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Verbraucherpreise
„Preise steigen auf breiter Front stärker an“ – Inflation auf höchstem Stand seit 1992

Die Preise in Deutschland steigen im November um 5,2 Prozent. Das ärgert die Verbraucher und heizt die geldpolitische Diskussion an. Hat die Teuerung ihren Höhepunkt erreicht?

29.11.2021 | von Jan Mallien und Frank Wiebe

Supermarkt © dpa

Frankfurt Die Preise steigen in Deutschland weiter rasant. Im November lag die Inflationsrate hierzulande bei 5,2 Prozent, wie das Statistische Bundesamt am Montag auf Basis einer vorläufigen Schätzung mitteilte. Das ist der höchste Stand seit mehr als 29 Jahren. Zuletzt hatten die Preise während des Booms nach der Wiedervereinigung 1992 so stark angezogen. 

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Ökonomen hatten für den abgelaufenen Monat einen Anstieg auf 4,9 Prozent vorhergesagt. Bereits im Oktober legte der Verbraucherpreisindex in Deutschland um 4,5 Prozent zu. Im November waren steigende Energiepreise mit Abstand der größte Treiber der Inflation. Sie legten im Vergleich zum Vorjahr um 22,1 Prozent zu. Nahrungsmittel verteuerten sich um 4,5 Prozent, Dienstleistungen um 2,8 Prozent und Mieten um 1,4 Prozent.

Die Europäische Zentralbank (EZB) führt den Anstieg hauptsächlich auf vorübergehende Faktoren zurück Dazu zählt neben Lieferengpässen und Nachholeffekten beim Konsum auch die Rücknahme der Mehrwertsteuersenkung aus dem vergangenen Jahr. Zudem ist der Ölpreis im vergangenen Jahr wegen der Pandemie stark gefallen. Im Vergleich zu den niedrigen Vorjahreswerten liegt er nun deutlich höher. Dieser Effekt wird sich voraussichtlich abschwächen, wenn die Vergleichswerte wieder höher liegen, glaubt die Notenbank.

Für die EZB ist die Inflation im gesamten Euro-Raum maßgeblich, die sie nach dem Harmonisierten Verbraucherpreisindex (HVPI) bemisst, der etwas anders berechnet wird als der deutsche Index. Danach lag die Inflation im Euro-Raum zuletzt bei gut vier Prozent, neue Zahlen werden am heutigen Dienstag veröffentlicht. Gemessen am HVPI ist die Inflation in Deutschland jetzt sogar auf sechs Prozent gestiegen. Insgesamt ist die Inflation in Deutschland seit Monaten höher als im Euro-Durchschnitt.

Inflationsgefahr: Rat der Europäischen Zentralbank ist uneins

EZB-Chefin Christine Lagarde bekräftigte jüngst ihre Sicht, dass sie den Inflationsanstieg im Euroraum für vorübergehend hält. Allerdings gibt es auch innerhalb des EZB-Rats Vertreter, die davor warnen, die Inflationsgefahren zu unterschätzen. So sagte der österreichische Notenbankchef Robert Holzmann, dass er nicht viel Geld darauf wetten würde, dass die Inflation im Euro-Raum im nächsten Jahr wieder unter zwei Prozent fällt.

Ökonomen schätzen die Inflationsgefahren unterschiedlich ein, gehen aber überwiegend davon aus, dass die momentanen Werte kein Dauerzustand sind. Greg Fuzesi von JP Morgan schreibt mit Blick auf den jüngsten Tarifabschluss im öffentlichen Dienst: „Es gibt beim Inflationsanstieg nach wie vor keinen Zweitrundeneffekt.“

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Viele Ökonomen und die EZB selbst sehen es als entscheidend an, ob die Löhne als Reaktion auf die Inflation deutlich anziehen und somit die Gefahr einer Lohn-Preis-Spirale entsteht, wie sie aus den 70er-Jahren noch in Erinnerung ist. Bisher geben die Daten das nicht her. Fuzesi sieht für Deutschland im Durchschnitt Lohnsteigerungen von zwei Prozent und für den gesamten Euro-Raum von unter 1,5 Prozent.

Commerzbank-Experte Marco Wagner verweist mit Blick auf die jüngsten Inflationswerte auf etliche Sondereffekte durch die Pandemie. „Aber inzwischen steigen die Preise auf breiter Front stärker an“, warnt er zugleich. Er geht davon aus, dass die Inflation im kommenden Jahr mit dem Wegfall der Sondereffekte wieder sinkt. „Sie dürfte sich aber auf einem höheren Niveau als vor der Coronapandemie einpendeln“, erwartet er.

Michael Heise, Chefökonom von HQ Trust, hält im kommenden Jahr eine Inflation von 3,0 bis 3,5 Prozent für „realistisch“. Er verweist unter anderem auf die Erhöhung der Gaspreise, die zahlreiche Versorger vor Kurzem angekündigt haben. Jan Viebig, Chefinvestor bei Oddo BHF, geht davon aus, dass die EZB ihre eigenen Inflationsprognosen im Dezember deutlich anheben muss. Diese Prognosen werden einmal im Quartal aktualisiert.

