verlusten führt, was viele Anleger nervös macht, bedeutet es langfristig Erfolg. Dieser Mut und diese Weitsicht sind es, die der deutschen Autoindustrie und unserem Land generell fehlen.


Die Stärke der Produktion

Teslas Produktion ist agil und schlank, und er kann sie innerhalb kürzester Zeit ausrollen, wie man in China gesehen hat. In nur einem Jahr ist dort eine Gigafactory entstanden, die bereits erste Autos ausliefert. In Deutschland entsteht gerade eine weitere Gigafactory.

Auch wenn bei der Tesla-Produktion teilweise Zelte zum Einsatz kommen, ist sie in meinen Augen derzeit die beste, effektivste Produktion der Welt. Warum? Im Gegensatz zum Rest der Autoindustrie weltweit ist Tesla nicht auf einen Pool an Zulieferern angewiesen. Es gibt nur ein Team, das gemeinsam an einem Auto arbeitet und das gleiche Ziel verfolgt: Effizienz.

Sie haben es selbst in der Hand, bauen – ähnlich wie Apple – ihre eigene Software und Hardware. Dies ermöglicht unter anderem auch die Implementierung eines App-Stores, wodurch Softwareupdates angeboten und zusätzliche Skills verkauft werden können. Mein Model 3 wird ständig optimiert, ohne dass ich damit in eine Werkstatt muss. Die nötige Hardware für autonomes Fahren ist bereits vorhanden, und sobald die Software so weit ist, benötigt es lediglich ein Update.

Ein Beispiel aus dem Hardwarebereich: Während manche E-Autos bis zu drei Kühlungen verbaut haben (eine für den Motor, eine für die Batterie und eine für den Innenraum), kommt das Model 3 mit nur einer Kühlung aus, der sogenannten „Superbottle“. Diese Optimierung war nur möglich, weil hier ein passioniertes Team eng zusammengearbeitet und keine Bauteile von Zulieferern verwendet hat.

Und, ja, auch ein Elon Musk macht Fehler. Bei der Produktion des Model 3 setzte er zu stark auf Automatisierung. Als er die Produktionsziele fürs Model 3 nicht erreichte, gab er dies öffentlich auf Twitter zu.

Einer der Gründe, wieso es Probleme beim automatisierten Zusammenbau des Model 3 gab, war, dass die eingesetzten Roboter mit flexiblen Bauteilen wie Kabeln noch nicht gut zurechtkommen. Dieses Problem geht Tesla beim Model Y an: Sie wollen die Kabellänge mithilfe von multifunktionalen Controllern von ursprünglich drei Kilometern beim Model S und 1,5 Kilometern beim Model 3 auf 100 Meter reduzieren. So soll die Automatisierung und somit die Effizienz der Produktion des Model Y gesteigert werden.

Und genau das ist es, was Tesla im Ansatz von anderen Autoherstellern unterscheidet: Musk handelt nach dem First-Principle-Prinzip. Er fragt nicht, wie etwas bisher gemacht wurde, sondern überlegt sich, was technisch und physikalisch möglich ist, und zerlegt Probleme in ihre Grundbausteine. Dann untersucht er die einzelnen Teilaspekte, und wenn am Ende sein Team zu dem Entschluss kommt, dass die Lösung des Problems der Automatisierung weniger und starrere Kabel sind, dann baut er ein Auto mit weniger Kabeln.

Herzstück Batterie: Vorsprung bei Produktion und Forschung

30 Prozent der Wertschöpfung eines E-Autos liegen in der Batterie. Dies hatte Musk frühzeitig erkannt, und er ging zunächst eine Partnerschaft mit LG ein. Dann stellte er fest, dass bei der herkömmlichen Batterieherstellung noch viel Optimierungsspielraum war, und begann seine eigene Forschung und die Sicherung von Ressourcen.

Mittlerweile ist Tesla der größte Autobatteriehersteller der Welt. Und alles, was wir bis heute von Tesla in Sachen Batterietechnologie gesehen haben, ist acht Jahre alt. Diesen März wird Tesla die nächste Batteriegeneration vorstellen und damit ihren technologischen Abstand sehr wahrscheinlich um ein Vielfaches vergrößern. Allein im Bereich Autobatterien wird in meinen Augen schon sehr bald ein Markt mit einem Volumen von mehr als 100 Milliarden Dollar entstehen. Und auch hier hat Tesla aktuell die Nase vorn.