Gelassener sieht die Chefvolkswirtin der KfW, Fritzi Köhler-Geib, die Zahlen. „Für das kommende Jahr sehe ich Licht am Ende des Tunnels“, sagt sie. Es sei sehr wahrscheinlich, dass die Inflation sich schrittweise zurückbilde und Mitte 2022 die Zwei-Prozent-Marke unterschreite. Die EZB peilt mittelfristig zwei Prozent als Inflationsziel für den Euro-Raum an.

Christoph Swonke, Konjunkturanalyst der DZ Bank, erwartet für 2022 eine deutliche Entspannung und damit eine Preissteigerung um 2,2 Prozent für das kommende Gesamtjahr.

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Ob der Inflationsanstieg vorübergehend ist oder länger anhält, spielt für den geldpolitischen Kurs der EZB eine entscheidende Rolle. Im Dezember entscheidet die Notenbank darüber, wie es mit ihren massiven Anleihekäufen im nächsten Jahr weitergeht. Einige Ratsmitglieder drangen zuletzt auf eine schnellere Straffung. Holzmann äußerte zum Beispiel die Erwartung, dass sämtliche Nettokäufe der EZB im nächsten Herbst auslaufen könnten.

Lagarde hatte bereits in der letzten Pressekonferenz eingeräumt, dass die Inflation hartnäckiger zu sein scheint, als einige Monate zuvor angenommen wurde. Zugleich hat sie aber sehr deutlich Spekulationen zurückgewiesen, dass es relativ rasch zu einer Zinserhöhung kommen könnte. Der Leitzins liegt zurzeit bei null, der in der Praxis momentan wichtigere Einlagenzins für Geschäftsbanken bei minus 0,5 Prozent.

Die EZB hat, wie die meisten anderen Notenbanken auch, immer wieder betont, dass erst die Anleihekäufe auf netto null fallen sollen, bevor an eine Zinserhöhung zu denken ist. In der Sitzung am 16. Dezember wird sie voraussichtlich ankündigen, in welcher Form das Pandemie-Notfallprogramm (PEPP) beendet werden soll.

Außer diesem läuft das unter dem Kürzel APP bekannte Programm mit Nettozukäufen von 20 Milliarden Euro monatlich weiter. Üblicherweise laufen solche Programme über Monate gestreckt aus. Vertreter der EZB hatten zuletzt auch betont, dass 2022 noch keine Erhöhung der Zinsen zu erwarten ist.

Die Märkte hatten lange Zeit aber eine relativ frühe Zinserhöhung eingepreist. Lagarde hat dies zurückgewiesen. Später betonte sie dann wieder, die EZB beobachte die Preisentwicklung sehr genau, um nicht zu nachgiebig gegenüber der hohen Inflation zu wirken. Mit dem Aufkommen der neuen Coronavariante sind die aus den Märkten absehbaren Erwartungen einer raschen Zinserhöhung aber gesunken.

Die Unsicherheit über die Inflationsentwicklung ist auch deshalb so groß, weil es eine vergleichbare Situation wie durch die Pandemie nie gegeben hat. Es treffen Angebotsengpässe und Nachholeffekte beim Konsum zusammen. Selbst wenn diese Faktoren vorübergehend sind, ist schwer abschätzbar, welche Dynamik daraus entsteht. Das stellt die EZB und die Notenbanken im Euro-System vor große Herausforderungen, denn ihre Prognosemodelle stützen sich stark auf Daten aus der Vergangenheit. Schon in vergleichsweise normalen Zeiten lagen die Prognosen oft daneben. In der Vergangenheit hat die EZB die Inflation meist überschätzt – seit der Pandemie hat sie die Entwicklung dagegen unterschätzt. In den USA hat die Inflation im Oktober schon einen Wert von 6,2 Prozent erreicht.

Leitzins anheben?US-Notenbank wird wohl schneller reagieren

Jerome Powell, Chef der US-Notenbank (Fed), hatte immer wieder betont, der Preisanstieg sei vorübergehend. Dabei musste auch er einräumen, dass der Trend offenbar länger anhält als erwartet. Die US-Notenbank ist allerdings schon viel näher als die EZB an einer ersten Erhöhung der Leitzinsen.

Die Fed hat angekündigt, ihre Anleihekäufe bis zum Sommer auf netto null zu reduzieren, sodass also nur noch auslaufende Papiere ersetzt würden. Danach wäre der Weg für eine Zinserhöhung frei. Experten erwarten für 2022 zum Teil sogar mehrere Zinsschritte. Goldman Sachs prognostiziert drei Zinsanhebungen, räumt aber ein, dass aus den Marktdaten zurzeit niedrigere Erwartungen abzulesen sind.

Alle Notenbanken müssen sich – auch wegen der neuen Coronavariante – mit dem Risiko einer Stagflation auseinandersetzen, also einer Kombination aus Inflation und schwachem Wachstum. Sie können zwei Fehler machen, die zu dieser Entwicklung führen: Der erste Fehler wäre eine zu schnelle Straffung, die die Wirtschaft schwächt und die Preise doch nicht einfangen kann. Der zweite wäre eine zu späte Straffung, nachdem die Zweitrundeneffekte die Preise auch im Abschwung weitertreiben.

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