Tesla ist der deutschen Autoindustrie in Sachen E-Mobilität meilenweit voraus – das kann man auch wortwörtlich verstehen. Das Model S hat doppelt so viel Reichweite wie der Porsche Taycan. Trotz deutscher Ingenieurskunst ist der Taycan laut vielen Analysten „das ineffizienteste E-Auto der Welt“. Kein deutsches E-Auto kann es auch nur ansatzweise mit den mittlerweile acht Jahre alten Tesla-Modellen aufnehmen.

Egal ob Produktion, Forschung oder Consumer: Tesla ist in erster Linie eine Softwarefirma. So wurde beispielsweise vor einigen Wochen zum ersten Mal ein „Motor Upgrade“ für eine schnellere Beschleunigung angeboten – als In-App-Kauf für 2000 Dollar.

Nach dem Update benötigt das Auto 0,5 Sekunden weniger, um auf 100 km/h zu beschleunigen. Ich bin mir sicher, dass wir bis 2021 einen App-Store von Tesla sehen werden, der ähnlich wie bei Apple ein bedeutender Geschäftsteil wird. Natürlich haben auch andere Autohersteller Softwareteams, aber sie sind keine „Software-first“- Firmen.

Schaut man sich die Produktpalette von Tesla an, ist eine klare und brillante Strategie zu erkennen: Mit dem Roadster und dem sehr teuren Model S wurde der Aufbau des Unternehmens finanziert. Beide Modelle sind heute nicht mehr relevant, der Roadster als schnellstes E-Auto der Welt wird nur noch für Marketingzwecke genutzt. Mit dem Model 3 kam dann das erste Massenauto, mit dem Model Y ein bezahlbarer SUV mit sieben Sitzen.

Selbst der viel diskutierte Cybertruck erfüllt einen klaren Zweck: Er sticht heraus, sorgt für Gesprächsstoff, und er adressiert den Hauptmarkt Teslas: die USA. Mit dem Semi wird Tesla bald einen komplett neuen Markt erschließen und den Transport revolutionieren. Eine Entwicklung, auf die wir alle uns freuen können, da sie den CO2-Ausstoß der Logistikbranche drastisch senken kann.

Das effektivste Marketing der Welt ist gratis

Tesla hat die vermutlich größte Marketingabteilung der Welt – denn sie umfasst beinahe den kompletten Kundenstamm. Ich kenne kaum einen Tesla-Fahrer, der nicht von seinem Auto schwärmt. Mund-zu-Mund-Propaganda ist seit jeher die effektivste Form des Marketings – und Tesla hat das perfektioniert. Während jeder andere Autohersteller jährlich mehrere Millionen Euro in das Marketingbudget steckt, um potenzielle Kunden von seinen Autos zu überzeugen, baut Musk einfach überzeugende Autos.

Wer schon mal in einem Tesla gesessen hat, kann die Faszination vielleicht nachvollziehen. Es ist neu, es ist aufregend. Die Leute haben das Bedürfnis, sich darüber mitzuteilen. Deshalb ist Tesla ständig im Gespräch. Zu keinem anderen Autohersteller gibt es mehr Youtube-Videos, Podcasts oder Presseartikel.

Auch wenn es nicht immer ums Auto selber, sondern oft nur um den Aktienkurs geht, bleibt Tesla in den Köpfen der Menschen. Keine andere Marke hat den Markt für E-Mobilität auch nur ansatzweise so sehr besetzt wie Tesla. Dieser Hype – was auch immer man von ihm halten mag – ist ein sehr wertvolles Asset. Mit allein 30 Millionen Followern auf Twitter und einer so hohen Interaktionsrate erreicht Musk mit einem einzigen Tweet mehr Leute als andere mit einer monatelangen, teuren Marketingkampagne.

Auch ich mache kein Geheimnis daraus, dass ich ein großer Tesla- und Musk-Fan bin. Aber meine Euphorie basiert auf Fakten und Zahlen: Tesla ist in allen für die Mobilität der Zukunft relevanten Bereichen technologisch führend. Und als Aktionär freue ich mich natürlich über die jüngsten Entwicklungen des Unternehmens.

Aber als Deutscher sehe ich schwarz für die deutsche Autoindustrie und damit für einen zentralen Baustein der deutschen Wirtschaft. Im Juni letzten Jahres habe ich in einem Interview mit T-Online gesagt, die deutsche Autoindustrie habe in meinen Augen schon verloren. Diese Aussage hat damals zu viel Aufruhr gesorgt. Leider muss ich sie am heutigen Tag noch mal unterstreichen.

Tesla wird zum zweitwertvollsten Autobauer der Welt

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